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Schaurig schön im Kühlhaus

21.03.2008 | 18:30 |  Von Franziska Leeb (Die Presse)

Wie verwandelt man einen alten Schlachthof in ein Laboratorium für Gegenwartskunst? – „Matadero“, ein Lehrbeispiel aus Madrid.

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Der städtische Schlachthof (Matadero) von Madrid entstand ab 1910 im südlichen Stadtbezirk Arganzuela zwischen der Plaza Legazpi, dem Paseo de Chopera und dem Manzanares-Fluss. Das Ensemble der 20 pavillonartigen Gebäude der Schlacht-, Kühl- und Lagerhäuser und der angeschlossenen Verwaltungsgebäude sind ein wichtiges Beispiel für die Industriearchitektur des frühen 20. Jahrhunderts in der spanischen Hauptstadt. Von Anfang an war der Komplex darauf ausgelegt, zu wachsen und funktionell anpassungsfähig zu sein. Ab den 1970er-Jahren wurden einzelne Trakte nach und nach für diverse andere Funktionen adaptiert.

Als der Schlachthof 1996 endgültig stillgelegt wurde, bildeten sich Bürgerinitiativen, die sich für die Erhaltung des Matadero einsetzten. Universität, Kino- und Restaurantkomplex, Oldtimermuseum und diverse Kultureinrichtungen waren mögliche Nutzungsszenarien. Im Jahr 2003 entschloss sich die Stadt dazu, das gesamte Ensemble instand zu setzen. Und dies nicht, um es profitträchtig an private Investoren zu verscherbeln, sondern um ein riesiges Laboratorium für Gegenwartskunst zu etablieren, das zugleich der Bevölkerung des Bezirks zugute kommt.

Arganzuela ist ein Arbeiterbezirk mit hohem Anteil an Migrantinnen und Migranten. Lokales Kulturzentrum gab es bislang keines. Unter den vielen Dächern des Matadero, so der Ehrgeiz der städtischen Kulturpolitik, sollen Kulturinstitutionen angesiedelt werden, die hier im interdisziplinären, interkulturellen Austausch forschen und experimentieren und zugleich die Bewohner der angrenzenden Barrios zum Kommen und Mittun animieren.

Im Sommer vergangenen Jahres nahmen die ersten Institutionen ihren Betrieb auf. Bis 2011 soll das Projekt vollendet sein und auf rund 15 Hektar Gesamtfläche neben Produktions- und Ausstellungszentren für bildende Kunst, einem Theater, und einem Designzentrum auch ein Literaturhaus, das erste Architekturzentrum Madrids und weitere kulturelle Einrichtungen beherbergen. Die Revitalisierung des Matadero verlängert die „kulturelle Stadtachse“ Paseo del Prado – Paseo de Recoletos nach Süden und ist eingebunden in das große Stadtprojekt „Madrid Río“, wo nach einem Masterplan des niederländischen Landschaftsarchitektur-Studios „West 8“ entlang der Ufer des Manzanares der 14 Kilometer lange „Parque Lineal de Manzanares“ im Entstehen ist.

Die Ziegelarchitektur des Schlachthofes wurde von mehreren Architekten über die Jahre adaptiert. Keine große architektonische Geste drängt sich in den Vordergrund. Hauptakteur ist die historische Ziegelarchitektur. Das Neue ergänzt sie auf unterschiedliche, aber stets angemessene Weise. Wandelbarkeit, effiziente Nutzung von Ressourcen, der Verzicht auf jegliche Exaltiertheit und die Zentralisierung zahlreicher Einrichtungen an einem Ort sollen der Nachhaltigkeit des Projekts zuträglich sein.

Die Architekten Arturo Franco und Fabrice van Teslaar zeichnen gemeinsam mit dem Innenarchitekten Diego Castellanos für die Gestaltung des Foyers und der Räume von Intermediæ, einer Institution zur Förderung zeitgenössischer künstlerischer Produktion im Austausch mit der Öffentlichkeit, verantwortlich. Sie setzten Alt und Neu in einen Dialog, der den Besuchern die verschiedenen Baugeschichten des Ortes gleichberechtigt erzählt. Die ursprüngliche Substanz mit den Gebrauchsspuren an den Oberflächen ist ebenso geblieben wie Wunden, die Baggerschaufeln beim Umbau geschlagen haben. Dazu kommen schließlich die klar ablesbaren aktuellen Zutaten, die das Alte nur sanft berühren. Im Wesentlichen kamen industrielle Materialien in Standardmaßen zum Einsatz. Unbehandelte Stahlprofile unterschiedlicher Dimension wurden zu Bänken, Tresen oder Fensterrahmen. Die Raumtrennungen und Türen sind aus klarem Glas, wodurch das Volumen der historischen Räume wahrnehmbar bleibt. Die Eingriffe entsprechen in ihrer schnörkellosen Klarheit dem rauen Charme des Bestandes ebenso, wie sie seinen poetischen Gehalt unterstützen. Bei aller scheinbaren Lässigkeit sind die Details sorgfältig geplant und ausgeführt.

Ein ehemaliges Kühlhaus blieb völlig im Urzustand erhalten. Seine Wände, Stützen und Gewölbedecken sind noch schwarz vom Ruß der offenen Feuer, an denen sich Hausbesetzer in den unwirtlich kalten Hallen wärmten. Hier gibt es kein Beleuchtungssystem, keine Stellwände, keinen neuen Bodenbelag. Der Raum bietet Gelegenheit, das Potenzial der einzigartigen Architektur künstlerisch auszuloten. Noch bis 6.April bespielt den Raum die brasilianische Künstlerin Fernanda Gomes mit subtilen, präzise gesetzten, aber wie beiläufig wirkenden Interventionen aus wenig Licht und belanglosen Materialien. Sie führt den Betrachter durch den Raum und evoziert Unsicherheit ebenso wie schaurig-schöne Erlebnisreisen durch die dunkle Welt des Kühlhauses.

Ebenso bereits in Betrieb sind die „Naves des Español“, drei zu einem multifunktionalen Theater (Architekt: Emilio Esteras) zusammengefasste Lagerhäuser. Bühne und Tribünen des großen Theatersaals können beliebig arrangiert werden, das Foyer kann auch zum Aufführungsort für kleinere Produktionen mutieren. Auch das Centro de Diseño, das José Antonio García Roldàn – zu einem großen Teil unter Verwendung diverser Recyclingmaterialien – adaptiert hat, ist dank drehbarer Wände zwischen den bestehenden Stützen vielseitig bespielbar.

Allen neuen architektonischen Eingriffen ist gemeinsam, dass sie frei von marktschreierischer Attitüde sind. Dazu passt es wunderbar, dass der Zutritt zum Matadero kostenlos und das gesamte Areal ein für alle zugänglicher öffentlicher Raum ohne Konsumzwang ist. Und die Nachbarn aus der Gegend sind auch da: Sie flanieren durch die Höfe, besuchen die Ausstellungen, tratschen mit den jungen Künstlern in den Ateliers des Intermediæ und nutzen Internet und Bibliothek. Dieser Tage gibt es für sie noch mehr zu tun, wenn die Landschaftsarchitekten des französisch-deutschen Ateliers Le Balto zur Mitarbeit im „Avant-Garden“ rufen. Im der langen schmalen Schlucht zwischen der straßenseitigen Umfassungsmauer und den Schlachthofgebäuden entwickelten sie einen zeitgenössischen Rosengarten, der nun unter Mitwirkung der Bevölkerung des Bezirks bepflanzt und später auch gepflegt werden wird. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2008)

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