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Ein Bau, der in den Park segelt

01.01.2010 | 16:52 |  Von Iris Meder (Die Presse)

Die Nachkriegs-Moderne der exsozialistischen Länder erlebt derzeit einen wahren Hype. Nichts als große Gesten und Pathos der Moderne? Weit gefehlt! Einige Beispiele aus Kroatien.

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Sie erfährt derzeit einen enormen Hype: die Nachkriegsmoderne der exsozialistischen Länder. Websites wie www.restmodern.de,www.ostarchitektur.com, www.evidenca.org und www.eastmodern.com sammeln Zeugnisse einer Architektur, von der eine besondere Faszination auszugehen scheint. Ausstellungen wie die Reihe „Architektur im Ringturm“ oder die derzeit im Architekturzentrum Wien zu sehende „Balkanology“ widmen sich den Architekturlandschaften postsozialistischer Staaten.

Als sentimentale Sozialismus-Nostalgie nachgeborener „Westler“ sollte man dieses Interesse nicht abtun. Während im westlichen Teil Mitteleuropas wegweisende Lösungen nicht zuletzt im Wohnbau und im Urbanismus gesucht wurden, ist das, was Architektur des „Ostblocks“ in weit größerem Maße bieten kann, ein gewisses Pathos der Moderne, das in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gerade im deutschsprachigen Raum verpönt war und von dem daher heute eine umso größere Faszination ausgeht. Die viel publizierten Ostblock-Bauten der Fünfziger- und Sechzigerjahre sind vorwiegend repräsentative öffentliche Gebäude wie Devisenhotels, Hochschulen, Revolutionsmuseen, Nationalgalerien und Parteizentralen. Wohnbau wurde in großmaßstäblich aus dem Boden gestampften neuen Stadtteilen wie Novi Beograd, Novi Zagreb, Halle-Neustadt oder Bratislava-Petržalka hauptsächlich in Plattenbau-Scheibenhochhäusern mit standardisierten Wohnungen untergebracht. In Bratislava schlug man eine Stadtautobahn über die Donau nach Petržalka. Gemeinsam mit Teilen des historischen jüdischen Viertels musste der Magistrale auch die Synagoge weichen, die die Zeit des Nationalsozialismus überstanden hatte. In Leipzig wurde die gotische Universitätskirche gesprengt, in Bukarest wurden überhaupt große Teile des historischen Stadtzentrums abgerissen. Was man also in der Architektur der einstigen sozialistischen Länder wohl zuletzt suchen würde, sind Beispiele zum Thema urbane Nachverdichtung und Bauen im Bestand.

Zu Unrecht. In Jugoslawien etwa wusste man schon vor 50 Jahren, wie das geht. Ab 1960 entstand das vom Architekten Ivan Vitić geplante Kulturzentrum der jugoslawischen Volksarmee im dalmatinischen Šibenik. Der ikonische Bau, der nach einer Generalsanierung mit teilweiser Änderung der Innendisposition heute als Stadtbibliothek dient, war 2007 in der Kroatien-Ausstellung im Wiener Ringturm zu sehen und kann derzeit wieder in der „Balkanology“-Schau des Architekturzentrums Wien bewundert werden.

Nähert man sich auf der in die Stadt führenden Hauptstraße dem Poljana-Platz, dessen meerseitigen Abschluss das Gebäudebildet, ist der Eindruck ein atemberaubender:Direkt aus der im ortstypischen weißen Steingebauten Stadtmauer wächst ein durchsichtiges Schiff. Opak steht gegen transparent, Stein entmaterialisiert sich zu Glas. Das prismatisch gefaltete Dach scheint sich im Wind zu blähen, mit seinem schmal zulaufenden Bug segelt der Bau in den angrenzenden Park. In der als UNESCO-Weltkulturerbe klassifizierten Altstadt von Šibenik steht die Moderne buchstäblich auf den Schultern des Riesen Geschichte.

An der Rückseite, Richtung Meer, wird klar, dass das Kulturzentrum Teil eines städtebaulichen Komplexes ist, der vom 1917 in Šibenik geborenen Ivan Vitić als Gesamtheit geplant wurde: Die bereits 1952 entstandene, rechtwinklig zum Kulturzentrum gestellte Schule bildet mit diesem und den Resten der Stadtmauer aus der Renaissancezeit eine öffentliche Piazza. Mit sozialistischem Pathos hat das alles, trotz der ursprünglichen Bestimmung des Gebäudes, nichts zu tun und mit Balkan erst recht nicht. Spürbar ist vielmehr eine selbstbewusste Balance zeitgenössischer Architektur und ihres respektierten Kontextes – eine Qualität, die auch heute alles andere als selbstverständlich ist. Als architektonische Vergleichsbeispiele fallen einem Carlo Scarpas Interventionen in historischer Substanz wie die Umbauten des Castelvecchio in Verona oder der Fondazione Querini Stampalia in Venedig ein, auf die auch die 2005 erschienene Vitić-Monografie hinweist.

Dabei konnte Ivan Vitić den Wunsch nach der großen sozialistischen Geste durchaus ebenfalls bedienen, wie etwa sein Gebäude der Parteizentrale auf dem neu erschlossenen flachen Bauland an der Save in Zagreb zeigt. Anders war die Situation in der historischen Umgebung seiner Heimatstadt. Auch das wenige Jahre vor dem Kulturhaus gebaute Rathaus von Šibenik bezieht einen Teil der arkadengesäumten Stadtmauer mit ein. Mit dem ebenfalls von Vitić geplanten gegenüberliegenden Hotelbau entsteht auch hier eine zum Meer offene Piazza. Städtebauliche Fassung und Architektur überzeugen noch heute.

Ähnlich wie Vitić arbeitete der gleichaltrige Neven Šegvić. 1961 realisierte er in seinerHeimatstadt Split anstelle eines kriegsbeschädigten Altbaus ein Bürogebäude, dessen verglastes Erdgeschoß Blicke auf archäologische Ausgrabungen erlaubt. Direkt am Peristyl desantiken Diokletianspalastes musste der Bau es mit einer noch heikleren historischen Nachbarschaft aufnehmen. Heute wäre eine so selbstbewusst zeitgenössische Lösung wohl nicht mehr ohne Weiteres möglich.

Weitere Kulturzentren nach Entwürfen von Ivan Vitić folgten dem von Šibenik. Zu einem Nukleus des „kritischen Regionalismus“ von Vitić und Šegvić wurde die dalmatinische Insel Vis. Šegvić realisierte dort eine Atriumschule mit Freiluftklassen, schon Anfang der Fünfziger hatte Vitić mit einem den Maßstab des Altstadt-Kontextes aufnehmenden Wohnkomplex Zeichen für eine reflektierte Moderne in über Jahrhunderte gewachsener Umgebung gesetzt. Vitićs kleines erdgeschoßiges Kulturhaus von Komiža auf Vis hat über quadratischem Grundriss eine ähnlich spektakulär gefaltete Dachlandschaft wie das in Šibenik. Nach langem Verfall wird das Gebäude seit 2006 restauriert, Spender können über eine Homepage einzelne „Bausteine“ kaufen.

In den Sechzigerjahren plante Vitić eine Reihe von Pavillon-Motels an der dalmatinischen Küste, die wie die Kulturhäuser mit der Verbindung von Bruchsteinmauerwerk und Glaswänden lokale Materialien mit zeitgenössischen kombinieren. Nicht nur damit, auch mit ihren kleinen Maisonette-Einheiten stehen sie in der Nachfolge Le Corbusiers. Die Rettung des nicht am Strand, sondern an der viel befahrenen Durchgangsstraße gebauten und daher heute leer stehenden und verfallenden Motels in Trogir steht noch aus. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2010)

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