(22. April 1862) Der preußisch-französische Handelsvertrag bildet in Österreich, Preußen und dem übrigen Deutschland den Gegenstand einer mit wachsender Erhitzung geführten Polemik zwischen den nord- und süddeutschen Blättern. Wir haben schon hervorgehoben, daß die norddeutsche und namentlich die preußische Presse dem Handelsvertrage eine vorwiegend politischen Bedeutung beilegt. Man glaubt darin das Mittel gefunden zu haben, Oesterreich aus Deutschland völlig hinauszuwerfen und es gänzlich zu isolieren.
Ein Berliner Blatt nennt den Handelsvertrag eine „Revanche der Grafen Bernstorff für die identischen Noten“, und verspricht sich davon nicht blos, daß Oesterreich den Zollvertrag mit dem Zollvereine werde fallen lassen müssen, sondern auch, daß es, gezwungen, seine Zwischenzölle zu erhöhen, zu dem aufgegebenen Prohibitiv-System werde zurückkehren müssen. Man bildet sich in Berlin ein, mit dem Handelsvertrag Deutschland die preußische Spitze aufgesetzt zu haben.
Interessant ist, daß, während man sich in Berlin für durchaus befugt hält, im Handelsvertrag einen Stützpunkt für rein politische Zwecke zu suchen, man den anderen deutschen Staaten das Recht, ein Gleiches zu thun, abspricht. „Die Regierungen, welche etwa versuchen möchten“, ruft die Kölnische Zeitung ihnen zu, „für ihre politischen Antipathien bei den Schutzzoll-Interessen eine brauchbare Stütze zu finden, würden sich, glauben wir, sehr täuschen. Mittelstaatliche Politiker mögen sich hüten, das Selbst- und Ehrgefühl des preußischen Volkes außer Anschlag zu lassen – sie möchten leicht ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht haben!“ ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2012)















