Mehr als Glück und Zufall

25.05.2012 | 18:39 |  Von Franziska Leeb (Die Presse)

Wie lernen Kinder Baukultur? Leider selten durch eine flächendeckende bildungs- und baupolitische Praxis. Wie eine solche Praxis aussehen kann, zeigen zwei Beispiele in Niederösterreich.

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Die Auseinandersetzung mit der gestalteten Umwelt ist Bestandteil der österreichischen Schullehrpläne, und selbst der Bildungsrahmenplan für Kindergärten legt Wert auf ästhetische Bildung und eine Lernumgebung, die diese fördert. Dank verpflichtenden Kindergartenjahres und diverser Förderinitiativen haben sich in den vergangenen Jahren hunderte Gelegenheiten geboten, gut gestaltete, stimulierende Räume für diese wichtige Entwicklungsphase bereitzustellen. Nicht überall wurden die Chancen genutzt. Kindergartenbauten sind Kommunalangelegenheiten, ihre Qualität daher stark von der baukulturellen Kompetenz der Auftraggeber abhängig.

Der Kindergarten von Anton Schweighofer in St. Andrä-Wördern stellte 40Jahre lang ein sinnlich anregendes Milieu für Kleinkinder zur Verfügung. Obwohl eine Pionierleistung seiner Art in Niederösterreich, musste er als Kindergarten aufgegeben werden, weil die mit Ziegelmauerwerk ausgefachte ungedämmte Stahlbetonkonstruktion nicht mehr den heutigen bauphysikalischen Anforderungen Genüge tut, und für einen Weiterbetrieb des Kindergartens hätte saniert werden müssen. Jede Dämmung, jeder Umbau hätte das Bauwerk verschlechtert, gar zerstört. Insofern ist es ein Glück, dass die Gemeinde mit einer neuen Nutzung als Seniorentreff und Bibliothek sich für den Erhalt entschieden hat.

Für die Kinder wurde stattdessen ein neuer Kindergarten auf der benachbarten ehemaligen „Stierwiesen“ errichtet. Die Entscheidung, ihn aus vorgefertigten Massivholzelementen zu konstruieren, fällten die Architekten Schermann & Stolfa aufgrund des engen Zeitkorsetts von weniger als einem Jahr. Geschickt integrierten sie den eingeschoßigen Baukörper so in die Wiese, dass möglichst viele der vorhandenen alten Bäume erhalten werden konnten und nun wesentlich zur Raumbildung im Freien beitragen, trotzdem aber viel Spielfläche im Freien erhalten bleibt. Großzügig, hell und übersichtlich ist das Gebäude und dennoch heimelig, wozu das Holz beiträgt, aber auch die geschickte Anordnung der Funktionen und die sachten Verschwenkungen aus dem rechten Winkel. Dadurch werden zum Beispiel die Garderoben zu in den Gruppenraum leitenden Trichtern, während sich die kleinen zweigeschoßig ausgebildeten Rückzugsbereiche daneben in Richtung Großraum leicht weiten oder Knicke in den Außenwänden den tiefen Terrassenbereich gliedern, ohne ihn zu unterteilen. Durch- und Ausblicke sind ebenso wichtig wie viel Tageslicht, das zusätzlich über Scheddächer und Lichtkuppeln den Baukörper durchdringt. Nichts an der Architektur ist verspielt, aber es lässt sich vorzüglich damit spielen. Der verglaste Bewegungsraum kann mit dem Foyer zu einem gemeinsam nutzbaren Bereich gekoppelt werden, ebenso sind die vier Gruppenräume untereinander mit Schiebetüren verbunden. Der Stauraum unter der Galerie lässt sich flugs in ein Kasperltheater verwandeln, und Fenster auf den kleinen Galerien gestatten das Beobachten des Geschehens in der Halle. Es ist eine Umgebung geworden, die sich die Kinder erobern können, und das Erdbeerpflücken im Naschgarten geht unmittelbar neben einem Stück Architekturgeschichte vonstatten.

Solche gestalterischen Qualitäten sind schwer zu artikulieren und in Rechentabellen darzustellen, und es gibt dafür keine amtlichen Zertifikate, wie es für ökologische Parameter längst Usus ist. Mannersdorf am Leithagebirge ist eine der Gemeinden, die stolze Besitzerin eines mit dem klima:aktiv-Zertifikat des Lebensministeriums versehenen Kindergartens ist. Der Kriterienkatalog dieses Labels sei eine gute Hilfestellung in der Planung, so Architekt Leo Dungl, der das Zertifikat auch als gute Unterstützung für die Argumentation verschiedener Materialentscheidungen gegenüber den Bauherren schätzt, der am Ende die Richtigkeit seiner Entscheidungen amtlich bestätigt bekommt. Ein Holzbau wäre an diesem traditionsreichen Standort der heimischen Kalk- und Zementindustrie geradezu ketzerisch gewesen. Leo Dungl (Mitarbeit: Dolphi Danninger) setzte den gar nicht sehr „öko“ aussehenden Öko-Kindergarten als Gefüge von weißen Quadern auf die Hangkuppe. Das Volumen sprengt nicht die Maßstäblichkeit der umgebenden Einfamilienhäuser, wird aber durch das strahlende Weiß zur leicht auszumachenden Landmarke.

Den richtigen Abstand braucht es auch, um die Kugelkalotten an der Stützmauer zu dechiffrieren, die das Gebäude als etwas Besonderes markieren und sich bei richtigem Hinsehen als eine Art Vexierbild erweisen, das lapidar „Kindergarten“ (!) mitteilt. Das Terrain unter dem aufgestelzten Turnsaal wurde zu einem ungewöhnlichem Spielort im Freien, wo der Stützenwald und Kies in unterschiedlichen Körnungen einen gedeckten Freibereich anbieten, der Gstätten- und Baustellencharakter verbindet – Orte, die vielen von uns Erwachsenen wichtige Schauplätze des Abenteuers Kindheit waren, heutigen Kindern aber meist verwehrt sind.

Jeder dieser beiden Kindergärten bietet auf seine Art den Kindern nicht zu dominante Räume, die vielfältig nutzbar sind und zum selbstständigen Erobern anregen. Das ist schon eine gute Basis für eine baukulturelle Bildung. Schade, dass sie nicht selbstverständlich ist. Denn das Glück, in einer wohlgestalteten Einrichtung betreut zu werden, haben nicht alle Kinder, und die in den Lehrplänen verankerte Architekturvermittlung bleibt meist Theorie. Einen Gutteil der diesbezüglichen Aktivitäten erfolgt nicht im öffentlichen Schulwesen, sondern durch die niedrig dotierte und oft ehrenamtliche Arbeit von Architekturvereinen.

Sie sind auch die wichtigsten Träger der kommenden Freitag und Samstag bundesweit stattfindenden Architekturtage, die unter dem Motto „Anders als gewohnt“ kostenlos Gelegenheit geben, Architektur nicht bloß aus der Zeitung, sondern in echt und mit allen Sinnen zu erfahren. Umfangreich ist das Kinder- und Jugendprogramm, das zur Inspiration auch allen Pädagogen ans Herz gelegt sei. In Wien wagt sich die ÖGFAsogar in die Lugner City und wird dort eine jugendliche Klientel erreichen, die sonst wenig in den Genuss solcher Programme kommt. Informationen im Internet:www.architekturtage.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2012)

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