Die Hunde von Ladispoli

29.06.2012 | 18:45 |  Von Vladimir Vertlib (Die Presse)

Roms russisch-jüdisches Zuwan-dererghetto als kleines Welttheater. David Bezmozgis beschreibt in seinem Romandebüt, „Die freie Welt“, hintergründig und mit trockenem Humor die Tücken der Emigration.

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Der Schriftsteller David Bezmozgis, 1973 als Sohn jüdischer Eltern in Riga geboren, kam im Alter von acht Jahren als Immigrant nach Kanada. Für seinen Erzählband „Natascha“ erhielt der heute in Boston lebende Autor mehrere Literaturpreise. Bezmozgis gilt zu Recht als einer der besten jüngeren englischsprachigen Autoren der Gegenwart. Seine Prosa ist hintergründig, poetisch, gut lesbar. Dies gilt im besonderen Maß für „Die freie Welt“ – seinen ersten Roman. Darin beschreibt der Autor das Schicksal einer jüdischen Großfamilie, die 1978 aus der damals sowjetischen Stadt Riga auswandert und in Rom – in jenen Jahren Drehscheibe der russisch-jüdischen Emigration für alle, die nicht nach Israel wollten – auf die Weiterreise nach Kanada wartet. Die Familie Krasnansky besteht aus drei Generationen, dem Großvater Samuel und seiner Frau Emma, deren beiden Söhnen Karl und Alec, ihren Ehefrauen Rosaund Polina sowie Rosa und Karls Söhnen, die noch im Kindesalter sind.

Die Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander sind komplex und bilden einen wesentlichen Aspekt des Romans. Alec beschließt auszuwandern, nachdem sein Bruder dies für sich und seine Familie entschieden hat. Vater Samuel reist mit seinen Söhnen, obwohl er als Parteimitglied und angesehener Kriegsveteran lieber in Riga geblieben wäre. Die Frauen folgen in dieser patriarchalisch geprägten Welt ihren Ehemännern. In Rom – vor allem in Ostia und Ladispoli, den beiden Außenbezirken am Meer – versuchen sie und tausende weitere „Russen“ durch Schwarzarbeit und Kleinhandel über die Runden zu kommen. Bis die ersehnten Einreisevisa nach Kanada, in die USA oder nach Australien eintreffen, vergehen Monate. Die Unterstützungen durch jüdische Organisationen reichen kaum zum Überleben. Wer nicht in großer Menge russische Souvenirs für den römischen Schwarzmarkt aus der Sowjetunion über die Grenze geschmuggelt hat, wer keine Arbeit findet und keine hilfsbereiten Freunde hat, muss hungern. Kaum der sowjetischen Bürokratie entronnen, sind die Emigranten in der „freien Welt“ sogleich mit Einreisebestimmungen, Formularen, Hindernissen aller Art oder mit medizinischen Untersuchungen konfrontiert, die derart erniedrigend sind, dass sie bei Polina Erinnerungen an eine Abtreibung wecken, die sie als Studentin hatte machen lassen.

Die Krasnanskys – so viel sei verraten – sind keine besonders sympathische Familie. Karl, ein Zyniker und Geschäftemacher, fühlt sich im kriminellen Milieu des Schwarzmarkts wohl. Alec ist unreif, innerlich zerrissen und nur selten fähig, Verantwortung zu übernehmen. Seine Frau Polina ist kalt und in den entscheidenden Momenten ihres Lebens auf eine fatale Weise autodestruktiv. Samuel, Jahrgang 1913, war schon als junger Mann Kommunist. 50 Jahre später glaubt er, nun Emigrant und somit „Landesverräter“, immer noch, die Sowjetunion sei das beste Land der Welt. Während der Zeit des StalinTerrors stand er aufseiten der Täter und gehörte 1940 zu jenen, die Lettland sowjetisierten.

Die Krasnanskys und eine Reihe von Nebenfiguren – allesamt russisch-jüdische Emigranten, von denen jeder seine eigene tragische, witzige oder absonderliche Lebensgeschichte hat – werden einfühlsam und mit trockenem Humor beschrieben. Jede Figur trägt unverkennbare individuelle Züge und ist zugleich auf ihre eigene Weise exemplarisch, denn alle handelnden Personen in Bezmozgis' kleinem Welttheater – dem das Zuwandererghetto im Rom der Siebzigerjahre als Kulisse dient – sind Produkte des repressiven sowjetischen Systems, dessen Ideologie zu diesem Zeitpunkt längst zur Heuchelei verkommen ist. Wenn aber dieoffiziellen Regeln ständig gebrochen werden und alles, was geglaubt werden soll, zur leeren Hülse wird, während in Wirklichkeit Gewalt und Zynismus das Leben bestimmen, kann nur ein Gegenmodell, ein alternativer Glaubensansatz, als Rettungsanker dienen. Einigen gelingt das.

Doch die Krasnanskys sind weder Zionisten oder überzeugte Demokraten, noch sind sie religiös oder besonders moralisch. Die „Rebellion“ gegen die Umstände, unter denen sie leben müssen, findet für Alec und Karl vor allem im sexuellen Bereich statt. Mit Ausnahme von Samuel, der mit Abstand spannendsten Figur des Romans, haben die Krasnanskys keine ausgeprägten Überzeugungen oder Visionen für die Zukunft. Sie sind in erster Linie an sich selbst interessiert. Zwar finden sie sich ganz gut zurecht, aber dennoch keinen inneren Halt im Leben.

In Ostia und Ladispoli leben die Auswanderer in einer Zwischenwelt. Sie sind abgereist, aber noch nicht angekommen. Den Luxus des Westens, den sie bestaunen, können sie sich nicht leisten. Mit den Einheimischen findet echte Kommunikation nur selten statt. Zu groß sind die sprachlichen, vor allem aber die kulturellen Barrieren. Was sie in der „freien Welt“ erwartet, sind andere russische Juden. Sie alle spiegeln die sowjetische Gesellschaft wider, nur dass hier, unter den speziellen Bedingungen der Emigration, vieles noch bedrückender wirkt und brutaler abläuft als in der alten Heimat. Dabei wünschen sich die Menschen nichts sehnlicher, als das Alte hinter sich zu lassen. Das wird besonders in jener eindringlichen symbolischen Szene deutlich, in der Bezmozgis die streunenden Hunde beschreibt, die sich in hungrigen Meuten am Strand von Ladispoli sammeln: „Ihre Besitzer hatten sie ausgesetzt, bevor sie nach Kanada oder Amerika abflogen. Obwohl sie vorher erhebliche Mühen auf sich genommen hatten, um die Hunde von der Sowjetunion nach Italien mitnehmen zu dürfen, hielt irgendetwas sie davon ab, sie noch weiter mitzunehmen... Samuel hatte schon miterlebt, wie Italiener die Tiere mit den russischen Worten für ,nein‘ und ,verschwinde!‘ verscheuchten.“

In „Die freie Welt“ werden die russische und die angelsächsische Erzähltraditionen wunderbar verbunden – die Liebe zum Detail, die behutsame, psychologisch glaubwürdige Zeichnung der Figuren und die Leidenschaft, mit der der Erzähler, trotz des zurückhaltenden, fast sachlichen Tons an seinen Stoff herangeht. Leider hat der Roman auch Schwächen: Einige Passagen sind langatmig, manche Anekdoten oder beiläufig erzählten Geschichten überflüssig. Der Anfang überzeugt nicht ganz. Erst nach ungefähr 20 Seiten wird der Text lebendig und spannend. Insgesamt betrachtet ist „Die freie Welt“ aber ein gelungenes Romandebüt – ein wichtiges und sehr lesenswertes Buch. ■



David Bezmozgis

Die freie Welt

Roman. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. 350 S., geb., € 23,70 (Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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