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Sehnsucht nach Schnee

29.06.2012 | 18:46 |  Von Rüdiger Görner (Die Presse)

Carson McCullers' Prosa wirkt glasklar; sie schmückt nichts aus; sie erzählt, ohne zu beschreiben. Und doch entsteht Atmosphäre, jene der Südstaaten, der Baumwollspinnereien, des Whiskeys, der latenten Gewalt. Eine Wiederentdeckung anlässlich der Neuübersetzung ihrer Romane.

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Der Name dieser Schriftstellerin steht für eine Leidensgeschichte. 50 Lebensjahre sind Carson McCullers vergönnt gewesen, zwei literarisch ungemein produktive Drittel davon waren von Krankheit und schweren seelischen Krisen überschattet, gezeichnet vom Selbstmord ihres Mannes Reeves McCullers (1953), dem ihr eigener Selbstmordversuch (1948) vorausgegangen war.

Geboren wurde sie in Columbus im Staat Georgia, und zwar in jenem Jahr (1917, auch John F. Kennedys Geburtsjahr), in dem die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg eintraten. Konzertpianistin wollte sie werden, ein Vorhaben, das ein Rheumaanfall 1932 zunichtemachte. Carson McCullers hatte etwas Wunderkindhaftes, entwaffnend Naives, sehr große und sehr runde Augen, die erstaunt und doch wissend auf diese Welt blickten. Dass sie mit einer Erzählung names „Wunderkind“ debütierte (1936), war folgerichtig. Ihre Welt lag zwischen Columbus in den Südstaaten und New York, zwischen North Carolina und
Nyack im Staat New York.

Es gibt ein Foto von McCullers, das sie vor einem Klavier zeigt, daneben – auf gleicher Höhe – die Schreibmaschine. Auf dieser tippte sie Geschichten voll stiller Mu-
sik, leicht melodisch; an etwas Handlung, mehr aber an Atmosphäre interessiert, am inneren Drama der Einsamen. Das Ergebnis dieses Schreibens waren Einträge in die Weltliteratur, Geschichte um Geschichte, Roman um Roman. Man verglich sie mit Fjodor Dostojewski (fälschlicherweise; Anton Tschechow wäre passender), William Faulkner und Tennessee Williams, mit dem sie eng befreundet war. Doch ließe sich ein größerer Kontrast vorstellen als jener zwischen, sagen wir, dem vor Sinnlichkeit berstenden Stück von Williams „A Streetcar Named Desire“ (1947) und einem Text von Carson McCullers?

In Tübingen war's, noch im ersten Studienjahr, als mir eine befreundete Gaststudentin aus Illinois zum Abschied „The Heart is a Lonely Hunter“ schenkte. Von Carson McCullers hatte ich bis dahin nie gehört. Meine sehr weltläufige Studienfreundin, Enkelin eines 1933 nach Chicago emigrierten jüdischen Nürnbergers, schrieb mir Unbedarften in das Buch als kleinen Leseleitfaden: Dieser Roman sei der „ganz andere Gatsby“, ein Herzstück „amerikanischen Lebens“, ein Vademecum für Einsame. Eine sehr ferne Welt erschloss sich mir da Seite um Seite. „In the town there were two mutes, and they were always together.“

Diese zwei Taubstummen, ein Silbergraveur und ein Obsthändler, vergisst man nicht mehr, ebenso wenig wie den farbigen Arzt, das Mädchen, das nichts sehnlicher begehrt als die Fähigkeit, Symphonien zu komponieren, den Möchtegern-Revolutionär und gewalttätigen Alkoholiker dazu und den Besitzer eines Cafés, dessen Leben zunehmend leerer wird.


Die Welt der Apartheid im Süden

McCullers' Prosa wirkt glasklar; sie schmücktnichts aus, sie erzählt gleichsam ohne zu beschreiben. Und doch entsteht dabei – Atmosphäre, jene der Südstaaten, der Baumwollspinnereien, des Whiskeys, der latenten Gewalt. McCullers schreibt von der Welt der Apartheid im Süden. Ein Jahr nach ihrem Tod wurde Martin Luther King in Memphis, Tennessee, ermordet.

Dass die USA jemals von einem farbigen Präsidenten regiert würden, war nicht einmal im „Traum“ des Bürgerrechtlers vorstellbar, in McCullers' Prosa ohnehin nicht. Sie behandelte den Rassismus in den Südstaaten noch in ihrem letzten Roman („Uhr ohne Zeiger“) als Realität, verkörpert durch den alten Richter Clane, der am Ende in aller Rundfunköffentlichkeit gegen die vom Obersten Bundesgerichtshof verfügte Aufhebung der Rassentrennung in den Schulen eifert.

McCullers erzählt unaufgeregt und erregt doch gerade dadurch im Leser erhöhte Aufmerksamkeit, etwa wenn sie den schleichenden Wahnsinn des Lebens in einer Garnison schildert („Spiegelbild im goldenen Auge“) und die parallelen Lebensgeschichten, die jederzeit ins Tragische umschlagen können. Da sind der fahle, frustrierte Hauptmann Penderton und seine glamouröse Frau Leonora sowie im Haus nebenan der schneidige Major Langdon mit seiner kränkelnden Frau Alison, die von einem Bediensteten namens Anacleto angehimmelt wird, der davon träumt, mit ihr durchzubrennen in den tiefen Süden.

Und da ist der stumme Privatier Williams, ein Einsamer, ein Autist, ein Voyeur, der sich nachts ins Haus der Pendertons schleicht und am Bett der angebeteten schlafenden Hauptmannsfrau kniet, wobei er denn auch zuletzt von Penderton „ertappt“ und erschossen wird. McCullers schildert jedoch in diesem Roman einen geradezu dionysischen Augenblick, nein, keine Liebesszene zwischen den offensichtlichen Kandidaten dafür, sondern eine geradezu phantasmagorische Begegnung zwischen Williams, der überdies Leonoras Pferd versorgt, und dem Hauptmann, der dieses wilde Pferd zu reiten versucht, dabei strauchelt, scheitert und ein homoerotisches Erlebnis mit Williams mehr imaginiert als erlebt. Korybantischere Seiten hat McCullers keine geschrieben als diese an Intensität selbst Faulkner hinter sich lassende Szene.

„Der Tod bleibt sich immer gleich, doch jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod.“ Mit diesem Satz beginnt der Roman „Uhr ohne Zeiger“. Von J.T. Malone handelt er, einem Apotheker, der an Leukämie erkrankt ist, aber seinen Blutkrebs nicht wahrhaben will. Und wiederum gerät der Leser in Parallelgeschichten, parallel laufende Biografien, die sich dann doch überschneiden. Da ist das schwarze Findelkind Sherman mit seinen verräterisch blauen Augen, das ausgesuchten Geschmack und „Stil“ an den Tag legt und über eine gute Singstimme verfügt. Und da ist Jester Clane, Enkel des rassistischen Richters, mit Sherman halb befreundet, halb verfeindet, ein an Privilegien gewöhntes Großvatersöhnchen, mit einigen Talenten gesegnet (er spielt recht gut Klavier, worum ihn Sherman beneidet), ohne wirklich begabt zu sein. Malone und der alte Richter sind gleichfalls befreundet; doch es handelt sich um Freundschaften, die letztlich ins Leere gehen, am Rassismus scheitern oder schlicht am allzu Unzulänglichen des Menschen.

Was soll man von einer sehr frühreifen Zwölfjährigen halten, die sich im Roman „Frankie“ in den Gedanken an eine Hochzeit, jene nämlich ihres Bruders, regelrecht verliebt? Sie entwickelt die Wahnvorstellung, dass das Brautpaar sie auf seine Flitterwochen mitnehmen werde, um ihr damit den Ausbruch aus der ihr verhassten kleinen Welt in den Südstaaten zu ermöglichen, an der Frankie andererseits aber auch hängt. Sie will loslassen können, dabei aber vom großen Bruder geführt werden.

Wie es um ihre Gemütsverfassung steht, illustrieren am besten die beiden Musikszenen dieses Romans. Frankie (oder F. Jasmine) hört Musik. „Mitten in einer Melodie brach die Trompete plötzlich ab. Einen Augenblick lang konnte Frankie es nicht begreifen, sie fühlte sich betrogen.“ Später geht es um die Voraussetzungen für Musik, das Stimmen eines Klaviers: „Eine Tonlei-ter schnitt durch den Augustnachmittag. Eine Taste wurde angeschlagen. Dann folgte eine Reihe von Tönen, träumerisch ging es nach oben, wie auf den Stufen einer Schlosstreppe.“

Und dann: „Doch bevor der achte Ton die Tonleiter abschließen konnte, brach sie ab. Der siebente Ton wurde wieder und wieder angeschlagen, was die Unvollständigkeit noch betonte.“ Hierbei handelt es sich nicht nur um eine eindrücklich-assoziative Beschreibung des Klavierstimmens, sondern auch um die Andeutung dessen, was sich hinter der neuen, einzigartigen, zudem in eindrucksvollen Übertragungen ins Deutsche vorliegenden Erzählkunst Carson McCullers' verbirgt.


Der Vorgang des Stimmens

Denn sie, die sich selbst auf dem Weg zu einer pianistischen Laufbahn glaubte, die jäh unterbrochen wurde, „unvollständig“ bleiben musste, erzählte sie nicht genauso, wie sie hier den Vorgang des Stimmens beschrieben hat? Träumerisch, phasenweise zumindest, dann ostinat mit einem bestimmten Thema („Ton“) umgehend, es immer wieder bearbeitend, wiederholend, im Stile einer Reihung? (Zu denken wäre etwa an das mehrfach evozierte Motiv „Sehnsucht nach Schnee“ unter melancholisch veranlagten Südstaatlern.)

Verstand sie sich nicht meisterhaft darauf, immer wieder an ein und demselben Punkt erzählend anzusetzen, auf ihn zurückzugreifen, um sich dieses Ansatzes stets wieder neu zu vergewissern? In ihrer Prosa kann es vorkommen, dass ein Adjektiv bis zu dreimal wiederholt wird: „Selbstsüchtig, selbstsüchtig, selbstsüchtig wie er war“ („Uhr ohne Zeiger“). Seltsam, was man anderen Autoren als Manie ankreiden würde, in den Texten der Carson McCullers wirkt dergleichen „stimmig“, angemessen, zwingend sogar.

Von Malone schreibt die Erzählerin in McCullers' Roman: „Er war ein Mann, der eine Uhr ohne Zeiger beobachtete“, als ihm deutlich wurde, dass die seine ablaufen müsse, schneller als der Verstand es erlaubte. Eigenartig, das trifft auch auf diese Prosa zu: Sie wirkt gerundet, mit Zeitfaktoren durchaus beziffert, gelegentlich finden sich zeitgeschichtliche Verweise: „Die (amerikanische, Anm.) Armee stand vor Paris“, ohne dass man genau hätte sagen können, was ihr die Stunde geschlagen hat. Zeitlos ist diese Prosa nicht, aber in ihrer tiefen Menschlichkeit jederzeit gültig. ■

Carson McCullers
Die Romane

Vierbändige Kassette. Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Schnack, Susanna Brenner-Rademacher und Richard
Moering. 1488S., Ln., €71 (Diogenes Verlag, Zürich).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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