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Du bist ja gut gelaunt

29.06.2012 | 18:46 |  Von Olga Flor (Die Presse)

„Darauf haben Jahrmillionen zuchtwahlgetriebener Entwicklung uns hingetrimmt: Auf das Bild eines Mannes im Kampfanzug, eines offen kampfbereiten Mannes, wird mit sexuellem Interesse reagiert, zumindest, wenn er halbwegs attraktiv ist.“ Beginn des neuen Romans.

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Ich lasse mich immer gerne ficken von einem Krieger. Das ist es, was ich dachte, als ich an Peters kantiger Uniformjacke vorbeisah, gerade so, dass ich den winzigen Ohrring wieder fand,das einzige – und ein wenig deplatzierte – Schmuckelement an seinem völlig kahl geschorenen Schädel unter der Türstehermütze. Ein Türsteher kommt ja weniger in Frage.Ich betrachtete ihn eingehender, während er die Dämmerung hinter mir im Auge behielt, das Mischlicht (halb Tageslichtrest, halb Nachtkunstlicht), das den runden Einfahrtsbereich ausfüllte, der zwischen Lobby und Parkhaus eingebettet ist.

Peters Züge waren härter, konturierter als zuletzt, doch ich hätte nachrechnen müssen, um zu sagen, wie lange es her war, dass ich den Turm durch die Drehtür verlassen hatte, diese Drehschleuse in Turbinenform, die ich eben in die andere Richtung passiert hatte (ein Vorgang, bei dem portionsweise Außenluft in das Gebäude eingearbeitet wird), während Peter damals wie heute so getan hatte, als ob er mich nicht sehen könnte. Doch diesmal wollte ich ihm das nicht durchgehen lassen: Schön, dich zu sehen, sagte ich, und zwang ihm meinen Blick auf, den er nach kurzer Gegenwehr erwiderte.

Ich erinnere mich, dass ich weiter dachte,dass es mit evolutionärem Vorteil zu tun haben müsste, was keine große Erkenntnis ist, denn so ziemlich jedes menschliche Verhalten lässt sich mit evolutionärem Vorteil begründen. Darauf haben Jahrmillionen zuchtwahlgetriebener Entwicklung uns hingetrimmt: Auf das Bild eines Mannes im Kampfanzug, eines offen kampfbereiten Mannes, wird mit sexuellem Interesse reagiert, zumindest, wenn er halbwegs attraktiv ist. Mit Fluchtbereitschaft auch und Aggression, zugegeben, in einem Mischungsverhältnis, das nicht zuletzt von der eigenen Ausrüstung abhängt, doch jedenfalls mit sexuellem Interesse. So einfach ist das, stellte ich fest, als ich an Duncans Seite den Lift betrat, Türsteher und Portier außen vor lassend. Wie absurd es war, dass Duncan darauf bestanden hatte, mich zu begleiten, dachte ich noch, als ich ihn im Spiegel ansah, seine fast spiegelgleichen Hälften, die erst im weißen Haar am Oberkopf zusammenfanden, die krawattenbezeichnete Mittelnaht, entlang der man so einen Mann idealerweise teilen können müsste.

Noch absurder war allerdings, dass es mir durchaus nicht ungelegen kam, von Duncan begleitet zu werden, als wäre er mein Vater, der mich einem Mann übergeben wollte, und das ist nun ein wirklich rückwärtsgewandter Brauch; ich glaube, ich wollte mich noch ein wenig an ihm festhalten, denn trotz allem, was zwischen uns vorgefallen war, seine Gegenwart war vertrautes Gelände, und das, worauf ich mich eben einließ (Alexander), war es nicht. Da traf es sich ausgezeichnet, dass Duncan und Alexander sich so gut verstanden und in den meisten Dingen einig waren. Auch in Bezug auf mich, hieß es das? Ich kam zu keinem raschen Schluss, also ließ ich die Sache auf sich beruhen.

Die Aufzugskabine fuhr an, nun war die Sache einfach, die Erreichung des Ziels vorgegeben und kaum noch zu verhindern: eine neue Ehe. Und Alexander. Die Frauen, die ihr Heil in Fortpflanzung und Unterwerfung suchten, haben es gefunden und ihre Lebensweise weitergegeben in siebenfacher Ausfertigung und bis ins siebte Glied. Sind doch die klügeren Jungfrauen, am Ende des Tages. Das sagte ich mir, um mich in Stimmung zu bringen. Eine vermummte reingläubige Selbstmordattentäterin wäre ich gerne, die ihren Mann rächen kann, dachte ich und schenkte meinem feingliedrigen nunmehrigen Exmann Duncan ein großzügiges spiegelvermitteltes Lächeln (bereits aufgefahren in einen Himmel, dachte ich, während die Liftbewegung gerade so richtig in Schwung kam, einen Himmel, in dem man ihn nicht zu lange warten lassen will). Das gibt der Sache so was Ewiges. Wobei es dann evolutionär gesehen von Nachteil ist, wenn man sich umbringt vor der Reproduktion. Neben Duncans Mundwinkel zuckte ein kleiner Muskel. Du bist ja gut gelaunt, sagte er. Das ist schön.

Ich stimmte ihm zu, was sollte ich tun. Er hatte recht, ist doch schön, an etwas vorbehaltlos zu glauben. Auch wenn mich meine gute Laune selbst ein wenig verwunderte. Während die Stockwerkanzeige über der Tür spiegelverkehrt die 40 durchlief und ich mir ein Spiel daraus machte, mir zu überlegen, welche Ziffernkombinationen auch in gegenläufiger Darstellung einen Sinn ergaben, sah ich, wie Duncans Hand in der Nähe der Navigationsknöpfe ruhte, beiläufig, und doch auch wieder nicht, denn Duncan überließ selten etwas dem Zufall. Die Nichtzufälligkeiten setzte er allerdings kaum je bewusst, da leitete ihn sein Instinkt: Übertriebenes Nachdenken schadet der Wirkung. Ich starrte also auf Duncans Hand, an deren Außenseite die Adern wie Kabelstränge hervortraten, eine Strukturierung, die mir immer kraftvoll und anziehend erschienen war, denn Schönheit findet sich durchaus im Detail, wenn man sie finden möchte, und ich dachte daran, dass das 46. Stockwerk (unumkehrbar übrigens, spiegelverkehrt ohne Bedeutung) mir doch was sagt. Immer schon ein wenig früher ansetzen, auflaufen lassen: gut. Ich laufe glatt auf, was Besseres habe ich nicht zu tun.

Er weiß, wie er mich kriegt, und mir fährt heiß die Scham durch Mark und Bein (so sagt man das und so stelle ich mir das vor: ein Brodeln im Inneren der Röhrenknochen), wenn ich an den Moment denke, in dem der Portier Jeremias, Herr über die Empfangshalle, mir zu verstehen gab, dass er und Peter gesehen hatten, was im Lift passiert war. Das hätte ich berücksichtigen müssen, was dachte ich eigentlich? Nichts, oder vielmehr, dass Duncan nicht nur über den Lift gebieten konnte, der in das nur mit Geheimcode zugängliche und ganz und gar Duncan gehörende 68. Stockwerk fuhr, sondern auch über das Sicherheitssystem? Irgend so etwas musste ich wohl angenommen haben, und dass das ein Fehler gewesen war, begriff ich schlagartig, als ich hilflos versuchte, etwas zu sagen, das Jeremias' finstere Miene auflösen hätte können. – Trotz der ganzen Zeit, die seither vergangen ist und in der ich nicht mehr an den Turm gedacht habe, trotz unseres gemeinsamen Lebens in dem Haus am Meer kann Duncanmich mit einer einzigen kleinen Geste zurückkatapultieren in diese Szene, die ich vergessen möchte und auch wieder nicht. Ich lächle spielerisch in Richtung des schwarzglänzenden Kameraauges.

Da rufe ich lieber Peters Bild auf. In meiner Erinnerungsgeschichte kann ich wandern (ruhelos umgehen), wie ich will. Unter anderen Umständen, da bin ich mir sicher, hätte Peter mir gefallen können, weil ich einmal neben ihm gearbeitet haben könnte zum Beispiel, bei der Tür, nein, als Liftmädchen, das entspricht eher dem Einsatzgebiet weiblichenPersonals, und überhaupt, immer schön lächeln und nicken, das müsste im Bereich meiner Möglichkeiten liegen. Aber das stimmt natürlich nicht, das ist alles nicht wahr. Und einmal, nach der Liftszene (Duncan und ich ganz allein im verspiegelten Fahrkorb, ich aufden Knien vor der geöffneten Mittelnaht: die Position unrühmlich und unbequem) hätte Peter mich vielleicht in die Ecke gedrängt, als wollte er etwas von mir, und was er wollte, war doch nichts anderes als seiner Verachtung Ausdruck verleihen: das Knie zwischen meine Beine und die Hand gegen die Brust gepresst, mein Rücken gegen die abwaschbare Wand der Unterwelt (die unterirdischen Turmstockwerke bleiben den Engerlingen vorbehalten, denen mit und vorallem denen ohne Uniform, die meisten von ihnen schwarz wie die Wächter der Lobby, dieFluchtwegssicherheitsleuchten wie Brotkrumen, die eingesammelt werden und möglicherweise aufgezehrt sind, bevor der glückliche Ausgang erreicht ist), die grobkörnige Oberflächenstruktur der Wand gegenüber streut ein vages Neonlichtflimmern zurück, dann die Abstandnahme, die hellen Handinnenflächen leuchten: Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mich mit so was wie dir abgebe. Nichts als Neid, denke ich heute. DieLiftszene wäre aber echt gewesen.

Die war echt und in gewisser Weise der Beginn des ernsthaften Teils meiner Beziehung zu Duncan, Mr. Duncan, der sagte, tu doch was für mich, und dann hielt er den Lift an, knapp über Nummer 46, erklärte mir, dass der Lift, einmal auf den 68. Stock eingestellt, auf kein äußeres Knopfdrücken mehr reagiere. Zurück zum Anfang, fragt sich nur, was ein Anfang ist, ein quellartig ausgezeichneter Ort? Und wie soll man den finden in so einem Erinnerungsknäuel? Muss man aber, wenn man erzählungsgläubig ist, damit man am Ende so was wie einen Handlungsfaden in der Hand halten kann, der Anfang und Ende in eine eindeutige Beziehung setzt, in eine Ursache-Wirkungs-Beziehung, aber wer glaubt denn so was noch. Die Freiheit hatte jedenfalls ihren aufreizenden Geschmack verloren.

Und nun, auf dem Weg in ein anderes Leben (nach oben), sah ich wieder Duncans Hand, und sie griff diesmal nicht nach dem Notschalter, der den Lift zum Stehen bringen könnte. Der Anfang, dachte ich: dass das Wasser gestiegen ist und mich mitgenommen hat, könnte man sagen, mich hochgespült hat wie Dreck aus dem Überlaufbereich von Abflussrohren; man könnte auch sagen, dass das Ansteigen des Wassers erst zur Kenntnis genommen wurde, als es nicht mehr nur so unbedeutende Drittweltgegenden verschlang, sondern richtig zivilisierte Landstriche. Wobei im Fall der Drittweltgegenden, nebenbei bemerkt, der Bevölkerungsdruck auf diese natürliche Weise ein wenig reguliert wird. Es ließe sich auch so ausdrücken, dass ich auf dem Rücken eines Stiers dahergekommen bin, auf dem Rücken eines zähen Stiers mit gepflegtem weißen Fell. Undes ist nicht so, dass der Stier nicht gefragt hätte. Man wird immer irgendwie gefragt, auch wenn es vorkommen kann, dass man es erst bemerkt, wenn die Antwort längst gegeben ist. (Wen es nicht selbst erwischt, der filmt eben das Pech der anderen: das macht das eigene Überleben umso sicherer, man könnte sonst daran zweifeln.)

Jedenfalls ist der Augenblick an mir vorübergerauscht, unhaltbar wie der, in dem die Ziffern über der Lifttür umspringen. Das Haar vor mir ist weiß, und ich habe gelernt, mich daran festzuhalten. (Wir sind wohl darauf konditioniert, als hätten unsere Eltern gesagt, warte ab, bis einer mit ausreichend Stoff in den Füllhörnern daherkommt, und dann pack zu! Ist väterlicher Auftrag, vermittelt durch die Mütter, so war das immer. Und dann halt nicht zu zimperlich sein.)

Ich strahle Duncan an. Ich bin nicht zimperlich. Er durchkämmt die Haare mit den Fingern, lockert den wurzelnahen Bereich auf und schichtet die Strähnen mit einer automatisierten Bewegung über die dünner bewachsenen Stellen; dabei ist die Dichte insgesamt durchaus noch ansehnlich. Und Königstöchter können es sich nicht erlauben, zimperlich zu sein. Was immer man ihnen auch andichtet. Ich verfüge nämlich über eine ganze ungefilterte Persönlichkeit, sage ich zu Duncan, vielleicht um mein Gegrinse zu erklären, möglicherweise auch einfach so. Er zieht die rechte Augenbraue hoch, nein, die linke selbstverständlich, und der Ausdruck des Zweifels wird spiegelverkehrt erst recht zur Fratze. Ich greife nach seinem Gesicht, um ihn dazu zu bringen, sich ganz direkt mit mir zu konfrontieren. Ich folge der Kieferkante unter den sich aufstauenden Hautschichten mit der weichen Handinnenseite, mit den Fingern der blassen Haut um die nun geweiteten Nasenlöcher, deren Schwung ich von Anfang an gelungen fand: von strenger Eleganz vielleicht, könnte man sagen, und die Haarbüschel akkurat in Form gebracht. Manchmal sehe ich eines der beiden Augen, deren Pupillen das Meerwasser schwimmen lässt, sodass ich schwer sagen kann, wohin sie sich richten. Meerwasser, ich träume, wo soll hier Meerwasser herkommen. Vertrauenswürdige Augen, so scheint es. Und nur unter Aufbietung aller Bösartigkeit könnte man ihren Ausdruck als kuhäugig bezeichnen. Ach was. Übertriebenes Nachdenken schadet der Wirkung, weiß ich doch. Sagt er immer, und der 61. Stock gleitet vorbei. Die Aufwärtsbewegung wird allmählich eingebremst, wir wollen ja nicht das Dach durchstoßen.

Die sicherheitstechnisch bedingte Dokumentation der Liftszene tauchte natürlich irgendwann im Internet auf. Interessanterweise erst einige Zeit nach der Scheidung. Auch wenn man darauf nicht viel mehr erkennen konnte als eine Frau, die in einem glasverkleideten Raumwinkel vor einem an der Wand lehnenden Mann kniet, schräg von oben aufgenommen, so dass auch nicht der geringste Ausschnitt eines möglicherweise Anstoß erregenden Körperteils darauf zu erkennen war (wobei der selbst, sicher geborgen im letzten Winkel meiner Mundhöhle, sich entgegen meinen anfänglichen Befürchtungen jung anfühlte, sauber, die Haut glatt und weich am Gaumen, wird ja auch eher selten schädigender Sonnenstrahlung ausgesetzt, so hatte ich Gelegenheit, über die Freiheit meiner Handlungen nachzudenken, und die Freiheit, wie gesagt, hatte ihren aufreizenden Geschmack verloren). ■

OLGA FLOR: Zur Person

Geboren 1968 in Wien. Studierte Physik und arbeitete danach im Multimedia-Bereich. Lebt als Autorin in Graz.

Bücher: die Romane „Talschluss“ und „Kollateralschaden“ (beide im Zsolnay Verlag).

Ihr Text stammt aus dem Roman „Die Königin ist tot“, der Ende August bei Zsolnay herauskommt. Am 16. August liest die Autorin bei den „O-Tönen“ im Wiener Museumsquartier.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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