Wann immer man einen Roman des englischen Schriftstellers William Boyd in die Hand nimmt, darf man sich getrost im Sessel zurücklehnen und sich auf Prosa freuen, die gediegen gearbeitet ist und Spannungselemente mit Gesellschaftsanalyse verknüpft.
Ins Zentrum seiner Romane rücken nicht selten Figuren, die aus ihrem sozialen Umfeld fallen, als einsame Wölfe durch die Lande streunen und ständig auf der Flucht sind. War es zuletzt in „Einfache Gewitter“ ein unter Mordverdacht stehender Amerikaner, der sich durch die Straßen Londons schleppte und seinem vertrauten Leben abschwören musste, so zieht sich Boyd in seinem neuen Roman, „Eine große Zeit“, in das frühe 20.Jahrhundert zurück, in eine Epoche, die, wie es am Ende heißt, eine ungeheure „Beschleunigung“ erfährt und eine beunruhigende „Vorschau auf die Zukunft“ bietet.
Von 1913 bis 1915 spannt sich der Zeitrahmen des aus vier Teilen bestehenden Romans, der seine Leser an mondäne Schauplätze, nach Wien, London und Genf, führt. Um den historischen Einschnitt des Weltkriegs zu veranschaulichen, wählt William Boyd gezielt einen Helden, der einen Reifeprozess durchläuft. Lysander Rief heißt dieser junge Mann, Schauspieler von Beruf– eine Erscheinung, die weder durch künstlerische noch durch intellektuelle Geniestreiche auffällt und vor allem darauf bedacht ist, ihr Liebesleben in die gewünschten Bahnen zu lenken. Selbiges bereitet Rief freilich zu Beginn des Romans erhebliche Probleme, weshalb er sich nach Wien begibt, um den Rat des Psychoanalytikers Dr.Bensimon zu suchen.
Rief leidet unter einer unerfreulichen Orgasmusstörung, die der Arzt mit seiner absonderlichen Theorie des „Parallelismus“ und mit der Aufforderung an Rief, seine Erlebnisse in autobiografischen Aufzeichnungen festzuhalten, heilen möchte. Erfolg ist ihm damit nicht beschieden, doch Riefs Beischlafsorgen werden trotzdem, dank der gütigen Mithilfe einer Bildhauerin namens Hettie Bull, rasch behoben.
Rief lernt sie in Bensimons Praxis kennen; rasch beschließt man, sich in Hetties Atelier näherzukommen, die Gelegenheit nutzend, dass Hetties Gefährte, ein Maler, häufig außer Haus weilt. Die sexuell aktive Dame sorgt dafür, dass Riefs Wiener Tage von kurzer Dauer sind: Von ihrem eifersüchtigen Partner genötigt, zeigt Hettie Rief wegen Vergewaltigung an, und nur mit Unterstützung des britischen Konsulats gelingt es Rief, auf abenteuerlichen Wegen seinen österreichischen Verfolgern zu entkommen und nach London zu fliehen.
Von diesem Moment an schlägt „Eine große Zeit“ eine andere Richtung ein. Was wie ein Fin-de-Siècle-Intrigenspiel um Liebe und Eifersucht einsetzt, wandelt sich zu einem Spionagethriller. Das britische Außenministerium nutzt aus, dass Rief nicht zuletzt in seiner finanziellen Schuld steht – stolze 860 Pfund stellt man dem Mittellosen in Rechnung – und zwingt den einstigen Lebemann zu einem gefährlichen Einsatz, der einen Verräter englischer Kriegsstrategien ausfindig machen soll. Obwohl ungeübt in solchen Angelegenheiten, tritt Rief seine Mission an, entschlüsselt erfolgreich (und – eine der besten Szenen des Romans – unter unkonventioneller Zuhilfenahme von Topfkratzern aus Stahlwolle) Chiffriercodes, wird schwer verwundet und kommt, getarnt als Schweizer Eisenbahningenieur, dem üblen Verräter schließlich auf die Spur.
Schauspieler, Dandy, Spion
William Boyd sorgt, um die Atmosphäre dieser historischen Umbruchjahre zu schildern, für reichlich Zeit- und Lokalkolorit. Er zitiert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, lässt August Strindbergs „Fräulein Julie“ für einen Skandal sorgen, erfindet den Komponisten Gottfried Toller und gewährt Lysander Rief die Gunst, im Kaffeehaus auf Sigmund Freud persönlich zu treffen.
Und wie es sich für einen Roman aus dieser Epoche zu gehören scheint, spielen sexuelle Antriebe keine geringe Rolle. Den Reizen der verschlagenen Hettie ist Rief auf Dauer verfallen, und wann immer er auf eine halbwegs ansehnliche Frau trifft, geraten seine Lenden nach wenigen Zeilen in Bewegung.
„Eine große Zeit“ (im Original: „Waiting for Sunrise“) wäre kein Roman William Boyds, wenn zwischen den kunstvoll aufgebauten Spannungsbögen nicht Zeit bliebe, grundsätzliche erkenntnistheoretische und geschichtsphilosophische Fragen anzureißen. Die Wirklichkeit, die der Spion und Verkleidungskünstler Rief zu durchdringen sucht, bleibt unerklärlich – ein klassisches modernes Dilemma, das zu jener Zeit zahllose Dichter und Denker beschäftigt hat: „Je mehr wir uns um Klarheit bemühen, desto undurchsichtiger wird es. Uns bleiben nur Annäherungen, Abschattungen, eine Fülle von möglichen Erklärungen.“
Und nicht zuletzt macht Lysander Rief, der Schauspieler mit Dandy-Attitüden, eine sittliche Wandlung durch: Als ihn die Zeitumstände dazu treiben, zum „Unmenschen“ zu werden, merkt er, dass eine Rückkehr in die vermeintlich beschauliche Zeit der Wiener Vorkriegsjahre unmöglich ist. Die aufgeladene Ära vor dem Ersten Weltkrieg endet mit einem Knall, und je näher wir dem Jahr 2014 kommen, desto mehr
Autoren werden demnächst in Boyds Fußstapfen treten und das Jahr 1914 als Zäsur zu deuten versuchen.
„Unwiderruflich“, so Riefs Eingeständnis, habe er sich verändert, und so überrascht es am Ende nicht, dass Boyd seinen Helden als Geläuterten zeigt: Im Mai 1916, so nimmt sich Rief vor, will er für Ordnung sorgen und seine Verlobte Blanche heiraten, die er im Banne von Hetties Leidenschaft einst schnöde verlassen hat.
„Eine große Zeit“ ist ein angenehm zu lesender, gut gebauter und gut übersetzter Roman, der nicht mit glanzvollen Einzelszenen geizt. Wer ihn indes mit Boyds vorangegangenen Romanen „Ruhelos“ und „Einfache Gewitter“ vergleicht, den wird das ungute Lektüregefühl ereilen, einem Kostümfest beizuwohnen.
Selbst wenn der Roman Lysander Rief in den Schützengraben des Ersten Weltkriegs schickt, drängt sich der Verdacht auf, einem routinierten Autor dabei zuzusehen, wie er gut gezimmerte Kulissen zum Einsatz bringt und seinen Figuren zeitgemäße Kleidungsstücke überstreift. Die seelischen Nöte, die die Protagonisten umtreiben, bleiben merkwürdig farb- und konturenlos. Lysander Riefs Geschichte hat man schneller vergessen, als es ihrem Autor lieb sein kann. ■
William Boyd
Eine große Zeit
Roman. Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky. 446S., geb., €23,60 (Berlin Verlag,
Berlin)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)















