Piepsen, trillern, gackern

06.07.2012 | 18:21 |  Von Andreas Puff-Trojan (Die Presse)

Man hat schon mehr gelacht: Stöhnforscher, Puffvater, Sargträger ist der Held in Franzobels Roman „Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind“. Statt einer literarischen Struktur gibt es nur eine Suada, die matt und schläfrig macht.

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Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind“ erfahren wir in Franzobels gleichlautendem Roman nicht wirklich. Wir erfahren hingegen, was ein Exemplar dieser Spezies so treibt – nämlich Toll-dreistes. Der Romanheld heißt Hildebrand Kilgus, genannt Hildy, „aufgewachsen im Gasthaus Zum Saurüssel im schönen Sumpfing“. Das ist tiefste österreichische Provinz, in der gefressen, gesoffen und gehurt wird. Gegen diese antiheimatliche Klischee-Kulisse à la Thomas Bernhard wehrt sich Hildy und wird „Stöhnforscher“. Ein Ahnherr dieses Forschungszweiges hieß Sacharow – „nein, das ist nicht der Erfinder des Saccharins“. Und manch Dumpfling im Roman macht aus dem Ort Sumpfing „Zumpfing“. Tja, man hat bei Franzobels Texten schon besser gelacht.

Doch man ist guten Willens und folgt Hildy neben der Stöhnforscherei auf seinen beruflichen Irrwegen: Er wird männliche Hebamme, Puffvater, Sterbebegleiter und Sargträger – denn das Stöhnen, wenn auch auf verschiedene Weise, ist immer und überall. Hildy heiratet eine moderne Erscheinung der Venus von Willendorf, wird Vater, nimmt sich eine Geliebte namens Almut – eine „stöhnende Gazelle“. Dazwischen gibt es im Roman immer wieder Erinnerungen an die manchmal schöne, manchmal schreckliche Kindheit in Sumpfing. Doch dann geht's ab nach Rom, wohin Hildy von seinem neuen Arbeitgeber, einer „Wettermanipulations AG“, geschickt wird.

Was anfangs bloß Ahnung ist, wird während Hildys Irrgängen durch die Ewige Stadt Gewissheit: Er versteht die Sprache der Vögel, ja er ist der „Auserwählte“ des Federviehs. Heißt dies, Hildy ist zum modernen Franz von Assisi mutiert, oder ist alles nur Einbildung, „ein epileptischer Anfall, ein Drogenrausch“, gar ein „Oktoberfest der Drüsen“? Wird die zweite Hälfte von Franzobels über 500 Seiten starken Roman nicht mehr vom Stöhnen handeln, sondern von einem himmlischen Piepsen, Trillern und Gackern?

Man weiß es nicht, und zusehends verliert der Leser das Interesse am Kommenden. Nein, es fehlt nicht an Einfällen, auch Franzobels Sprachwitz ist da, aber das Geschehen will keine literarische Struktur bilden, das Erzählte bleibt beliebig, eine Suada ist's, die matt und schläfrig macht, deren tieferer Sinn sich im bloß Sinnfälligen auflöst.

Und dann, ja und dann, in etwa dort, wo Hildy sich als Vogelflüsterer begreift, greift Franzobel in die Tasten, spielt virtuos auf zum großen barocken und zugleich jetzigen Welttheater – sprachlich und inhaltlich. Es ist, als ob der Autor mitten im Roman aus einem halblustigen Winterschlaf erwacht wäre und kräftestrotzend zeigt, was er und die Sprache könnten. Quasi ornithologisch und zugleich kulinarisch gesagt: Die erste Hälfte des Romans ist fast zu Tode geröstete Hühnerleber, die zweite Wiener Backhendl mit Balsamico-Vogerlsalat.

Wie kann das sein, darf man den Autor fragen. Man kann diese Frage aber ebenso dem Zsolnay Verlag stellen. Denn wo war hier die harte Hand eines Lektors, der seinem Autor weise zur Seite stand? Man muss wohl sagen: nirgendwo. Und das ist schade! Eine Kürzung des Romans (auch wenn ein Autor das für eine Beschneidung hält) um mindestens 100 Seiten hätte dem dann immer noch langen Text den Fluss des Parlando erhalten und inhaltliche Purzelbäume und Quergänge erspart. Sei's drum!

Worin liegt also nun der späte Höhenflug dieses Prosatextes? Indem Hildy seine Stöhnforschungen links liegen lässt und dem Ruf der Vögel nachgeht, wird das Rauschhafte des Textes sprachlich gebunden: „Abertausende Vögel, die einer surrealen Choreografie folgten. Sie bildeten Wirbel, drehten sich ineinander, verschlangen sich, lösten sich zu kleinen Gruppen, die herunterstürzten, in Bäumen landeten, wieder abhoben, Formationen bildeten. Was für ein Spektakel!“

In diesem himmlischen Spektakel wird Hildy zum Messias der Vögel. Das ist ein Widerspruch in sich. Denn im Buch wollen die Vögel von der Knechtschaft durch die Menschen befreit werden und erwählen einen Menschen zu ihrem Gott. Doch die Ikonografie der Vögel ist per se widersprüchlich, denn sie ist mit dem Guten wie mit dem Bösen verwoben. Wie zwischen Leben und Tod die widersprüchliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod besteht. Hildy, ein nun von Kopf bis Fuß in Vogeldreck gehüllter Narr, weiß das – und er spricht auch aus, was er weiß: „Im Angesicht des Todes möchte man alles tun, um noch nicht aussteigen zu müssen, ein paar Jahre länger mit dabei zu sein im Rundendrehen.

Im Angesicht des Todes beneidet man jeden noch so dummen Kreisläufer, jeden noch so kleinen Wassertropfen, denn er lebt, er schwimmt im Strom, er ist in Gott.“ Das ist fast schon eine existenzialistisch-religiöse Position: Der Mensch dreht sich mit seinen Aktivitäten um sich selbst herum, so wie Vögel luftige Wirbel bilden, um nicht an sein eigenes Ende denken zu müssen. Doch Fanzobels Figur Hildy ist kein Philosoph, und seine surrealen Höhenflüge sind geerdet. Wie schon in früheren Texten lässt der Autor eine Frage aufblitzen: Wie kann sich freie Sexualität, Ekstase, Rausch mit religiöser Empfindung verbinden?

Doch wer so fragt, steht am Rande der Gesellschaft. Entweder man geht den breiten, vorgekauten und sanktionierten Weg der Rituale, oder man holt die Götter vom Himmel: „Wer sind deine Götter? Aufs Brot streichst du dir Ceres oder Rama. Zwischendurch isst du ein Mars oder Götterspeise. Und wenn du kochst, dann mit Bona, Hesperidenessig und Apollo-Mehl. Während du mit Ajax putzt und deine Hände mit Penaten-Creme pflegst, in mit Heraklit gebauten Häusern wohnst. Deine Götter sind Konsumartikel. Götzendienst! Du musst aufstehen, dich wehren, flüchten.“

Hildy muss erst einmal einen Exorzismus über sich ergehen lassen, bis er fliehen kann – dank der Hilfe einer gut gebauten Lettin. Die allerdings überfährt am Schluss des Romans angeblich den Autor Franzobel, der wiederum ganz zu Anfang als Gewährsmann von Hildys Geschichte aufgetaucht ist. Das ist verwirrend. Bei Franzobel ist im anscheinend sinnlosen Wirbel des Lebens Sinnsuche erlaubt: „Es beginnt mit einem Nebel, und mit einem Nebel endet es. Du kannst alles kennen, aber wenn du keinen Nebel kennst, dann kennst du nichts.“

Mit ähnlichem Gedanken endete schon das Romanfragment „Der sechste Sinn“ von Konrad Bayer – was wiederum von Franzobel im Roman erwähnt wird. Macht ja nichts. Literatur hat ja meist Traditionslinien. Zur Hälfte schließt Franzobels neuer Roman daran an. ■


Franzobel
Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind

Roman. 510S., geb., €25,60 (Zsolnay Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)

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