Dieser Roman ist eine Zumutung. Die Lektürezeit und die Aufmerksamkeit, die er beansprucht, widersprechen allen Ansprüchen ökonomisch rationeller Lebensführung. In 39 Kapiteln und auf 1724 Seiten entfalten die „Parallelgeschichten“ ein Panorama des 20. Jahrhunderts im Zeichen von unvorstellbarer Gewalt, die den Einzelnen angetan wird, und im Zeichen sozialer, politischer und mentaler Umbrüche, die zu groß sind, um im Modus einer Alltagswahrnehmung verarbeitet werden zu können. Dazu bedarf es der moralischen Fantasie des Romans. (Es war die Zentralthese des Philosophen und Schriftstellers Günther Anders, dass das von Menschen Hergestellte, im Extremen der Holocaust und die Atombombe, zu groß für unser Vorstellungsvermögen sei.) 18 Jahre lang hat Péter Nádas, der seit Mitte der 1980er-Jahre in dem kleinen südwestungarischen Dorf Gombosszeg lebt, an diesem Buch geschrieben. Fast wäre er darüber auch gestorben. 1993, im Alter von 51Jahren, erlitt Nádas einen Herzinfarkt. Davon erzählt der großartige, im Jahr 2002 auf Deutsch erschienene Bildessay „Der eigene Tod“.
Die „Parallelgeschichten“ führen nirgendwohin, obwohl sie wie der sonntägliche „Tatort“ mit einer Leiche beginnen, die kurz vor Weihnachten 1989 im Berliner Tiergarten von dem joggenden Studenten gefunden wird. Spuren führen in alle Richtungen, in die deutsche und ungarische Geschichte und in die Lebensgeschichten des Studenten und des Ermittlers, die voll von Widersprüchen sind. Die Figuren werden einmal in die eine, ein anderes Mal in die andere Richtung getrieben, die historischen und biografischen Kerne verlieren sich in einem Geflecht an Details und Untergeschichten.
Es gibt Kapitel, die gleich einen erzählerischen Sog entwickeln. Sie verbinden genaueste historische Recherchen, über die Geschichte der modernen Architektur oder über die Vorgeschichte der nationalsozialistischen Rassenbiologie zum Beispiel, mit einer ebenso exakt arbeitenden schriftstellerischen Fantasie. Und es gibt Kapitel, die Lektürearbeit erfordern, in denen über Dutzende von Seiten eine Taxifahrt oder auf fast 150 Seiten ein Geschlechtsverkehr bis in die verborgensten Körperöffnungen und Bewusstseinshöhlen hinein beschrieben wird. Man mag sich von der obsessiven Lust an der Beschreibung all der Ausscheidungen, der Ausdünstungen, der Schwellungen und Reizungen, deren unsere Körper fähig sind, überfordert fühlen; sie sind für diesen Autor immer noch Akte der Freiheit nach den Jahrzehnten kommunistischer Prüderie und Homophobie. Sexualität ist für Nádas ein nach allen Seiten hin offener Begriff.
Was diesen Roman bestimmt, sind Empathie und Chaos. Weder wird eine Geschichte in Ich-Form erzählt – „das menschliche Liebesleben zum Beispiel passt aus mehreren Gründen nicht in die erste Person Einzahl“ –, noch vertraut Nádas auf die Allmacht eines Erzählers in der dritten Person. Die Innenperspektive verbindet sich mit der Außenperspektive, das Ich mit dem Er oder Sie: Er arbeite, meint Nádas, „mit einer offenen Struktur, die nicht höher hinauswill als die chaotisch empfundene Welt“.
Labile geschlechtliche Identität
Diese Zwischenperspektive berührt auch das sexuelle Begehren. Nádas' Figuren verfügen über eine labile geschlechtliche Identität, sie sind meist unfertige Charaktere, in der Liebe unentschieden zwischen den Geschlechtern, im Leben ohne festen Ort, ohne die eine, alles auf einen Nenner bringende Lebensperspektive; gerade auch dann, wenn sie über scheinbar undurchdringbare Ich-Panzerungen verfügen.
Diese Unentschiedenheit gilt im Besonderen für eine der Zentralgestalten des Buches, für den 19-jährigen Kristóf, der dem Autor wahrscheinlich besonders nahe ist. Die „Parallelgeschichten“ überbieten mit ihrer kompromisslos offenen Struktur nicht nur das in Ich-Form erzählte und eine
zusammenhängende Geschichte bietende ebenfalls monumentale „Buch der Erinnerung“ (ungarisch 1985), sondern alle geläufigen Romantypen, insbesondere den so erfolgreichen amerikanischen Familienroman.
Es existiert in diesem Roman ein unsichtbares Koordinatennetz, das die Biografien miteinander in Beziehung setzt, das sie in Schwingungen versetzt; wie jene des Architekten Alajos Madzar, eines Schülers Mies van der Rohes. Madzar glaubt an die „Sprache eines asketischen Funktionalismus“ mit menschlichem Antlitz. Er baut seine selbst entworfenen Möbel in Handarbeit und muss erkennen, wie Nationalismus, Feudalismus, Gewinnsucht und Ignoranz Ungarn in den Abgrund von Faschismus und Krieg treiben. Die Achtsamkeit für die Dinge, die uns umgeben, ist eine Schwester der Aufmerksamkeit: „Vielleicht braucht es einen schwülen Sommernachmittag, damit wir das eine Blatt zwischen den anderen gewahren“, so Nádas. Und sind wir einmal so weit, dann entgehen uns auch andere Nuancen nicht, sei es die Platzierung von Möbelstücken in Wohnräumen, seien es Veränderungen im zwischenmenschlichen Verhalten. Dann nehmen wir buchstäblich und metaphorisch am Rande Liegendes wahr. Für eine Schule der Wahrnehmung plädieren alle Texte von Nádas.
Der Roman ist gesättigt von mitteleuropäischer Geschichte, sein eigentliches Thema ist jedoch der Körper – der gefolterte, malträtierte, von Nazi-Rassebiologen vermessene, der in sexueller Anspannung verharrende, der sich völlig verausgabende, der alle Einwände der Vernunft hinwegfegende, der sich entblößende und sich verhüllende, vor allem der unendlich leidensfähige Körper (wie in einer unerträglichen KZ-Folterszene); aber auch der Volks- und Gesellschaftskörper, der kollektive Körper der Revolte und des Krieges, der Massenkörper, der alle Einzelkörper zermalmt.
„Nicht er hatte Angst, sondern sein Körper“, heißt es in einer der besten Geschichten dieses kaum zu fassenden Romans über den späteren Rassebiologen Otmar Freiherr von der Schuer. Dessen Wertesystem zerbricht an den Erfahrungen, die er im Ersten Weltkrieg machte. Der aristokratische Krieger, der über einen modellhaften deutschen Heldenkörper verfügt, glaubt, dass er den „Ursprung“, die verlorene „Entität“ im Körper wiederfindet. Er wird rassistischer Anthropologe und Evolutionsbiologe, dessen „wissenschaftliche“ Erkenntnisse dem Nazi-Staat als Grundlage für die Vernichtungspolitik dienen. Von Schuer glaubt an den Volkskörper. Er ist, Beweis für die detaillierten Recherchen Nádas', Otmar Freiherr von Verschuer nachgezeichnet, der zwischen 1927 und 1945 Direktor verschiedener Institute für anthropologische und erbbiologische Forschungen war. Einer seiner Assistenten war Josef Mengele.
In Nebensträngen dieser Geschichte kommt die Tragödie von Kindern zur Sprache, die den Rassefantasien ihres Vaters ebenso wenig genügen wie die zu Studienzwecken in einem Sonderinternat zusammengeführten Kinder mit vermeintlich abweichenden Rassemerkmalen. Das fanatische Festhalten an nicht beweisbaren statistischen Durchschnittswerten (des menschlichen Körpers) führt zu Terror.
Die „Parallelgeschichten“ haben den Körper zum Gegenstand, und sie handeln von der Macht: der Macht verdrängter Gefühle, der Macht erinnerter und gegenwärtiger Leidenschaften, der Macht des ungarischen kommunistischen Systems nach 1956, das in die Poren des Privaten einsickert und den Aufbau einer selbstbestimmten, solidarischen Existenz verhindert, und sie handeln von der Macht ideologischer Verblendungen. Wie ist es möglich, fragt sich Nádas, dass viele Wissenschaftler „ihre Wissenschaften von ihrer Persönlichkeit trennen“? Wie im Extremfall jene Wissenschaftler im Dienst der Nazis, die qualvollste Untersuchungen an „minderwertigen“ Probanden durchführten, die sich skrupellos menschliches „Quellenmaterial“ verschafften, um ihre haltlosen Hypothesen zu stützen.
Neben Berlin ist Budapest das zweite Kraftzentrum im räumlichen Koordinatensystem des Buches, zeitlicher Kulminationspunkt ist neben 1989, den Jahren 1944/45, den Ereignissen des Ungarn-Aufstands 1956 der 15.März 1961. An diesem sturmdurchtosten ungarischen Nationalfeiertag, fünf Jahre nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes und 16 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, kreuzen sich zahlreiche Erzählstränge. Aus der Not einer jahrzehntelang in Ungarn erfahrenen bleiernen Zeit entwickelte Nádas die Logik einer verlangsamten inneren Zeit.
Was machte die Diktatur mit den Menschen, was macht die Freiheit nach 1989 mit ihnen? Nádas' Befund ist schonungslos: Die Erfahrungen mit der Diktatur sind gut fürs Überleben, nicht aber fürs Leben, heißt es in einem seiner Essays über das Zeitalter des Kalten Kriegs und die mentalen Trümmerhaufen, die zurückblieben.
In der Tatsache, dass Nádas 1942 als Sohn kommunistischer Widerstandskämpfer in Budapest geboren wurde, steckt selbst schon ein ganzes Bündel an Widersprüchen. Die Mutter stammte aus proletarischen Verhältnissen, der Vater aus gutbürgerlichen. Die Ideale der illegalen kommunistischen Bewegung brachten die beiden zusammen. Das jüdische Paar ließ den Sohn taufen, erzog ihn jedoch atheistisch.
Der Ankläger wird zum Angeklagten
Nach dem Krieg machte der Vater als Staatsanwalt Karriere, die Villa der Familie lag direkt neben derjenigen des berüchtigten stalinistischen Generalsekretärs und ungarischen Ministerpräsidenten Rákosi. Der Volksaufstand von 1956 verunsicherte das Selbstverständnis des staatlichen Anklägers, er wurde selbst Gegenstand von Verdächtigungen. 1958, als seine Rehabilitierung eingeleitet wurde, beging Nádas' Vater Selbstmord.
Eine Leerstelle bildet nicht die Diktatur, an ihrer Beseitigung haben gerade viele Schriftsteller jahrzehntelang mitgearbeitet, leer bleiben nach ihrem Untergang vielmehr weiterhin Begriffe wie Freiheit und Solidarität beziehungsweise werden sie in populistischer Weise missbraucht wie im gegenwärtigen Ungarn. Nádas lesen lehrt, nicht nur die oberflächlichen Phänomene wie Nationalismus oder Rechtsextremismus oder Rücksichtslosigkeit im Umgang miteinander zu sehen, sondern auch die langfristigen Prägungen, die dahinter stehen. So werden die „Parallelgeschichten“ zu einer mentalen Biografie Mitteleuropas im 20.Jahrhundert.
Sechs Jahre hat die aus Ungarn stammende und in der Schweiz lebende Autorin Christina Viragh an der Übersetzung des 2005 auf Ungarisch erschienenen Romans gearbeitet. Die Übertragung ist eine großartige Leistung und gibt dem Buch ein zweites Leben – gemessen an der Wichtigkeit der deutschsprachigen Rezeption für Bücher aus osteuropäischen Ländern vielleicht das wichtigste Leben. Dieses unausschöpfbare Buch dokumentiert die Entwicklung eines Schriftstellers, der in einem an klösterliche Exerzitien erinnernden Schreibprozess die Summe seiner Lebens-, Körper- und Schreiberfahrung gezogen hat. ■
Péter Nádas
Parallelgeschichten
Roman. Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. 1724 S., geb., €41,10 (Rowohlt Verlag, Reinbek)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)















