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Im Strudel des Islamismus

13.07.2012 | 18:33 |  Von Duygu Özkan (Die Presse)

Ethnische Konflikte: Dorothea Nürnbergs Wien-Roman. Wenn Bekir an seine bevorstehende Hochzeit mit Hilal denkt, dann kommt ihm nicht die Liebe in den Sinn. Eher Wärme, Zuneigung und Sympathie.

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Wenn Bekir an seine bevorstehende Hochzeit mit Hilal denkt, dann kommt ihm nicht die Liebe in den Sinn. Eher Wärme, Zuneigung und Sympathie. Bekir und Hilal kennen einander nicht sehr lange. Berührt haben sie sich noch nie. Mit Hilal aber scheint Bekir, der auch österreichische Geliebte hatte, endlich zurückgefunden zu haben zu „den Wurzeln seines Glaubens und seiner Kultur“.

Wenn Marianne an ihre Nachbarn denkt, dann kommt ihr die Galle hoch. Wie windstill war die Zeit, bevor die türkische Familie eingezogen ist – und mit ihnen der ganze Lärm, die Unruhe und die „fremdländischen Gerüche“ im Stiegenhaus. An Schlaf ist seither nicht zu denken. Und seit das kosovarische Mädchen, das alle anschmachten, auch noch an ihrer Arbeitsstelle aufgetaucht ist, fühlt sie sich bedroht. Von allen Seiten.

Marianne und Bekir sind nur zwei von mehreren Antipoden in Dorothea Nürnbergs Roman „Sterntänzer“. Behutsam erzählt die Autorin verwinkelte Lebensgeschichten von Migranten, die in Wien in einer Hybridwelt zwischen Anpassung und Abweisung leben, sowie über Österreicher, die mit ihnen in Berührung kommen. Als sich Marianne und Bekir kennenlernen, liebäugelt sie gerade mit einer rechtspopulistischen Partei, die die richtigen Antworten auf das Problem mit den Ausländern parat zu haben scheint – und er wird sich gerade bewusst, dass er in einen radikalislamischen Strudel geraten ist.

Nürnberg stellt anhand der Lebenslinien ihrer Protagonisten viele Facetten des Islam vor. Kerim und Lara tanzen den Tanz der Derwische und beschäftigen sich mit dem Sufismus, Omar und Ahmad sind zwei Liberale, die den Dialog suchen. Manch anderer (Neben-)Darsteller dürfte dem Leser indessen bekannt vorkommen, etwa der rechtspopulistische Politiker: „G. B. Rache“. Nürnberg scheint ihren Roman bewusst in den (vergangenen) Wiener Wahlkampf eingebettet zu haben, in eine Zeit, da sich die Konflikte hochgeschaukelt haben und bisweilen irrational wurden.

 

Im Banne des Predigers

Wichtig ist in diesem Buch die Figur des Orhan, eines charismatischen Arztes, der gleichzeitig auch der „Architekt“ der radikalislamischen Gruppe zu sein scheint. Je feindlicher, rassistischer seine Umgebung wurde, desto radikaler wurden auch seine Ansichten. „Allah ist unser Ziel“, heißt es in den Predigten der Moschee, die er besucht, „der Prophet unser Führer. Der Koran ist unser Gesetz. Der Djihad ist unser Weg. Sterben auf dem Weg zu Allah ist unsere größte Hoffnung.“ Es ist auch Orhan, der Bekir in den Dunstkreis dieser Gruppierung zieht. Bekir freundet sich mit Orhan an, sieht ihn als Vorbild, befolgt seine Ratschläge, und „innerhalb kürzester Zeit“, schreibt Nürnberg, „war es ihm gelungen, ihn auf allen Ebenen zu beeinflussen.“ Klingt real. Ist es auch.

„Sterntänzer“ ist ein wunderbar ruhiger und einfühlsamer Roman, sorgsam geschrieben. Die Autorin (geboren 1964 in Graz) hat sich eingehend mit dem Islam beschäftigt, was bei der Lektüre deutlich wird, und ist bemüht, ein ehrliches Bild über das Zusammen- und Aneinandervorbeileben in Wien zu vermitteln. Was ihr gelingt, sehr schön sogar. ■





Dorothea Nürnberg
Sterntänzer

Roman. 272S., geb., €20 (Ibera Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)

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