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Es gibt keinen Ort ohne Eltern

13.07.2012 | 18:33 |  Von Vladimir Vertlib (Die Presse)

Aharon Appelfelds Roman „Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen“: über die Selbstfindung eines Shoah-Überlebenden, die Macht der Erinnerung und einen Sprachwechsel als neue Chance.

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Warum? Was hat es zu bedeuten, dass ich übrig geblieben bin?“ Das ist die Schlüsselfrage in Aharon Appelfelds Roman „Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen“. Der israelische Schriftsteller, 1932 in Czernowitz geboren, ist selbst ein „Überlebender“. Nach Jahren im Ghetto, im KZ, in Verstecken und schließlich als Küchenjunge bei der Roten Armee wanderte er 1946 nach Palästina aus. In Israel wurde er Professor für Literatur. Heute lebt der arrivierte Autor, Träger des Prix Médicis und des Nelly-Sachs-Preises, in Jerusalem. Sein neuer Roman ist ein Zeugnis, ein Erinnerungsbuch, eine poetische und gleichsam bittere Reflexion über den Selbstfindungsprozess eines Überlebenden.

Der 16-jährige Erwin hat seine gesamte Familie verloren. Alle Verwandten wurden von den Nazis ermordet. Dieses Trauma ist so entsetzlich, dass er die Zeit nach der Befreiung in wachem Zustand nicht ertragen kann. Andere Überlebende schleppen den schlafenden Jungen durch halb Europa von einem Flüchtlingslager zum nächsten. In seinen Träumen besucht er seine Heimatstadt, begegnet seinen Eltern, anderen Angehörigen und Freunden, schreitet die Stätten seiner Kindheit ab. Die Gespräche mit den Toten halten ihn am Leben. Sie spenden Trost. Erst mit der Zeit gelingt es Erwin, die Phasen des Wachseins so weit auszudehnen, dass er nicht mehr auf die Hilfe anderer angewiesen ist. In Neapel schließt er sich einer Gruppe von Jugendlichen an, die sich von den anderen Flüchtlingen absondern und auf das Leben in Palästina vorbereiten. Efraim, der Ausbildner, indoktriniert sie im Sinne des Zionismus.

Die hebräische Sprache sei die der Muskeln und ertrage keine Schwäche, sagt er, jedes hebräische Wort gebe dem Körper mehr Kraft. Erwin ändert seinen Namen in Aharon. Er möchte „ein Mann der Erde sein“, dem „das Meditieren verboten ist“. Schon in ein paar Monaten würden „die Kriegsjahre aus dem Gedächtnis gelöscht sein“. Dies erweist sich als naiv. Er bleibt weiter süchtig nach seinen Träumen, die ihn in die Vergangenheit tragen, und im militärisch anmutenden Ausbildungscamp bereitet man ihn schon auf das nächste Trauma vor – den israelischen Unabhängigkeitskrieg.

In Palästina wird Aharon/Erwin gleich im ersten Gefecht schwer verwundet. Den Rest des Krieges verbringt er im Lazarett, ungewiss, ob er jemals genesen und wieder gehen können werde.

Ist das Weiterleben angesichts der Radikalität eines Verbrechens wie der Shoah, deren Opfer er wurde, nur durch den radikalen Bruch der eigenen Identität, den Sprach- und Namenswechsel, die Emigration und eine andere Lebensweise möglich? Wird so eine ohnehin schon brüchige Existenz am endgültigen Zerbrechen gehindert? Appelfeld kann darauf keine eindeutigen Antworten geben. Stattdessen öffnet er durch die Poesie seiner Prosa emotionelle Räume, die einen Ausweg erahnen lassen. „All deine neuen Beschäftigungen sind nur eine Illusion“, wird Erwin in einem Traum mitgeteilt. „Du gehörst deinem Vater und deiner Mutter und wirst ihnen immer gehören, es gibt keinen Ort ohne sie.“ Aber es ist definitiv der neue Ort, das neue Land, in dem er sich ein Zuhause schaffen möchte.


„Warum bin ich übrig geblieben?“

„Widersprüche. Dieses Wort kannte ich nur zu gut. Seit der Befreiung lebte ich es Tag für Tag, es verbrannte mich in der Nacht, und bei Tag trug ich es mit mir herum, aber aus irgendeinem Grund sprach ich es nicht aus.“ Weder Erwin noch seine Kameraden, mit denen er in den Kampf gezogen war, können die Vergangenheit hinter sich lassen. Für Erwin gibt es nur einen Weg, diese in sein neues Leben zu integrieren, ohne dafür immer wieder in den Schlaf und die Welt seiner Träume zu versinken: Er muss Autor werden. Um das Erlittene zu beschreiben, braucht er das Hebräische. Er stellt fest, dass ihn diese erst kürzlich erlernte Sprache mit dem, was er mitbrachte, verbindet.

Hebräisch kann als symbolische Klammer aller Juden mit ihrer Herkunft und ihrem Schicksal verstanden werden. Für Erwin schafft sie aber auch die nötige Distanz zur eigenen Muttersprache und zu den schrecklichen Ereignissen, für die eine passende Ausdrucksform, eine authentische Melodie erst gefunden werden muss. Bis es so weit ist, bis sich dem Autor die Sprache als Instrument, auf dem er spielen und seine Gefühle auszudrücken vermag, erschließt, vergeht viel Zeit.

Erwin liest die Bibel und schreibt sie Zeile für Zeile ab. Er taucht in die Welt moderner hebräischer Klassiker ein, von denen ihn die Geschichten von Samuel Joseph Agnon am meisten beeindrucken. „Aber in meinem Herzen wusste ich, dass diese verzauberte Melodie nicht meine war“, stellt er mit Bedauern fest. „Über das Ghetto, die Verstecke und die Wälder kann man nicht mit einer solchen Ruhe schreiben.“ Stattdessen sehnt er sich nach der Muttersprache, nach Kafka, Rilke, den Stimmen der Toten und Flüchtlinge, nach der „Melodie des Schmerzes, gemischt mit bitterer Ironie“. Erst später wird er sagen, dass ihm die hebräischen Buchstaben, die er sich qualvoll erworben habe, „den Weg gewiesen“ hätten.

Der Roman ist ein dichtes, brillant geschriebenes, hochintelligentes Buch, das aber eher einer Sammlung von Aphorismen oder einem Prosa-Gedicht als einem Roman gleicht. Während das Innenleben des Helden ausgeleuchtet wird, bleiben andere Personen blass. Als typisierte Figuren, die für spezielle Haltungen stehen, werden sie selten plastisch gezeichnet. Die Emigration, das Leben in Flüchtlings- und Internierungslagern oder in einer Siedlung in Palästina, der Nahostkonflikt und der Unabhängigkeitskrieg werden nur angedeutet oder wirken surreal, als hätte sie Erwin geträumt.

Doch der Plot dient ohnehin nur als Folie, die Handlung ist zweitrangig. Trotzdem ist dieser Roman so vielschichtig, so mehrdeutig, dass man ihn mehrmals hintereinander und jedesmal anders lesen und verstehen kann. Je öfter man ihn liest, desto dichter und feiner, desto offener und hintergründiger wird er. Das aber ist auch das Schwierige an diesem Buch. Fast jede Szene ist eine Herausforderung, die Lektüre gleicht einem Marathonlauf, für den man lange trainieren muss, bevor man ihn genießen kann – eine Übung im Innehalten. Wer sich aber von der klaren Sprache und der wunderbaren Übersetzung von Mirjam Pressler zum schnellen Lesen verführen lässt, dem wird die Magie dieses Romans verschlossen bleiben. ■


Aharon Appelfeld
Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen

Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. 286 S., geb., € 20,60 (Rowohlt Berlin Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)

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