19.05.2013 15:30 Merkliste 0

Zwischen Welten

13.07.2012 | 18:33 |  Von Walter Dobner (Die Presse)

Es ist nicht nur „der Zeiten Zwiespalt“, der sich in dieser Essaysammlung Ernst Kreneks spiegelt, sondern ebenso „der Kontinente“. Seinen „amerikani-schen“ Texten fehlt ein wenig die Spontaneität der „europäischen“.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Doppelbegabungen haben es schwer: Wofür sollen sie sich entscheiden? Ernst Krenek, 1900 in Wien geboren, 1991 in seiner kalifornischen Wahlheimat Palm Springs gestorben, im Jahr darauf in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt, löste es auf seine Weise: Er komponierte und schrieb zeitlebens. Wobei er das Schreiben keineswegs auf die Musik beschränkte. Er nutzte seine literarische Begabung, um sich mit grundsätzlichen gesellschaftspolitischen Fragen und immer wieder mit seiner besonderen Liebe, der Natur, auseinanderzusetzen.

Schon zu Lebzeiten sind einige seiner Aufsätze erschienen: Ende der 1950er-Jahre „Gedanken unterwegs“ und „Zur Sprache gebracht. Essays über Musik“, beides betreut vom Wiener Musikschriftsteller Friedrich Saathen, 1984 „Im Zweifelsfalle“, von Krenek selbst ausgewählte Aufsätze zur Musik. 1998 kam seine, die Jahre bis zur Emigration in die Vereinigten Staaten umfassende Autobiografie heraus: „Im Atem der Zeit. Erinnerungen an die Moderne“. Ein spannendes Zeitdokument, in dem sich zahlreiche prominente Wegbegleiter Kreneks in faszinierender Anschaulichkeit widergespiegelt finden. Sie liegt, gelesen von Cornelius Obonya, mittlerweile auch als Audio-CD vor.

Liest man diese Texte, kann man Joseph Roth nur beipflichten: „Ich liebe die Musik Ernst Kreneks, und ich liebe seine Sprache.“ Eine gegenseitige Wertschätzung, wie man dem Essay „Der Dichter Joseph Roth“ entnehmen kann, den Krenek 1934 für die Zeitschrift „Der Christliche Ständestaat“ schrieb. Dafür verfasste er auch den ebenso brillant formulierten Nachruf über Karl Kraus, worin er allen linken wie rechten Kreisen, die ihn für sich vereinnahmen wollten, eine strikte Absage erteilte, dafür den Blick auf dessen „positiven Gottesglauben“ lenkte.

„Das Resultat ist, dass man zwischen zwei Kontinenten schwebt oder zwischen zwei Stühlen sitzt, was sich schließlich als der einzige menschenwürdige Platz ausweisen mag“, resümierte Krenek ein Jahr vor seinem Tod in seiner für die Zeitschrift der Jüdischen Akademiker Österreichs, „Das Jüdische Echo“, publizierten biografischen Skizze „Von Kakanien zur Waldheimat“ über sein Leben. Eine Sicht, der man schon in früheren Texten begegnen kann. Etwa wenn er seine Betrachtung über „Amerikas Einfluss auf eingewanderte Komponisten“ (erschienen 1959 im Bärenreiter Verlag) mit der Bemerkung schließt: „Wenn uns das Land der unbegrenzten Möglichkeiten gelehrt hat, der Wirklichkeit erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen, so war es dem alten Kontinent der begrenzten Wirklichkeit vorbehalten, die Lust auf das Unmögliche in uns neu zu erwecken.“ So begründet Krenek seine Beobachtung, dass Komponisten aus Europa, sobald sie sich in Amerika niedergelassen haben, ihrer Experimentierlust abschwören, um sich stattdessen pragmatisch dem dortigen Musikgeschmack zu unterwerfen, Strawinsky ausgenommen.

Ob die Alte Welt für Krenek die bessere war? Zahlreiche Einladungen, nach 1945, wieder in die alte Heimat zurückzukehren, lehnte er ab. Gebrauch machte er nur von der Möglichkeit, die Sommermonate im Schönberg-Haus in Mödling zu verbringen.

Bei den Texten spürt man, dass ihm die Beschreibung von Amerikas Vielfalt und Vielschichtigkeit nicht mit jener Unmittelbarkeit und Spontaneität gelingt, wie wenn er die Reize des Burgenlands oder die österreichische Alpenwelt beschreibt. Apropos Reiseschilderungen: Einer Passage aus dem Lied „Rückblick“ aus Kreneks neben der Oper „Jonny spielt auf“ wohl populärstem Werk, dem Liederzyklus „Reisebuch aus den österreichischen Alpen“, ist auch der Titel dieses kleinen Sammelbandes entnommen. Wenig originell, denn dieses Zitat hat bereits 1967 Lothar Knessl seiner bis heute gültigen Krenek-Biografie vorangestellt.

Auch die Auswahl selbst hält nicht, was ihr Untertitel verspricht, finden sich doch darin bereits aus den genannten Sammelbänden bekannte wie bisher weniger leicht erreichbare Texte vereint. Das versprochene „Unbekannte“ erscheint damit relativiert. Eine Antwort dazu gibt es nicht. Denn die Herausgeber beschränken sich darauf, nur jene Essays ausgewählt zu haben, die sich ohne wissenschaftliche Vorbildung verstehen lassen. Solche gibt es von Krenek freilich weit mehr, als es diese Schlussanmerkung zum Nachwort weismachen will.

Auch von diesem hätte man sich mehr erwartet als die Zusammenschau längst bekannter Fakten, zumindest eine grundsätzliche Kommentierung der Textauswahl. Zudem wurde ungenau recherchiert: Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ist keineswegs die Nachfolgerin jener „Frankfurter Zeitung“, für die Ernst Krenek einen Gutteil seiner Essays verfasst hat. Darauf hat er in Gesprächen stets Wert gelegt, unter anderem anlässlich des seinem 85.Geburtstag gewidmeten Festivals beim Carinthischen Sommer. Dieses findet sich in seiner Biografie erst gar nicht angeführt. Wer Unbekanntes bekannt machen will, sollte es mit mehr Sorgfalt, Umsicht und Perspektive tun, wie es diese Edition versucht. ■

Ernst Krenek

In der Zeiten Zwiespalt

Schriften eines unbekannten Bekannten. Hrsg. von Martina Riegler, Marie-Therese Rudolph, Florian Schönwiese. 298S., geb., €24,90 (Braumüller Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News