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Die illustre Festtafel der Vertriebenen

13.07.2012 | 18:33 |  Von Gerhard Drekonja-Kornat (Die Presse)

Versöhnlich: Germán Kratochwils Roman einer Wiedersehensfeier. Heute lebt die Pioniergeneration der Entwicklungshilfe in Pension. Während fünf Dekaden berieten ihre Mitglieder die Dritte Welt, bekämpften Armut, entwarfen Projekte, schrieben Reports, evaluierten – und verdienten als internationale Experten auch gutes Geld.

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Heute lebt die Pioniergeneration der Entwicklungshilfe in Pension. Während fünf Dekaden berieten ihre Mitglieder die Dritte Welt, bekämpften Armut, entwarfen Projekte, schrieben Reports, evaluierten – und verdienten als internationale Experten auch gutes Geld. Indes, so richtig mit gutem Gewissen traut sich kaum einer auf den Lorbeeren auszuruhen, denn unsere Welt weist immer noch arge Defizite auf. Deswegen überwiegen bei den Veteranen Katzenjammer, Selbstvorwürfe, Zynismus oder Alkohol.

Viel argentinischen Rotwein trinkt auch Dr. Martin Holberg, alternder Entwicklungsexperte und wehmütiger Held dieses Romans von Germán Kratochwil, der vom Verlag etwas unglücklich als Austroargentinier vorgestellt wird (als sei er eine Art Kulturlegionär). Kratochwil, geboren in Korneuburg, aufgewachsen in Buenos Aires, promoviert in Hamburg, arbeitete, als Experte hochgeschätzt, an verschiedenen Orten Lateinamerikas für die Vereinten Nationen. Heute lebt er im Unruhestand in Buenos Aires und Patagonien, wo er, zu unserem Glück, nicht versumpert, sondern mit diesem Roman als Autor aufersteht. Er zeugt von hoher Sensibilität und feinkörniger Sprache, unverdorben vom Berichtschreiben.

Ein schlechtes Gewissen plagt den Helden dieser Geschichte, der mit seinem Umsiedlungsprojekt für Mapuche-Indianer zugunsten eines internationalen Konzerns eigene Familienschicksale hochlädt. Denn Um- und Aussiedlungen prägen alle Dramatis Personae. Holberg fährt mit der ökologievernarrten Tochter zum Geburtstagsessen seiner 90-jährigen österreichischen Mutter Clementine, angesetzt für den ersten Tag im neuen Jahrtausend. Zum Fest ruft tief in Patagonien der tirolerische, mit einem Lindenbaum gewappnete „Tilo-Gutshof“.

Wegen Clementine, Anhängerin von Rassereinheit, Waggerl-Verehrerin und in die argentinische Aristokratie eingeheiratet, leidet der Held, wie der Psychoanalytiker Elias Königsberg schamhaft anvertraut, an dem aus Europa eingeschleppten „antisemitischen Urkeim“. Judith, seine – verstorbene – Gattin aus jüdisch-galizischem Elternhaus, konnte ihn davon nicht erlösen. Infolge dieses europäischen Fluchs teilen alle Älteren an der Festtafel das böse Schicksal aus dem gerade endenden Jahrhundert: unerwünscht, diskriminiert, ausgewiesen, ausgegrenzt, vertrieben, verschüttet – der Südtiroler Bauer Treugott, dessen Vater wegen der italienischen Faschisten eine neue Heimat in Argentinien begründet hat, die lebenspralle Gattin Rotraud, 1948 aus dem Sudetenland vertrieben, Psychoanalytiker Königsberg mit Frau als Juden sowieso wie auch die befreundete Familie aus Israel und sogar der greise Siegmund, der als Mitläufer-Nazi in Mauthausen Wachdienst geschoben hat, um 1945 nach Argentinien zu entkommen.

Nun hätte ein Kitschist wohl nicht der Versuchung widerstanden, ob dieser Melange an der Festtafel ein politisches „Scherbengericht“ zu inszenieren. Nicht so unser Autor: Scherben gibt es, aber nur, weil dem altersverkrüppelten Treugott die Bleikristallschüssel aus Böhmen, gefüllt mit Kipflerkartoffelsalat, entgleitet. Als Katharsis muss das reichen. Alle Übrigen bleiben Teil der immerwährenden Conditio humana, die Hoffnung, Freude und Leid mischt: Treugott, den ihm aufgedrängten Rollstuhl verschmähend, hängt sich im Schafstall am Strick auf. Holbergs Sohn Gabriel, den Vater als „Theoretiker des Guten“ verachtend, packt seinen Paragleiter und entschwindet in eine Zukunft, die grausam sein soll. Die jüdischen Gäste ziehen sich zurück. Es gibt keine reinigende Tabula rasa – sodass der Held am nächsten Morgen mit großer Lust auf ein Bauernfrühstück aufwachen darf.

Kratochwil erzählt seine um die zwölf (manchmal 13) Teilnehmer am Festmahl gebaute Geschichte mit eleganter Leichtigkeit. Zärtlich schildert er die Beziehung des Vaters zur Tochter Katha, die Indios liebt, Bäume umarmt und Wale brummen hört. Patagoniens windgepresste Landschaft verwandelt sich auf den Seiten des Buches in gläserne Mirages. Gargantuesker Realismus hingegen regiert, wenn Treugott ein Lamm absticht und ausnimmt, um es als „asado“, eingerieben mit allen duftenden Kräutern Patagoniens, stundenlang zu schmoren, à la argentina nicht auf einem Grill, sondern kreuzweise aufgespießt neben der mit Nuss- und Eichenholz genährten Glut. Dem gerühmten Kipflerkartoffelsalat folgen Mohnstrudel, Nussstrudel und Dobos-Torte.

Der dichten Beschreibung des versöhnenden österreichisch-argentinischen Festmahls merkt man an, dass nicht ein Kochbuch, sondern der zufriedene Bauch des Autors die Schreibhand geführt hat. ■





Germán Kratochwil
Scherbengericht

Roman. 312 S., geb., €22,90 (Picus Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)

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