Die Krise hat die ideologischen Leidenschaften vieler beflügelt. Jedesmal, wenn sich eine Bank verspekuliert hat, für „systemrelevant“ erklärt und vom Staat mit Steuergeldern gerettet wird (auf dass sie ihm auch in Zukunft zu gesicherten Zinsen seine Anleihen abnimmt, was wiederum mit Steuergeldern finanziert wird), wächst die Zahl derer, die bei Nennung des Namens „Marx“ auf den „Gefällt mir“-Button drücken. Wer also die Wortkombination „Marx hat recht“ googelt, erhält je nach Laune der Suchmaschine 450.000 bis 500.000 Treffer. Von unverbindlichen Statements abgesehen, findet sich da eine bunte Koalition aus Neubekehrten verschiedener politischer Farbschattierungen – und auch solchen, die es immer schon gewusst haben. Terry Eagleton ist einer von ihnen – ein marxistischer Literaturwissenschafter, der gleichzeitig mit seiner scharfsinnigen Formulierungskunst auch Nichtmarxisten verzaubert hat.
Wer sich erwartet, dass Eagleton, der ja aus dem faktengesättigten Milieu der „New Left Review“ kommt, wie so viele andere laufende Ereignisse als Bestätigungen Marxens anführen würde, der wird enttäuscht sein. Das Buch geht von der Fragestellung aus, was denn wäre, wenn alle „sattsam bekannten Einwürfe“ gegen das Werk von Marx (und das des beiläufig erwähnten Engels) falsch wären. Doch ist das nicht ein Fehlschluss, dass Marx recht hat, wenn die Einwürfe gegen ihn falsch sind?
Wie auch immer: Eagleton verfasst eine Defensio des Marxismus gegen zehn populäre Vorwürfe – etwa den des Totalitarismus, des Determinismus oder des Utopismus –, die er gleichzeitig als Einführung versteht, ein Buch, das sich ein wenig wie eine Sammlung populärer Vorträge liest. Also etwa: Nein, Marx hatte nichts mit dem Scheitern des „sogenannten sozialistischen Systems“ zu tun, das allerdings vom Wettrüsten in den Zusammenbruch getrieben wurde und auch seine Erfolge hatte – „Benzin, Verkehrsmittel und Kultur zu erschwinglichen Preisen“. Das sei zwar kein Ersatz für „Freiheit, Demokratie und Bananen in den Obstabteilungen der Supermärkte“, man dürfe es aber nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Das ist – wie so vieles in Eagletons überraschendem Buch – ein wenig „retro“ und erinnert an die Argumente der „kritischen Apologeten“ aus den Jahren des Budapester Aufstands, des Prager Frühlings und der Solschenyzin-Debatte: Man müsse sich dem realen Sozialismus gegenüber „dialektisch“ verhalten.
Mit der Dialektik hat diese Einführung allerdings wenig zu tun – in den „Flüchtlingsgesprächen“ unterscheidet Brecht zwischen einem „billigen“ Marxismus mit Klassenkampf, Revolution und Diktatur des Proletariats und einem „teuren“ mit Hegels vertrackter Dialektik und der ausufernden Politökonomie. Verwendet man diese Distinktion, dann ist Eagletons Einführung „billig“, aber das wird seinem Marxismus-Verständnis nicht gerecht. Sicherlich, Eagleton macht es sich gelegentlich recht leicht: Viele eigentlich eindeutige – und unhaltbare – Aussagen Marxens werden durch spitzfindige Distinktionen entschärft, oder wir lesen, dass das umstrittene Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate für Marx einfach nicht den Status eines naturwissenschaftlichen Gesetzes gehabt habe. Doch der Name Marx steht für Eagleton für eine Werkzeugkiste, welche das Zubehör der bestbegründeten Kritik und Analyse des Kapitalismus enthält. Solange das kohärente Bündel aus Institutionen und Mentalitäten wie Markt, Profitstreben, Konkurrenz und Gier existiert, hat Marx einfach recht. Eagletons Marxismus hat einen moralischen Subtext, der jeden der unleugbaren globalen Missstände in ein Argument pro Marx verwandelt.
Bei aller Opposition gegen den Determinismus ist es für Eagleton zwingend, dass der Kapitalismus jenen Arbeiter produziert, der ihn dereinst stürzen wird. Das mache den Marxismus zu einer letztlich ironischen Geschichtsauffassung – hier schimmert die alte Brillanz Eagletons auf. Das gilt auch für sein Anknüpfen an Marxens Idee, dass der Fortschritt aus dem „Bösen“ kommt, was wiederum der marxistischen Geschichtsauffassung eine tragische Komponente gebe.
Nur: Tragisch und ironisch, ist das wirklich kompatibel? Und wenn man schließlich mit Adorno die Geschichte für eine melancholische Erzählung hält und das wahre Bild der Zukunft nicht in Prognosen, sondern im bloßen Scheitern der Gegenwart gegenüber einer unvermeidlichen Zukunft sieht – ist man dann wirklich berechtigt, gegen Foucault und die Postmoderne mit ihrer Dekonstruktion des „wissenschaftlichen Sozialismus“ zu polemisieren? Eagletons Marxist ist eine pessimistische Figur, die sich selbst abschaffen möchte, aber von der „schlechten Seite der Geschichte“ ständig reanimiert wird, und gleichzeitig ein Sisyphus in der Deutung von Camus, der sein Scheitern durchaus fröhlich erlebt und gern einen Witz einstreut.
Dennoch muss man ihn fragen, ob es jenen Marx'schen Industriearbeiter, der da dereinst den Kapitalismus bei Strafe des Untergangs der Zivilisation stürzen wird, im Zeitalter der Dienstleistungsgesellschaft noch gibt. Global gesehen, sagt Eagleton, der sich auf „Handarbeiter und einfache Angestellte“ bezieht, schon, und da hat er wohl recht. Doch schon der Revisionist Eduard Bernstein hat dieser Bevölkerungsgruppe den Wunsch zugeschrieben, in die Mittelschicht aufzusteigen. Dem widerspricht Eagleton mit einem Argument der marxistischen Orthodoxie: Gerade die untere Mittelschicht würde im Fall einer politischen Krise wegen der laufenden Proletarisierung die „Sache der Arbeiterklasse“ unterstützen. Zweifelhaft, wenn ein Autor gleichzeitig argumentiert, dass man Fließbandarbeiter besser bezahlen solle als Ärzte, die „in einer ansprechenden Umgebung einer angenehmen und befriedigenden Beschäftigung nachgehen“, und so diese Proletarisierung ideologisch fördert.
Kann man etwas aus diesem Buch lernen? Zumindest das: Dass man Auseinandersetzungen um Missstände im sozioökonomischen Bereich im konkreten Kontext führen soll, ohne einem unzeitgemäßen Personenkult um Marx zu huldigen – selbst, wenn man ein Terry Eagleton ist. ■
Terry Eagleton
Warum Marx recht hat
Aus dem Englischen von Hainer Kober. 286 S., brosch., €18,50 (Ullstein Verlag, Berlin)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)















