Miles Heller, 28, ist der Sohn des Verlegers Morris Heller. Vor siebeneinhalb Jahren hat er das College und seine Familie in New York verlassen – sich nie wieder bei ihr gemeldet! – und lebt nun in Florida. 2008 werkt er als Teil eines Entrümpelungstrupps. Die Immobilienblase ist geplatzt. Die Menschen verlieren ihre Häuser, die sodann von Miles und Kollegen geräumt und gereinigt werden. Er nutzt diesen Job, um „Fotos von aufgegebenen Dingen“ zu machen, von all dem also, was Familien beim Auszug zurückgelassen haben. Er selbst, verschlossen und einzelgängerisch, hat seine Bedürfnisse auf ein absolutes Minimum reduziert. Da lernt er Pilar Sanchez, eine Highschool-Schülerin kubanischer Abstammung, kennen, weil sie beide im Park gleichzeitig im gleichen Taschenbuch lesen: „Der große Gatsby“.
Die 17- und der 28-Jährige verlieben sich ineinander, was gesetzlich nicht erlaubt ist. Pilars Eltern kamen vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Bevor sie zu Miles zieht, lebte sie bei ihren drei Schwestern. Miles ist mittlerweile ohne Ziele, lernt aber mit der ehrgeizigen Pilar für die College-Aufnahmsprüfung.
Er erzählt kaum etwas über sich, erweist sich aber als schwer beladen. Nach der Scheidung seiner Eltern bekam er mit dem Sohn der neuen Frau seines Vaters den älteren Stiefbruder Bobby, dessen Tod er verursacht hat, sich jedenfalls dafür schuldig fühlt: Bei einem Streit stieß er ihn auf die Straße und Bobby wurde überfahren. Deshalb hat Miles die Familie verlassen, ist gleichsam geflohen vor seinen Schuldgefühlen. Nun muss er erneut fliehen: Nachdem er zuerst Pilars Schwestern mit Gegenständen aus den entrümpelten Häusern bestochen hat, droht Miles am Ende einiger turbulenter Szenen eine Anzeige. Er muss Florida für einige Monate verlassen, bis Pilar volljährig ist.
Er zieht zu seinem Freund Bing nach New York in ein von diesem mit anderen besetztes, leer stehendes Haus im Sunset Park in Brooklyn. Bing, der, wie sich am Ende herausstellen wird, in seinen Freund verliebt ist, hat die Jahre über heimlich Miles' Eltern über ihren verschwundenen Sohn auf dem Laufenden gehalten. Er betreibt eine „Klinik für kaputte Dinge“, in der er aber 90 Prozent seiner Einnahmen mit dem Rahmen von Bildern erzielt. Bing „ist der Großmeister der Empörung, der Champion der Unzufriedenheit, der militante Entlarver des zeitgenössischen Lebens, der davon träumt, aus den Ruinen einer gescheiterten Welt eine neue Realität zu schmieden“, glaubt dabei aber nicht an politische Betätigung. Zudem spielt er in einer Band.
Paul Austers Spezialität, die Konstruktion von Zufällen, kommt auch hier nicht zu kurz: Gerade ist ein Zimmer im besetzten Haus frei geworden, Miles kann einziehen. Auch Bings Mitbewohnerinnen schleppen schwer unter dem, was Auster ihren Biografien auflädt: Ellen hat große psychische Probleme, betäubt sich mit Pillen, „um ihr Leben zu überleben“. Ihr Arzt diagnostizierte „Angst ohne Gegenstand“. Aber sie weiß, es ist „Angst zu sterben, ohne gelebt zu haben“. Der Einzug der in einer Maklerfirma tätigen Frau ins besetzte Haus tut ihr gut. „Bing und Alice haben sich als verlässliche Freunde erwiesen, großzügig und hilfsbereit.“
Sterben, ohne gelebt zu haben?
Die Einsame ist erfüllt von vielen sexuellen Obsessionen, die sich aber großteils lesen wie allzu bekannte Altmännerfantasien. Am Ende gewährt Auster der Gequälten Erlösung, indem er sie wieder auf ihren Freund aus Jugendtagen treffen lässt. Damals war sie 20 und er 16 – sie wurde schwanger. Der Abtreibung folgte ein Suizidversuch. Jetzt erlebt sie das reinste Glück mit ihm.
Alice, die im PEN-Club jobbt, schreibt an ihrer Doktorarbeit. Das Fenster in ihrem Zimmer geht auf den Friedhof von Green-Wood hinaus, in dem viele Prominente aus mehreren Jahrhunderten begraben liegen. Sie analysiert unter anderem auch den Filmklassiker „Die besten Jahre unseres Lebens“, der zu einem weiteren Leitmotiv des Romans wird. Auster liebt es, den Filminhalt mit seinem Romanpersonal auf vielfältige Weise in Beziehung zu bringen.
Ein weiteres Hauptmotiv liefert Baseball mit den teils tragischen Biografien von Spielern. Dem österreichischen Leser bleiben diese intensiven Exkurse in die Welt – und auch Historie – dieser Sportart zwangsläufig fremd. Für die Romanfiguren ist Baseball von großer Bedeutung. Der Sport scheint auch ein Hauptbindeglied zwischen Miles und seinem Vater Morris zu sein, dessen kleiner Verlag große Probleme hat. Renzo, sein erfolgreichster Autor, spielt mit der Idee zu einem Essay „über die Dinge, die nicht geschehen, die nicht gelebten Leben, die nicht geführten Kriege, die Schattenwelten, die parallel zu der Welt laufen, die wir als die reale akzeptieren“. Morris aber hat die Folgen seines realen Seitensprungs zu tragen. Er droht somit neben dem Geschäft auch die Frau zu verlieren. Miles' Stiefmutter ist in England, um damit fertig zu werden. Sie ist zu keiner Versöhnung mit ihrem Stiefsohn bereit – erst recht, als sie erfährt, weshalb ihr Sohn überfahren wurde.
Miles' leibliche Mutter ist eine berühmte Film- und mittlerweile Theaterschauspielerin – ihr neuer Mann ein unabhängiger Filmproduzent, der gezwungen ist, mit Vorträgen zum Thema Film durchs Land zu reisen. Der Starrkopf Bing schafft es, so viele Räumungsbescheide zu ignorieren, bis es zum gewaltsamen Vorgehen der Polizei kommt. Miles schlägt mit der Hand, die schon seinen Stiefbruder auf die Straße gestoßen hat, einen Polizisten nieder und muss – einmal mehr – fliehen.
Offen bleibt, ob er dem Rat des Vaters folgt und sich stellt. Paul Auster hat seinen Roman „Sunset Park“, der nicht zuletzt eine Hommage an Brooklyn ist, prall gefüllt mit ungewöhnlichen Lebensgeschichten und einer Vielzahl von Details. Er vernäht kunstfertig alle Motive miteinander, wird nicht müde, dafür Zufälle zu konstruieren und immer neue Bezugsnetze auszuwerfen. Die Erzählmethode, die er wählt, wirkt sich beim Leser etwas ermüdend aus, da er alle ihm längst bekannten Fakten jede Person erneut erfahren lässt, ohne dass sich daraus für den Leser allerdings Neues ergibt.
Vielleicht liegt es wirklich an der Überfülle des Gebotenen, den ständigen symbolischen Aufladungen, den Wiederholungen, die das Interesse an den Schicksalen erlahmen lassen. So tragisch vieles ist – letztlich ertappt man sich dabei, unberührt geblieben zu sein. ■
Paul Auster
Sunset Park
Roman. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. 320S., geb., €20,60 (Rowohlt Verlag, Reinbek)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)















