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„Bist eh die Ophelia“

27.07.2012 | 18:23 |  Von Thomas Rothschild (Die Presse)

Ichbezogen: Julya RabinowichsRoman „Die Erdfresserin“. Vor jedem Kapitel des ersten von zwei Teilen ist, wie ein anonymes Motto, ein Kurzdialog wie aus einem Verhör abgedruckt.

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Vor jedem Kapitel des ersten von zwei Teilen ist, wie ein anonymes Motto, ein Kurzdialog wie aus einem Verhör abgedruckt. Der erste beginnt mit dem Satz: „ErzählenSie mir ein wenig von sich.“ Davor steht ein Prolog – poetisch und in höchstem Maße narzisstisch. Da folgt die Ich-Erzählerin ihrem Schatten, zwinkert sich zu. Die Vergleiche sind gewagt: Die Sonnewärmt den Rücken wie unzählige Männerkörper zuvor, die Erzählerin wischt sichden Schlamm von den Lippen wie viele, viele Worte zuvor. Wir stellen uns auf Selbstbespiegelung ein. Wie bei unzähligen Autorinnen und Autoren zuvor.

Aber das ist nur zum Teil berechtigt. Die Erzählerin heißt Diana, stammt aus einem kleinen russischen Dorf, wo ihr kranker Sohn mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zurückgeblieben ist; der Vater, offenbar ein Intellektueller, den ein Geheimnis umgibt, ist verschwunden. Sie ist Theaterregisseurin, die regelmäßig über die Grenze geht, nach Wien. Von dort in die Heimat ihrer Kindheit und zurück changiert der Roman. Dass Diana in Wiengelandet ist, drückt sich auch sprachlich aus. „Bist eh die Ophelia“, sagt sie zu ihrer schauspielernden Freundin Nastja. Man hört den Tonfall mit.

Die Sprache des Romans insgesamt bleibt poetisch und musikalisch in ihrer Prosodie. Manchmal verliert sich die Mitteilung im lyrischen Duktus, der sich zum Gedicht zu verselbstständigen neigt. Nicht immer ist Julya Rabinowich, die auch malt, gegen schiefe Bilder gefeit. Die Geschichte bleibt auch nach dem Prolog ichbezogen. Die Erzählerin steht durchweg im Zentrum ihres eigenen Interesses. Aber sie umgibt sich mit Menschen und Situationen, die Welt in den sehr privaten Text hereinholen. Den „Kommunismus“ aus der Sicht des Kindes etwa illustriert ein aufwendiger Ausflug zum Zweck des Erwerbs von Klopapier, die Zustände im Exil eine ausführliche Krankenhausszene, die dann als lange Einleitung zum ins Fantastische und kurzfristig ins Essayistische ausgreifenden zweiten Teil des Romans wieder aufgenommen wird.

Die Erzählerin hat einen Zug zur Besserwisserei. Die Wahrnehmung ihrer Mitmenschen ist oft herablassend, unduldsam. Dass sie ihre Mitbewohnerin Nastja fragt, wie diese derartig egomanisch sein könne, klingt wie eine ironische Pointe der Autorin, aber sicher kann man sich da nicht sein.

Der Ton ändert sich, wenn Diana in Wien nur knapp einer Verhaftung entgeht und der Polizist Leo ins Spiel kommt. Er gehört in die Gegenwelt zum russischen Dorf. Das Schweizerhaus, in dem man Bier zur Stelze trinkt, verhält sich zum Bücherzimmer des verschollenen Vaters wie die Schlachthöfe, in die sich Brechts Johanna Dark begibt, zur Heilsarmee. Die Hölle ist das Leben mit Leo nicht, aber gewiss auch kein Idyll. „Waren Sie denn nie verzweifelt?“ „Das muss man sich leisten können.“ Der als Motto dienende Dialog könnte von Brecht sein.

„Die Erdfresserin“ ist, nach „Spaltkopf“ und „Herznovelle“, die dritte größere Prosaarbeit der 1970 in Leningrad geborenen und 1977 nach Wien übersiedelten Autorin. Der Golem schleicht leitmotivisch durch den neuen Roman von Julya Rabinowich. Am Ende wartet er auf Diana und führt sie in die Tiefe. Wo Brechts heilige Johanna ihrer harrt. ■





Julya Rabinowich
Die Erdfresserin

Roman. 236S., geb., €18,40 (Deuticke Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)

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