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Die Lakonie des Lektorats

27.07.2012 | 18:24 |  Von Christoph Bartmann (Die Presse)

Lange stand Raymond Carver unter Gordon Lishs Streichdiktat. Nun gibt es seine Texte in voller Länge, also erweiterter Kürze.

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Er stand in der Küche, goss sich noch einen Drink ein und blickte hinaus zu den Schlafzimmermöbeln im Vorgarten.“ Willkommen im Reich von Raymond Carver, wo Drinks und Vorgärten nie weit sind, und wo vor dem inneren Auge sogleich ein nächtliches Edward-Hopper-Bild ersteht. Willkommen aber auch im Reich der zahllosen Carver-Fans und -Adepten, man denke an Judith Hermann und die ganze neuere Schule der Wortkargheit („lakonisch“ nennt das die Literaturkritik gerne), wo alles, wovon erzählt wird, irgendwie im Rauchen und Schauen und Stehen zu geschehen hat, weil wir über die inneren Angelegenheiten der Figuren doch sonst nichts sagen wollen – oder können.

Raymond Carver war es im Lauf seines Schriftstellerlebens zunehmend leid, wenn man ihm das Etikett des „Minimalisten“ aufdrückte. Inzwischen wissen wir, dass sein Minimalismus keineswegs auf eigenem Entschluss beruhte. Es war vielmehr sein Freund und Lektor Gordon Lish, der Carvers Manuskripte regelmäßig auf die Hälfte eindampfte und dabei alles wegstrich, was ihm zu „ungefähr“ und gefühlig erschien. Man kann darüber streiten, ob diese vom Lektorat verhängte Lakonie Carvers Erfolg eher befördert oder gehemmt hat; fest steht, dass Carver als Erzähler enorm erfolgreich war. Womöglich wäre er noch erfolgreicher gewesen, hätte er sich gegen das Streichdiktat des Lektors früher und energischer zur Wehr gesetzt. „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“, wie der nun endlich uncut edierte Erzählungsband beim ersten Erscheinen 1981 hieß, war jedenfalls überaus erfolgreich – wer Robert Altmans berühmten Film „Short Cuts“ gesehen hat, dem wird manche Geschichte bekannt vorkommen.

Nicht nur bekommen wir jetzt die unverstümmelte Fassung der Carver-Erzählungen geboten, sondern mit ihm auch das ganze Drama, das sich zwischen Carver und seinem Lektor abgespielt hat. Lish hat Carver, der lebenslang gegen seine Dämonen, zumal den Alkohol ankämpfte, groß gemacht, und zugleich hat er Carvers Schreiben zunehmend selbst in die Hand genommen, eher schon ein Koautor als nur ein Lektor. Carver selbst ließ Lish lange Zeit gewähren, aber in den Jahren um 1980 wuchsen seine Zweifel: „Ich denke, ich sollte lieber einen Rückzieher machen, bevor es zu spät ist, Gordon“, schreibt er ihm. „Durch deine kleinen Eingriffe und die Kürzungen hast du so viele dieser Geschichten besser gemacht. Aber diese drei anderen, ich glaube, ich sterbe, wenn sie in dieser Form herauskommen.“ Es sind die Geschichten, in denen Carver sich an größeren Erzählzusammenhängen versuchte. Er wollte nicht auf die Form der Short Story, die ihn berühmt gemacht hatte, reduziert werden.

Und wie liest sich der neue Carver nun? Die gute Nachricht für Lakoniker: Er ist immer noch lakonisch, aber nicht mehr minimalistisch. Ein Schreibprogramm, in dem Figuren keine Gefühle artikulieren dürfen, ist ähnlich einengend (oder die Fantasie beflügelnd) wie ein Roman, in dem der Buchstabe „e“ nicht verwendet werden darf. Jetzt dürfen plötzlich Passagen im Text stehen, die zuvor Lishs Schere zum Opfer gefallen sind, etwa: „Beide starrten sie hinunter zum Parkplatz. Es war, als könnte jeder das Innerste des anderen spüren, als habe der Schmerz sie vollkommen durchlässig gemacht.“ Bei Carver/Lish hätte das Starren auf den Parkplatz genügt. Und natürlich, es kann im Starren auf den Parkplatz das dann artikulierte Gefühl vollständig enthalten sein. Es muss aber nicht. Anschauung ohne Gefühle ist dumm, jedenfalls dann, wenn man sie zur Masche macht.

Oder: „Er zitterte am ganzen Leib. Verflucht sollten sie sein, die Hippies dieser Welt, dachte er. Die Begegnung hatte ihm dermaßen zugesetzt, dass er jetzt gern einen Drink gehabt hätte.“ Wird diese Stelle besser, wenn nicht gesagt wird, was die Figur sich dachte? Wahrscheinlich hat Lish in bester Absicht gehandelt, als er Carvers Text reduzierte wie einen Saucenfond. Aber wem ist geholfen mit einer literarischen Sprache, die für alle Emotionen einen Index in der Realität benötigt? „Realismus“ ist das jedenfalls nicht, denn auch wir springen im Alltagsleben realistischerweise von Wahrnehmungen zu Empfindungen und zurück oder erleben in aller Regel beides als ein unzertrennliches Ganzes. Gut, dass wenigstens dieser Carver-Text nun wiederhergestellt ist. Vielleicht ist er jetzt nicht mehr ganz so cool und Hopper-mäßig wie zuvor, aber was zählt das gegen den Vorzug, nun den ganzen, den unzensierten Carver uncut vor sich zu haben?! ■


Raymond Carver
Beginners

Uncut – Die Originalfassung.
Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié. 362S., geb., €22,70 (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)

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