22.05.2013 18:00 Merkliste 0

Der große Fall

03.08.2012 | 18:47 |  Von Burkhard Bischof (Die Presse)

Tod trotz Überproduktion: Zwischen 1958 und 1962 starben 36 Millionen Chinesen den Hungertod, während Getreide ins Ausland geliefert wurde. Allmählich werden die Folgen von Mao Tse-tungs Plan einer kommunistischen Gesellschaft untersucht.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Der Hungertod ist ein Meister aus China. Millionen Tote forderten Hungersnöte allein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ausgelöst überwiegend durch Naturkatastrophen – Dürren, Überschwemmungen, Stürme, Verwüstung, Erdbeben. Doch die Hungersnot der Hungersnöte wurde nicht durch Kapriolen des Wetters und der Natur verursacht, diese Katastrophe war von Menschen ausgelöst, sie war politikgemacht, von ideologischen Allmachtsfantasien angetrieben.

Zwischen 1958 und 1962 verhungerten in der Volksrepublik China nach Berechnungen des chinesischen Publizisten Yang Jisheng 36 Millionen Menschen. Er ist ein vorsichtiger Rechner, er analysierte die Daten ausländischer und chinesischer Demografen, verglich ihre Ergebnisse und zog seine eigenen Schlüsse: „Ich schätze, dass es während der Hungersnot landesweit zu etwa 36 Millionen nicht natürlicher Todesfälle gekommen ist und zu Mindergeburten von 40 Millionen. Die große Hungersnot hat in China also zu einem Bevölkerungsverlust von 76 Millionen Menschen geführt.“

36 Millionen Verhungerte – das ist, als würde innerhalb von vier Jahren die gesamte Bevölkerung des US-Bundesstaates Kalifornien ihr Leben aushauchen. „Und es gab niemanden, der klagte und weinte, es gab keine angemessenen Riten“, schreibt Yang Jisheng, „da waren kein Mitgefühl, keine Trauer, keine Tränen, keine Erschütterung und keine Angst. Millionen von Menschen sind einfach so, apathisch und ohne einen Laut verschwunden.“ Yang Jisheng, dessen Vater 1959 auch ein Opfer der Hungersnot wurde, wollte diesen lautlos Verstorbenen mit diesem 800-Seiten-Buch ein publizistisches Denkmal setzen. Jahrzehntelang wurde diese ungeheure menschliche Tragödie in China totgeschwiegen, vertuscht, ausgespart. Viele Dokumente über das Massensterben wurden vernichtet, die Funktionäre schwiegen, im Ausland erschienene Berichte über die Katastrophe wurden als verleumderisch gebrandmarkt. Diese Haltung hat natürlich mit dem schlechten Gewissen der chinesischen Kommunisten zu tun – sie und niemand sonst sind für den sinnlosen millionenfachen Tod verantwortlich.

Erst in den vergangenen Jahren hat durch eine gewisse Lockerung der ideologischen Kontrolle die zaghafte innerchinesische Aufarbeitung der Katastrophe begonnen. Vor drei Jahren erschien „Die Rechtsabweichler von Jiabiangou“ von Yang Xianhui auch in deutscher Übersetzung (edition suhrkamp). In diesen Berichten aus einem Umerziehungslager in der Wüstensteppe der westlichen Provinz Gansu wird anhand von Einzelschicksalen auf beklemmende Weise vom Sterben der politischen Gefangenen berichtet. Die Strafanstalt war ursprünglich für 40 bis 50 Gefangene gebaut worden, aber 3000 wurden Ende der 1950er, Anfang der 1960er während Mao Tse-tungs paranoider politischer Säuberungskampagnen hierhergebracht. Als 1961 die Inhaftierten abgeholt werden sollten, waren noch 500 am Leben. Der chinesische Filmemacher Wang Bing hat auf der Grundlage von Yang Xianhuis erschütternden Berichten in der Wüste Gobi den Film „Der Graben“ gedreht, der 2010 beim Filmfestival von Venedig als Überraschungsfilm präsentiert wurde. Leider hat es dieses Dokudrama nie in die heimischen Kinos geschafft, bis jetzt auch nicht ins Fernsehen.

Bis in die 1970er-, 1980er-Jahre fanden chinesische Bauern bei ihrer Feldarbeit vor allem in den zentralen und westlichen Provinzen immer wieder menschliche Skelette, die die Natur plötzlich freigab. Auch Yang Jisheng beschreibt in manchmal apokalyptisch anmutenden Bildern die Folgen der Hungersnot. Weil in jener Zeit des Sterbens auch Brennstoffmangel herrschte, gruben Bauern die Särge aus, um an Holz zu kommen. Die Skelette blieben liegen.

Oder der Kannibalismus – hundertfach, tausendfach. Yang schreibt: „Mancherorts wurden die Toten anderer Familien, mancherorts haben die Familien ihre eigenen Toten verzehrt; manchmal wurde das Fleischder Toten gekocht, manchmal aß man es roh;es wurden Leichen verzehrt, und es wurden Menschen ermordet, um sie dann zu essen; es kam auch vor, dass das Fleisch auf Märkten verkauft wurde (dann meistens gekocht). An den Metzgerständen wurde nicht selten Menschen- als Schweinefleisch verkauft. Unter denen, die Menschenfleisch aßen, sind etwa 40 Prozent an anschließenden Durchfällen gestorben.“

Auslöser der Katastrophe war der von Mao ab 1958 forcierte „Große Sprung nach vorn“ in eine kommunistische Gesellschaft, die mit Volkskommunen und Volksküchen durchsetzt sein sollte. In Wahrheit war es für die chinesische Gesellschaft ein großer Sprung ins Leid. Nicht für die ganze Gesellschaft freilich. Während permanente politische Indoktrination sowie die Errichtung von Volkskommunen und Volksküchen die Existenzgrundlagen der Bauernfamilien zerstörten und so allmählich zum Massenhunger in den ländlichen Gebieten führten, lebten damals die über 60 Millionen Kader vergleichsweise in Saus und Braus.

Die Bauern in der kommunistischen Volksrepublik fristeten während der Mao-Herrschaft ein noch elenderes Sklavendasein als all die düsteren Epochen zuvor in der chinesischen Geschichte. „Wir waren vom Hunger aufgedunsen, und die Kader vom Fressen“, klagten die Geknechteten. Oder: „Wir magern ab zum Skelett, aber die Kader fressen sich fett.“ Oder: „Es jagen sich Wind- und Nebelgeschwader, alles verhungert, nur nirgends ein Kader.“

In dem System totaler Kontrolle, mit dem die Kommunistische Partei Chinas das ganze Land überzog, gab es kein Entkommen – bis in die hintersten Winkel des Landes wurden die Dorfbewohner von Parteikadern überwacht. Während des „Großen Sprungs“ wurden die Bauern von den Funktionären zur Stahlschmelze, zu großen Industrie- und Wasserbauprojekten abkommandiert. Die Frauen und Kinder, die auf den Feldern arbeiten mussten, brachten 1958 nur die Hälfte der Herbsternte ein, der Rest verrottete. Zugleich hielten die Behörden an einem unsinnigen An- und Rückkaufsystem und an von oben festgelegten Planziffern für die Getreideproduktion fest. Parallel lief ein völlig absurder Wettbewerb der Planüberfüllung, in dem gelogen und betrogen wurde. Die für den Kommunismus so typische Hyperbürokratisierung führte dazu, dass Bauernfamilien neben vollen Getreidespeichern verhungerten. Und währenddes ärgsten Massensterbens exportierte die Volksrepublik weiter Getreide ins Ausland: „Wenn man die Menschen nur mit der Hälfte der Reserven unterstützt hätte, hätte nicht ein Einziger verhungern müssen“, ist Yang Jisheng überzeugt.

Lange Zeit wollten die Verantwortlichen für das Desaster im Zentralkomitee in Peking – allen voran natürlich Mao Tse-tung – die Konsequenzen ihrer verheerenden Politik nicht zur Kenntnis nehmen. Sie empfahlen eine „patriotische Hygienekampagne“ gegen das Massensterben auf dem Lande. Und noch absurder: Mitten in der Hungersnot kam Mao auf den Gedanken, was wohl zu tun sei, wenn China aufgrund von Rekordernten zu viele Nahrungsmittel produzieren werde. Die Akademie der Wissenschaften wurde beauftragt, diese Frage zu beantworten: „Es dauerte kein Jahr, bis auch die Wissenschaftler, die der Frage nachgingen ,Was tun bei zu viel Lebensmitteln?‘, sich vor Hunger nicht mehr auf den Beinen halten konnten“, schreibt Yang.

Mao aber hielt während all der Hungerjahre an seinem mörderischen Kurs fest und seine „Drei Roten Banner“ (kommunistische Generallinie, Volkskommunen, Volksküchen) weiter hoch. Yang: „Was er korrigieren wollte, lag im Bereich von Methode und Arbeitsstil, doch sobald diese korrigiert waren, sollte der Große Sprung weitergehen.“ Schuld an Fehlentwicklungen waren Maos Meinung nach stets nur politische Querulanten und Widersacher – „Rechtsabweichler“, Großbauern, Kapitalisten, Anhänger des alten Regimes. Das Zentralkomitee wiederum war ein Haufen von rückgratlosen Genossen, die zu allem, was vom Großen Vorsitzenden kam, Ja und Amen sagten. Wer es doch einmal wagte zu widersprechen, wurde gnadenlos fertiggemacht – in diesem Buch sind mehrere verstörende Beispiele für solche Bestrafungsaktionen angeführt. Also gab es im Machtsystem, wie es Mao aufgebaut hatte, kein Korrektiv. Yang seziert dieses System in knappen Sätzen: „Hier durfte man keine parteikritischen Stimmen erwarten, sämtliche abweichenden Meinungen wurden zur Häresie. Die Regierung hatte die Macht, jeden zu bestrafen und zu entmachten. Strafen und Entmachtungen produzierten Angst, Angst produzierte Lügen. Angst und Lüge wiederum waren die grundlegende Voraussetzung, die das System in Gang hielt.“

Yang Jisheng hat für dieses Buch viel Material durchgesehen, viele Interviews geführt, ist im ganzen Land herumgereist. „Grabstein“ist in einem sehr sachlichen Ton gehalten – was für dieses Thema auch richtig ist. Freilich gehen dem Leser die Berichte von Yang Xianhui über die verhungernden „Rechtsabweichler von Jiabiangou“ viel stärker unter die Haut als Yang Jishengs nüchterne Schilderungen. Sein Buch hat auch ziemliche Längen, wenn er seitenweise einen amtlichen Bericht aus den Hungergebieten an den anderen reiht.

Was dem Buch am meisten fehlt, sind Karten, von China wie von den Provinzen. Yangs Ansatz, am Beginn seiner Studie jene Provinzen genauer unter die Lupe zu nehmen, in denen der Hunger am meisten wütete (Henan: drei Millionen Verhungerte, Sichuan: zehn bis zwölf Millionen Hungertote,Anhui: vier bis sechs Millionen Verhungerte), ist nachvollziehbar. Freilich hätte der umgekehrte Weg wahrscheinlich besser funktioniert – nämlich zuerst die „große Politik“ in Peking zu beschreiben und dann die Konsequenzen daraus für das Geschehen in den Provinzen zu erklären. Auch erläutert Yang an keiner Stelle, wieso in manchen der Provinzen der Hunger derart viele Todesopfer forderte, während in anderen vergleichsweise wenige Menschen verhungerten. Hatte das wirklich nur damit zu tun, dass in Henan, Sichuan, Anhui oder Gansu damals gerade 1000-prozentige Anhänger Maos an der Spitze der Provinzen standen?

Wenn man sich die 100-prozentige Verantwortung der KPCh und ihrer Politik für diese Katastrophe vor Augen hält, ist klar, wieso die chinesischen Kommunisten dieses düstere Kapitel der neueren Geschichte des Landes auch heute noch möglichst vergessen lassen möchten. Doch ihrer historischen Verantwortung können sie nicht entfliehen. Yang Jisheng hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die Genossen an diese Verantwortung zu erinnern. Viele Fragen der Katastrophe sind trotz dieser umfangreichen Arbeit Yangs weiterhin unbeantwortet. Aber sie müssen noch beantwortet werden – auch um zu verhindern, dass es in China je wieder zu einer solch entsetzlichen und von der Politik verursachten Katastrophe kommt. ■

Yang Jisheng
Grabstein

Die große chinesische Hungerkatastrophe 1958–1962. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. 792 S., geb., €28,80 (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News