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Alles, was der Steirer braucht

03.08.2012 | 18:50 |  Von Rainer Moritz (Die Presse)

In Lilian Faschingers Roman „Die Unzertrennlichen“ kehrt die Rechtsmedizinerin Sissi in das Dorf ihrer Herkunft zurück. Dort trifft sie einen Studienfreund wieder, der seit Jahren um seine tote Frau trauert. So ein Guter aber!

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Irren ist menschlich, behauptet der Volksmund, und wenn sich die Irrtümer häufen, darf man sich nicht wundern, wenn einem die Lebensplanung entgleitet. Sissi Fux, die Hauptfigur in Lilian Faschingers neuem Buch, „Die Unzertrennlichen“, beherrscht die Kunst der Irrtumsvermeidung mehr schlecht als recht und so setzen die ersten Romankapitel damit ein, dass Sissi „Fehler“ einräumt, die ihr fast zum Verhängnis geworden wären.

Lilian Faschinger, mit ihrem letzten Roman „Stadt der Verlierer“ erfolgreich ins Kriminalgenre gewechselt, macht mit den ersten Absätzen deutlich, dass sich in ihrer Geschichte bald Abgründe auftun werden und sich kein Leser in Sicherheit wiegen darf. Das hat den Vorteil, dass große Aufmerksamkeit entsteht, man unwillkürlich zwischen den Zeilen zu lesen beginnt und dem misstraut, was die Figuren als ihre hehren Motive ausgeben. Im Gegenzug tendieren Romane, die mit dem ersten Satz andeuten, dass sich in naher Zukunft Katastrophen ereignen werden, dazu, ihre Fährten zu offenkundig auszulegen.

In Lilian Faschingers Roman „Die Unzertrennlichen“ halten sich diese Vor- und Nachteile lange die Waage, und wenn man das Buch letztlich mit Unbehagen aus der Hand legt, so hat das damit zu tun, dass die Autorin offenkundig der Versuchung erlegen ist, ihren Plot mit viel zu viel dekorativem Material aufzuladen.

Doch der Reihe nach. Sissi Fux, Mitte dreißig, arbeitet als Gerichtsmedizinerin in Wien. Aufgewachsen ist sie im Sausal in der Südsteiermark, und dorthin kehrt sie, wohl oder übel, zu Anfang des Buchs zurück. Ihr Vater, ein dem Alkohol und der Rockmusik verfallener ewiger Achtundsechziger, hat sich das Genick gebrochen, und von ihrer energischen Großmutter dazu aufgefordert, nimmt Sissi am Begräbnis des Vaters teil, zu dem sie kaum noch Kontakt hatte.

Seit Kindesbeinen fühlte sich Sissi als unsichere Außenseiterin, und ihre akademische Karriere trug nicht erheblich dazu bei, diesen Missstand zu beseitigen. Sexuell schwankt sie zwischen Männern und Frauen, was zu einem völlig verzichtbaren Romanstrang – Sissi macht eine Zeitlang kulinarisch und erotisch gemeinsame Sache mit der Detektivin Emma – führt, und allein wenn es darum geht, sich von steirischen Dorfgepflogenheiten abzuwenden, ist Sissi zu allem entschlossen. Doch leider – ein neuerlicher Fehler – tritt sie das Erbe des Vaters, eine verfallene Mühle, an und sieht sich mit einem Mal häufiger als geplant im ungeliebten Sausal.

Leichter fallen ihr diese Reisen in die Vergangenheit, als sie den Kinderarzt Stefan König wieder trifft und dessen Verführungskünsten erliegt. Der von den Dörflern hoch verehrte Mediziner war mit der schönen Sängerin Regina, einer Jugendfreundin Sissis, verheiratet und erfährt das Mitleid aller, da seine Frau ein paar Jahre zuvor bei einem tragischen Badeunfall im Golf von Neapel umgekommen ist. So behauptet es zumindest die offizielle Lesart, und auch Sissi zeigt sich anfangs beeindruckt, wie sehr Stefan um die Verblichene trauert und wie er sein Haus zum Regina-Devotionalienkabinett umgestaltet.

Faschinger trägt in diesen Passagen dick auf, und selbst der ungeübteste Krimileser ahnt schnell, dass diese Ehe nicht ganz so harmonisch wie geschildert verlaufen ist und die unantastbare Regina möglicherweise ein zweites Gesicht hatte. Obwohl Sissi von Stefans erotischen Fertigkeiten angetan bleibt, steigt ihr Argwohn, und sie reist heimlich auf die Insel Procida – ein durch Elsa Morante und Patricia Highsmith literarisch angenehm vorbelasteter Ort –, wo das Paar seine letzten gemeinsamen Stunden verbrachte. Nach und nach gewinnt Sissi das Vertrauen der Einheimischen, und zuletzt zeigt sich, dass man Reginas Leichnam nicht vor Procida, sondern besser in österreichischen Weihern gesucht hätte.

Das alles ist geschickt komponiert und routiniert erzählt, mit einem guten Blick fürs Lokalkolorit, sei es in Süditalien, sei es in der Steiermark. Dass „Die Unzertrennlichen“ dennoch zu einer nicht erfreulichen Lektüre werden, hat mehrere Gründe. Von der Nachsicht, die manche der Handlungsvolten dringend benötigen, einmal abgesehen, greift Lilian Faschinger zu heftig und zu häufig in den Klischeetopf und reichert ihre Geschichte mit Gestalten an, die Witwe Dirnböck heißen, sich so benehmen und aus der Klamottenkiste stammen. Dass der auf dem Dorf lebende Mensch zur Engstirnigkeit und zu Vorurteilen neigt („Außerdem hat der Steirer in seiner Heimat alles, was er braucht“, sagt Sissis Oma gerne), ist eine oft beschriebene Erkenntnis, der Faschinger nicht viel Neues hinzufügt.

Gewiss, manchmal gelingen ihr sehr komische Szenen – etwa wenn während der Beerdigung des Vaters der Blitz einschlägt und Sissis Großmutter derartige Verletzungen erleidet, dass sie fortan eine schlecht sitzende Doris-Day-Perücke trägt –, doch unter dem Strich bleibt kaum mehr als die Aburteilung von Hinterwäldlern, die ihr schwächstes Glied, den geistig zurückgebliebenen Jungen Florian, zum Sündenbock machen wollen.

Darüber hinaus wirken „Die Unzertrennlichen“ auch sprachlich überspannt. Um vermeintlich Atmosphäre zu schaffen, vertraut Lilian Faschinger auf einen Stil, der sein Heilin Adjektivhäufungen sucht. Wer eine „füllige Dame mittleren Alters mit mahagoniroten, sorgfältig ondulierten Haaren in einem weißen, mit enormen Schulterpolstern bestückten Mohairpullover“ auftreten lässt und auf vier Zeilen acht Adjektive bemühen muss, um einen italienischen Vorort zu beschreiben, der tut zu viel des Schlechten. Wesentlich karger zeigt sich der Roman hingegen, wenn er versucht, die für den Handlungsfortgang wichtigen erotischen Allianzen wiederzugeben. „Ich hatte ein Empfinden, als fülle seine Zunge meine Mundhöhle vollkommen aus“, heißt es da einmal – einwenig überzeugendes Bild und doch eine „Stimulation“, auf die Sissis Körper „augenblicklich“ reagiert. Plötzlich waltet in diesem Roman, der durchaus souverän leichte Kapitel aufweist, eine bleierne Schwere, die nicht dadurch wettgemacht wird, dass Reginas italienische Liebhaber Sätze sagen wie „Die Frau war echt nicht schlecht. Hat uns gut bedient“. Vieles passt da nicht zusammen, und ganz verschweigen sollte man, dass Sissi auf Procida überraschender- und unnötigerweise einen Hamburger Übersetzer kennen lernt, mit dem sie ...nein, das Ende verraten wir nicht. ■





Lilian Faschinger
Die Unzertrennlichen

Roman. 320 S., geb., €20,50
(Zsolnay Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

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