Bei Werner Wüthrichs Drama überKoloman Wallisch kommt einem unweigerlich Borges' philosophische Erzählung „Pierre Menard, Autor des Quijote“ in den Sinn. Darin hat der argentinische Schriftsteller nicht nur kleinere Publikationen des von ihm erfundenen französischen Lyrikers aufgelistet, sondern auch dessen unveröffentlichtes, besser gesagt: unsichtbares Hauptwerk, den „Don Quijote“, gewürdigt. Wohlgemerkt, nicht eine aktuelle oder aktualisierte Romanfassung, keine Travestie, Umwertung, Fortsetzung oder was auch immer, sondern Wort für Wort und Zeile für Zeile den gleichen Text, den Cervantes mehr als drei Jahrhunderte zuvor verfasst hatte. Menard habe, so Borges, die „Unumgänglichkeit“ eines literarischen Meisterwerks zeigen wollen, also wie jemand nach mühsamen Annäherungen und unzähligen Versionen, die er dann als unzulänglich verwirft, letztlich genau das zustande bringt – ein zweites Mal, und doch neu –, was ein anderer vor ihm geschaffen hat.
Abgesehen davon, dass es ihn wirklich gibt, unterscheidet sich der Schweizer Wüthrich von Borges' Protagonisten darin, dass er sein Stück über den tragischen Helden des österreichischen Arbeiteraufstandes vom Februar 1934 selbst verfasst hat. Aber er hat sich dabei so sehrvon Brechts Vorarbeiten – einem in Zürich aufgefundenen Handlungsplan und Gedichten aus dem Fragment „Koloman Wallisch Kantate“ – leiten lassen, dass man an seiner Autorenschaft zweifeln könnte. Anders gesagt liegt die Originalität des Dramas in der Konsequenz, mit der Wüthrich sich dem Zwang verweigert,ein eigenständiges Werk zu schaffen.
Der vergessene Arbeiterführer
Sein „Koloman Wallisch“ ist ein zumDenken und Handeln aufrufendes Lehrstück, das sich nicht auf heutige Verhältnisse bezieht, sondern auf die Herrschaftszeit des historischen Faschismus. Seine sprachlichen Mittel wirken antiquiert, ja unfreiwillig komisch. Der Vorwurf, das Drama sei deshalb missglückt, verkennt die Absicht des Autors, der ebenkein originäres Werk schaffen wollte, sondern das zu Ende bringen, was Brecht geplant, dann allerdings nicht ausgeführt hatte – aus guten Gründen, will mir scheinen, denn das Ergebnis ist von erdrückender Langeweile. Wer weiß, ob das nicht auch mit der Gattung zu tun hat; immerhin kommen einem die meisten überlieferten Romane und Erzählungen über den Februar 1934 im Vergleich zur dramatischen Darstellung einigermaßen frisch und gegenwärtig vor.
Verdienstvoller als sein anachronistisches Experiment erscheint mir Wüthrichs kundige Abhandlung über Brechts Beschäftigung mit den Februarkämpfen, und beinahe rührend ist die Sorgfalt, mit der er Wallischs Biografie dokumentiert, die eines charismatischen Arbeiterführers, der außerhalb der Obersteiermark – ja außerhalb der Stadt Bruck/Mur – weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Ich frage mich, ob unter österreichischen Arbeitern heutzutage ein politischer Flüchtling ebenso beliebt werden könnte wie dieser aus Siebenbürgen stammende Rätesozialist. Und inwieweit der Hass der Herrschenden auf einen wie ihn mittlerweile verschwunden ist, weiterschwelt oder umgespeichert wurde zum Ressentiment aller gegen alle. ■
Werner Wüthrich
Koloman Wallisch
Drama nach einem Handlungsplan von Bertolt Brecht. 228S., brosch., €26,90 (Studienverlag, Innsbruck)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)















