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„geschwindigkeit ist nicht gefragt“

10.08.2012 | 18:27 |  Von Bernhard Widder (Die Presse)

Wie viele Texte in Davids Gesamtwerk umschreiben und umkreisen diese 24 Gedichte eine Wahrnehmung der Welt, die aus kontemplativer Ruhe und klarer Beobachtung des Bewusstseins gespeist wird.

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Vor vier Jahren erschien in der „Edition Milo“ die hervorragend gestaltete und edierte Ausgabe der „Gesammelten Gedichte“ des Wiener Dichters Ernst David mit dem Titel „Im Fließenden“. War damit nun das lyrische Werk Davids abgeschlossen? Hatte der Dichter damals beschlossen, nach diesem Band nichts mehr zu schreiben?

Mittlerweile hat der unermüdliche Herausgeber Helmuth A. Niederle einen weiteren Band mit Gedichten Davids ediert: „spurenelemente“. Wie viele Texte in Davids Gesamtwerk umschreiben und umkreisen diese 24 Gedichte eine Wahrnehmung der Welt, die aus kontemplativer Ruhe und klarer Beobachtung des Bewusstseins gespeist wird. Vier dieser Titel haben die schlichte Bezeichnung „Traumstücke“. „Lyrische Protokolle“ könnte man dieses gelassene, unaufgeregte Dichten nennen, was auch auf die besondere Praxis des Autors verweist: „ohne anstrengung geschieht dieses schauen / geschwindigkeit ist nicht gefragt / das bewußtsein wertet nicht / betrachtend / tritt es nicht aus seiner mitte“.

Die Illustrationen dazu sind auf folgende Weise gestaltet: Jede linke Seite enthält eine Grafik von einem von drei Künstlern, beginnend mit Erhard Stöbe, dann folgt Friedrich Danielis, danach Franz Schwarzinger. Auf den rechten Seiten wiederum sind unterhalb der Gedichte Zeichnungen von Herwig Zens eingefügt. Diese Zeichnungen, in schwarzer und verdünnter Tusche ausgeführt, sind von schnellem Duktus geprägt.

Wer mit dem umfangreichen malerischen und grafischen Werk Herwig Zens' vertraut ist, wird bei den Blättern überrascht sein, denn der erste Eindruck ist völlig abstrakt. Bei genauerem Betrachten lassen sich auf manchen Seiten Figuren erkennen, obwohl darüber keine Gewissheit besteht. Zens' Arbeiten wechseln zwischen gestischer Abstraktion und einer möglichen, angedeuteten Figuration. Dieser Wechsel von abstrakter zu figuraler Darstellung ist – mit ganz anderem grafischen Ausdruck – auch in den Blättern von Erhard Stöbe erkennbar. Mit diesen grafisch-formalen Eigenheiten stehen beide Zeichner in einem zu Davids Texten verwandten Verhältnis.

In einigen früheren Texten zur Lyrik Ernst Davids habe ich auf das Stilmittel des abrupten Wechsels in seinem Werk hingewiesen. Es geht dabei um eine sprachliche Balance zwischen „abstrakt“ und „konkret“, die in deutlichen, klaren, meist lakonischen Sätzen formuliert wird. So finden sich in wenigen Zeilen öfter Beschreibungen von Landschaften als „fotografische Skizzen“, und danach folgen ganz anders gelagerte Sätze, die Vorgänge in den Gedanken, in der Wahrnehmung des Dichters kommentieren. Diese Gegensätze, die Brechungen, Spiegelungen oder scharfe Kontraste bewirken, sind kennzeichnend für Davids Werk. Eine moderne Variante der „coincidentia oppositorum“ (der Begegnung von Gegensätzen), wie der scholastische Denker Nikolaus von Kues (alias Cusanus) formuliert hat.

Eines allerdings störte mich an diesem neuen Band immer deutlicher, je länger ich darin las und die Grafiken betrachtete, die Verbindungen zwischen Texten und Zeichnungen ergründen wollte: In den Zeichnungen von Danielis und Schwarzinger vermisste ich die künstlerischen Verwandtschaften zu Davids Gedichten.

Das Werk des Malers und Grafikers Herwig Zens ist für Kunstinteressierte seit vielen Jahren bekannt. Die Zeichnungen von Erhard Stöbe, dessen Werk ich vor dem Lesen und Betrachten dieses jüngsten Gedichtbands von Ernst David nicht kannte, lassen sich als eine Neuentdeckung betrachten. ■


Ernst David
spurenelemente

Lyrik. Mit Illustrationen von Friedrich Danielis, Franz Schwarzinger, Erhard Stöbe und Herwig Zens.
56 S., brosch., €9,90 (Edition hic@hoc, Perchtoldsdorf)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

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