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Lehmwelle mit Brillantine

17.08.2012 | 18:26 |  Von Erwin Riess (Die Presse)

Jazzig: über die vergessene Jugendkultur der „Swings“ und „Schlurfs“ im NS-Staat.

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Wer den Swing in sich hat, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren“, sagt Coco Schumann, eine Berliner Jazzlegende und herausragende Persönlichkeit der Swing-Kultur, die während des Dritten Reichs viele Jugendliche unter den Vorzeichen des Jazz gegen die NS-Herrschaft mobilisierte. Mit ihrem auffälligen Dresscode und der Vorliebe für den Jazz brachten die „Swingheinis“ (Polizeijargon) die Behörden zur Weißglut. Die furiose Repression vonseiten desStaates führte aber bei den Jugendlichen zu einer raschen politischen Radikalisierung. So bildete sich eine antinazistische Jugendkultur heraus, die klassenübergreifend war und in vielfältigen Formen auftrat.

In Frankfurt, dem Zentrum des „Hot Jazz“, und teilweise auch in Hamburg trafen sich Jugendliche aus Eliteschulen in den einschlägigen Jazz-Kneipen, während in den Städten an Rhein und Ruhr sowie in Berlin und Wien proletarische Jugendliche den „Tiger Rag“ tanzten.

Eine umfassend recherchierte und glänzend geschriebene Studie belegt nun, dass trotz des rigiden Herrschaftssystems Widerstand auch in jener Bevölkerungsgruppe – nämlich den Jugendlichen – existierte, die vom NS-Regime besonders gefördert worden war.

Der Wiener „Schlurf“ trug ein zweireihiges Sakko, die Hose hatte breiter zu sein als die Schuhe, diese wiederum mussten doppelsohlig ausgeführt sein; nur so konnte das begehrte Quietschen erzielt werden. Ein aufgestellter Kragen, die Hand im Hosensack, die Zigarette im Mund sowie ein breitkrempiger Hut und ein Regenschirm, der unter keinen Umständen geöffnet werden durfte, komplettierten die Erscheinung. Am wichtigsten war die Haartracht: langes Haar hinten („Schwalbenschwanz“) und eine „Lahmwöhn“ (Lehmwelle) vorne, dazu viel Brillantine.


Kurze Röcke und Stöckelschuhe

Die „Schlurfkatzen“ versuchten sich möglichst deutlich von den BDM-Mädeln abzuheben, sie trugen „skandalös kurze“ (also knielange) Röcke, Stöckelschuhe, und wenn möglich eine hochgesteckte Frisur. An Schminke wurde entgegen dem NS-Ideal nicht gespart, Fingernägel wurden leuchtend rot lackiert. Wenn die Swings oder Schlurfs ausgingen, dann nie ohne den tragbaren Plattenspieler, auch „Hotkoffer“ genannt. Ob am Elbstrand, den Rheinwiesen, im Wiener Prater oder in Frankfurter Parks, überall ertönte eine Musik, welche „nicht am eigenen Blut genährt ward“ (Wilhelm Furtwängler), ein Lärm der „Kannibalen“ (Richard Strauss), mit einem Wort: „Niggermusik“ (Adolf Hitler).

Ein berührendes Kapitel ist dem Wiener Radiomann Günther Schifter gewidmet, der in seiner berühmten Radiosendung Swing-Titel auflegte und mit lakonischen Zwischentexten über den Weltkrieg oder den Alltag im Dritten Reich ergänzte. Seine Vorliebe für „Jazz-Schellacks“ brachte Schifter ins Jugend-KZ Oberlanzendorf nahe Wien, in dem schikaniert und gefoltert wurde, nicht wenige Jugendliche überlebten das Lager nicht.

Ein Buch, das in einem bisher wenig beachteten Aspekt des Lebens unter der NS-Herrschaft neue Standards setzt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)

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