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Keine Männer mehr

17.08.2012 | 18:26 |  Von Cornelius Hell (Die Presse)

Drei Frauen, drei Orte, drei Zei- ten: Ada, Martha, Lilofee; Wien, Istanbul und das Salzkammergut; 2009, 1989, 1944. Wie Barbara Frischmuth dies in ihrem Roman „Woher wir kommen“ verbindet, ist brillant und sprachlich von größter Präzision.

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Schon allein die Hoffnung würde sie wild im Herzen und klar im Kopf halten“ – so lautet der genial-einfache Schlusssatz des neuen Romans von Barbara Frischmuth. Wild im Herzen und klar im Kopf, das ist jede der drei Frauen, um die sich das Buch dreht, auf ihre Weise. Jede ist das, was sie ist, durch einen lebensbestimmenden Verlust geworden, und mit jeder rückt ein ganzes Panorama an Wahrnehmungen und Diagnosen ins Bild. Drehscheibe ihrer Lebensgeschichten ist das „Seehaus“, eine alte Villa im Salzkammergut, aus der ein Gasthaus geworden ist.

Ada, die 28-jährige bildende Künstlerin zwischen Collage, Foto und Malerei, ist in einer Krise zurückgekehrt in dieses Haus, das ihrer Mutter Martha gehört. Nachdem Seppi, ihr Partner im Leben wie in ihrer Kunst, den Tod gesucht hat, kann sich Ada nur schwer an ein neues Leben und neue künstlerische Wege herantasten. Da trifft sie „Prinz Eisenherz“, ihre Jugendliebe Jonas Herbrand, der überraschend mit seinen drei Kindern allein aus Amerika in seinen Heimatort zurückgekehrt ist. Ada müsste dringend für die Ausstellung arbeiten, die ihr Zwillingsbruder und Galerist Olli zusammen mit seinem Partner Pete für sie organisiert hat. Doch die neu aufflammende Liebe zu Jonas katapultiert sie in eine andere Sphäre.

Das zweite Kapitel gehört ihrer Mutter Martha, die zum 20. Todestag ihres Mannes Robin nach Istanbul zurückkehrt; dort hat die Familie gelebt, bis Robin und sein enger Freund Vedat auf nie ganz geklärte Weise auf dem Berg Ararat ums Leben gekommen waren; danach hat die Tante, von allen Lilofee genannt, die Schwester in das „Haus am See“ zurückgeholt. Jetzt sitzen die beiden Witwen Martha und Lale wie jedes Jahr in Istanbul zusammen und lassen die Vergangenheit Revue passieren; bis Lale am Schluss mit einem Geheimnis herausrückt, das einen neuen Blick auf die damalige Zeit aufreißt.

Im dritten Teil des Buches gewinnt Lilofee Konturen. Sie hatte sich als 16-Jährige in den entflohenen russischen Kriegsgefangenen Oleg verliebt, ihn in einer Hütte versteckt und war von ihm schwanger geworden. Daraufhin hatte ihr Vater Oleg der SS ausgeliefert und sie zur Abtreibung gezwungen. Lilofee blieb ihr Leben lang verkrampft von Trauer und Hass; sie hat „nie mehr einen Mann näher als in ihr Schlafzimmer an sich herangelassen“. Doch ihre Großzügigkeit und ihre Grandezza haben sie zu einer ganz außergewöhnlichen Frau gemacht. Die Erzählung über sie wird aus der Perspektive der Gegenwart erzählt, und darin erleben Ada und Jonas den Durchbruch ihrer Liebe (ja, das Wort hat komplett abgewirtschaftet; das weiß auch der Roman).

Damit Schluss mit dem Suggerieren der Illusion, man könne auch nur das Gerüst dieses Romans nacherzählen. Er lebt nämlich von den Details, die erst unter Frischmuths Sprach-Mikroskop Konturen gewinnen. Wieder kommt ihr Erzählen zu seiner Blüte beim Blick auf die Kinder und auf das Zu-Hause-Sein in mehreren Sprachen und Kulturen. Die Wortwitze, die entstehen, wenn sich die drei Kinder von Jonas plötzlich auf Deutsch verständigen müssen, oder die Beschreibung der Szene, in der sie vom Unfalltod ihrer alkoholkranken Mutter erfahren, finden kaum ihresgleichen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.


Nach dem Militärputsch

Erst recht nicht die detailgesättigte Sehnsucht nach dem Istanbul der 1980er-Jahre, die im Gespräch über die persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Umstände nach dem Militärputsch zwischen Martha und Lale zu spüren ist und die auch in den türkischen Einsprengseln in der Sprache von Ada und Olli nachbebt.

Nicht weniger beeindruckend ist der Blick auf die Nazizeit und auf die Beschäftigung mit ihr nach 1945. Nicht auf Österreich im Ganzen bezogen ist das bei Frischmuth, darüber gibt es inzwischen ja viel zu lesen, sondern auf die Details und Personen der Gegend um den Toplitzsee. Und spätestens hier steht der Inhalt in direktem Zusammenhang mit der Erzähltechnik.

Im ersten und dritten Romankapitel sind nämlich anonyme Stimmen in die Erzählung einmontiert – oft einander widersprechende Stimmen, die die Auseinandersetzung mit der Nazizeit, aber auch Kontroversen über die Lebensformen der drei Frauen widerspiegeln. Dabei fließen wichtige Informationen ein, das auktoriale Erzählen wird aufgebrochen zu einer Multiperspektive. Dass Barbara Frischmuth eine Großmeisterin des Dialoges ist, beweist vor allem das zweite Kapitel – seine fast 90 Seiten sind aus der Perspektive von Martha erzählt, bestehen aber zum größten Teil aus den Dialogen zwischen Martha und Lale, deren Treffen in Istanbul sie fokussieren. Der Verzicht auf Anführungszeichen integriert die Dialogein den Erzählzusammenhang.

Von der brillanten Gesamtkonstruktion bis in die sprachlichen Details ist der Roman von größter Präzision: Jeder Austriazismus ist kalkuliert, kein Nebensatz überflüssig, kein Adjektiv trivial. Besonders deutlich tritt das in den glasklaren und individuellen Worten zutage, die der Roman für die Liebeserlebnisse von Ada und Jonas findet. Nichts in diesem Sprach- und Erzählfluss ist dem Zufall überlassen, aber auch nichts konstruiert und überfrachtet. Kein Detail ist aufgesetzt oder gar überflüssig – weder die theoretischen Überlegungen Adas noch die dialogischen Reflexionen über das Erzählen gegen Ende des Romans; sie erweitern den Titel über die Lebensgeschichten der drei Frauenfiguren hinaus auf „Die Möglichkeit, etwas so, aber auch anders zu sehen“.

„Woher wir kommen“ wagt sich an ein Thema, das gerade angesichts der Inflation von „Liebe“ (nicht nur) in der Literatur selten geworden ist: das der radikalen und lebensbestimmenden Liebe, die für jede der drei Frauen bestimmend bleibt – über den Tod des Partners hinaus. Ada ist die einzige von ihnen, die jene „zweite Chance“ hat, die Martha für sich ausdrücklich ausschließt; aber auch für sie bleibt Seppis Stimme ein Maßstab.

Das ist das Bindeglied zwischen den Geschichten aus den Jahren 2009, 1989 und 1944, die drei unterschiedliche Frauenfiguren in gekonnten Andeutungen und allmählichem Ins-Licht-Rücken so lebendig werden lassen: dass man nach der Lektüre lange ins Leere schaut, weil man sich nicht von ihnen trennen kann. Dieser Roman nimmt etliche Fäden des bisherigen Werkes von Barbara Frischmuth auf und zeigt sie auf dem Gipfel ihrer Erzählkunst. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)

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