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„Bald werde ich sein, wo ich hingehöre“

17.08.2012 | 18:26 |  Von Susanne Schaber (Die Presse)

Andrea Grills widerborstige Liebeserklärung an New York.

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Wo ist man wirklich zu Hause? Dort, wo man geboren ist oder lebt – oder doch an jenem Platz, von dem man träumt, oder mehr noch: an den man sich fast schon magisch gefesselt fühlt, aus welchen Gründen auch immer.

Andrea Grill kennt die Erfahrung, zwischen den Welten zu schweben. „Ich bin eine New Yorkerin gewesen, bevor ich je einen Fuß in die Stadt setzte“, gesteht die Ich-Erzählerin ihrer „Liebesmaschine N.Y.C.“ gleich zu Beginn des Bandes. Gut 120 Seiten später hat sie uns davon überzeugt. Grills neues Buch springt von Wien über den großen Teich und versucht eine Hommage an den Big Apple und ans Reisen, das reale und imaginäre.

Schon lange bevor sie Manhattan, Brooklyn oder Coney Island erkundet, hat die Hauptfigur Impressionen gesammelt und festgehalten: tagebuchartige Eindrücke von Begegnungen mit New Yorkern, von Büchern und Bildern, von Visitenkarten voller unbekannter Adressen, die ihre Fantasie auf den Weg schicken. Aus kleinen Schnipseln setzt sie ein imaginäres Bild der Stadt zusammen und spürt dabei, wie sehr sie dort schon wurzelt. Bis unvermutet eine Einladung an die Rutgers University in New Bruns- wick etwas außerhalb von New York auf ihrem Schreibtisch landet. Nun wird es also ernst: Drei Monate soll sie dort forschen und schreiben. „Bald werde ich sein, wo ich hingehöre.“

Andrea Grills „LiebesmaschineN.Y.C.“ kommt nur langsam in Gang. Es dauert ziemlich lange, bis die Ich-Erzählerin wirklich in New York eintrifft. Die Ankunft auf dem John F. Kennedy International Airport, die Fahrt zum Campus, die ersten Spaziergänge: Ist alles so wie erwartet, so wie sie es vorausgesehen hat? Reisen bedeutet oft genug auch die Konfrontation mit sich und seinen Projektionen. Wie kann New York mithalten mit den Erwartungen einer jungen Frau, die sich dort schon heimisch gefühlt hat, ohne je einen Zentimeter Stadtboden unter den Füßen gespürt zu haben?


Lakonisch, selbstbewusst, lässig

Andrea Grill bleibt gelassen. Ihr Buch, eine Mischung aus Short Storys und losen Skizzen, präsentiert sich lakonisch, selbstbewusst und ziemlich lässig. Nichts für angehende New-York-Touristen oder Bildungsreisende. Stattdessen ein sprachlich und formal ziemlich widerborstiges Gebilde, in dem das Flair Manhattans und seiner zahllosen Vororte aufblitzt: beim Lunch mit Wiener Emigrantinnen, die emotional zwischen alter und neuer Heimat pendeln, bei den Gesprächen in den Geschäften, dem Small Talk auf Partys, wenn sich dann doch der eine oder andere Abgrund auftut. Aus kleinen Beobachtungen wachsen Bilder heraus. Sie stellen nicht den Anspruch, in Hochglanz daherzukommen.

Man muss New York nicht kennen oder lieben, um Andrea Grills Buch zu mögen. Man will sich ganz einfach hineinstürzen in dieses seltsam verquere Stück Literatur. Die Stadt lässt sich ohnehin nicht fassen, auch das ist eine der Erfahrungen des Bandes. Mit diesem Wissen kann man sich getrost auf die Reise machen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)

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