Wie anfangen? Am besten mit dem Anfang, und der geht so: „,Verrate mir bitte nicht deinen Namen‘, sagte Benjamin Lee Baumgartner zu der freundlich aus ihrem kleinen Imbisscontainer auf ihn herabblickenden Burgerverkäuferin. ,Ich finde, wenn man den Namen von einem Menschen weiß, ist der Zauber schon zerstört.‘“
Kann man als Autor witziger oder jedenfalls gewitzter seinen Helden einführen? Kaum ist er aufgetreten mit seinem dreiteiligen Namen, schon ist er, nach seiner eigenen Theorie, entzaubert, nicht für die Burgerverkäuferin, wohl aber für den Leser. Zum Glück hat aber Benjamin Lee Baumgartner noch ein ganzes Buch lang Gelegenheit, wenn schon nicht diesen Zauber wiederherzustellen – den es ja noch gar nicht gab –, so doch, sich dem Leser sympathisch zu machen.
Das zu erreichen, legt er sich erst mal der Burgerin gegenüber ins Zeug, in die er sich nämlich sofort und total verknallt hat. Natürlich möchte er nichts anderes als – und da er ihr das ja nicht so ganz direkt sagen kann, sagt er immer nur das trockene Nötigste. Weil es aber schade wär' um das, was in seinem Kopf so gedacht wird, dürfen wir hier mithilfe des Autors auch ein bisschen in seinen sauberen (das heißt unsauberen) Gedanken lesen. Was auch nicht unwitzig ist und was man dankbar zur Kenntnis nimmt, denn sonst beschränkt sich der Witz der ersten 50 Seiten mehr oder weniger darauf, dass die Burgerin zwar sehr gut Deutsch spricht – wir befinden uns übrigens im London des Jahres 1988 –, aber statt ü immer u und statt u immer ü sagt. Genau.
Benjamin Lee Baumgartner, Mutter aus Simbach im Bayerischen, Vater Navajo oder Hopi oder beides; was man dem Sohn auch ansieht, was aber vielleicht trotzdem nicht stimmt. Damit das eventuell geklärt werden kann und wir überhaupt noch ein paar zusätzliche Informationen über den weiteren Weg von Benjamin Lee Baumgartner bekommen, und weil das ja letztlich auch wieder witzig ist, tritt jetzt noch ein Ichsager auf den Plan. Der ist Autor, heißt Haas und ist eventuell auch der Autor dieses Buches oder auch nicht, man kennt das Spiel. Er kann uns jedenfalls das eine oder andere über seinen besten Freund und Studienkollegen und Zimmernachbarn erzählen, nicht zuletzt über dessen Liebesleben, und da wieder über seine Verschwiegenheiten. Denn Benjamin Lee, eh scho wissn, hat zwar damals in London eine Frau an seiner Seite gehabt, die aber nicht direkt die Burgerin war, und diese Art, die Eigentliche mal eben stehen zu lassen auf der Suche nach einer vielleicht noch Eigentlicheren, diese Art hat er sich bewahrt, was zwar ehemäßig riskant, erzähltechnisch aber auf jeden Fall ergiebig ist.
Da ließe sich jetzt das eine oder andere recht nett nacherzählen, aber Sie werden das Buch ja sowieso selbst lesen, also was soll's. Wir wollen auch nichts vorweg verraten, schließlich ist das hier – hätten wir vielleicht schon früher sagen sollen – kein Krimi, und schon gar kein Brenner-Krimi.
Man kommt jedenfalls ganz schön herum auf der Weltkugel in diesem Buch, nach China, und, sozusagen auf Vatersuche, in den Südwesten der Vereinigten Staaten, nach New Mexiko und in die Canyon-Gegend, wo wir ja grad erst mit Walter Kappacher waren. Mit Wolf Haas sehen wir zwar nicht so viel im Detail, aber dafür ist es natürlich lustiger oder vielleicht auch nur auf lustige Weise natürlicher.
Im Stil einer Lektoratsanweisung
Apropos Details: Wolf Haas hat sich etwas Geniales oder so Ähnliches ausgedacht, um das „Drumherum“ in den Text zu bekommen: Er setzt in eckige Klammern und in Versalien im Stil einer Lektoratsanweisung Hinweise auf aufzufüllende Lücken, die hier zum Beispiel hießen (Beispiele bitte, nicht unterstellen und andeuten, wenn Sie das Buch toll finden, dann sagen Sie es doch endlich). Diese Klammern sind teils Atmo-Simulanten, teils Handlungsersatz, bringen die Sacheaber in jedem Fall zügig voran.
Es ist sowieso Zeit, darauf hinzuweisen, dass das größte Vergnügen an diesem Buch eindeutig der wahre Autor Wolf Haas hatte, der sich die Tatsache, dass hier etwas Gedrucktes vorliegt, auf einfallsreiche Weise zunutze macht. Er ist da ganz der souveräne Schriftsteller, der sich erlaubt, die Schrift so zu stellen, wie es ihm gefällt. Es gibt auch einen in Petit gesetzten kleinen acht mal vier Zentimeter großen Textblock, der sozusagen den Fahrstuhl abbildet, mit dem der Held, der mit einer holländischen Kollegin noch mal einen saufen möchte, in seinem Pekinger Hotel aus dem neunten Stock nach unten fährt. Und das „tut“ er, indem Haas den Textblock über 15 Seiten wie ein barockes Bildgedicht in Bewegung auf den Seiten von oben nach unten fahren lässt: Erst sieht man den unteren Teil des Türmchens und zuletzt nur noch den oberen, womit klar wird, dass erstens der Fahrstuhl in dem Pekinger Hotel ein Paternoster war und zweitens so manches durch noch so pingelige Beschreibungen nicht klargemacht werden kann. Die chinesischen Schriftzeichen etwa, die Haas dem Pekinger Ober im Restaurant in den Mund legt und uns wie Posamente in den Text, erschließen sich ja auch nicht, und wenn sie sich über drei Seiten erstrecken, selbst wenn man annimmt, dass sie zumindest für Chinesen einen Sinn ergeben.
Apropos Sinn: Tiefsinnig ist dieses Buch trotz einiger Anspielungen auf das Verbot der Vermischung von Objekt- und Metasprache und der gelegentlichen Erwähnung von Immanuel Kant nicht, aber sinnig ist es und einfallsreich und mindestens so sympathisch wie am Ende der mittlerweile promovierte Held Dr. Benjamin Lee Baumgartner. An die – wir müssen das doch sagen dürfen, lieber Wolf Haas – so wunderbar existenziell schwer belämmerte Figur des Brenner und die ihm geschenkte Wahnsinnssprache kommt es allerdings in keinem Moment heran. Es muss ja nicht Brenner sein, aber es muss brennen, denken wir dann. Hier aber bleiben wir grad mal an der Unterseite der Oberfläche. Da wir jedoch wissen, dass die meisten Leser von Buchseiten sowieso nur den letzten Absatz von Rezensionen lesen, lassen wir das Bedauerliche in diesem vorletzten Absatz: Es sind eben doch viele der Scherzeinfälle dieses Buches inklusive seines Titels am Ende nur Einfaltsscherze, hübsch, aber rasch verbraucht.
Wolf Haas zeigt sich in diesem Buch als vergnügter Virtuose der Schrift-Stellerei. „Der Anfang ist immer am leichtesten“, heißt ausgerechnet der letzte Satz dieses Buches, der zeigt, dass, wenn man so gut drauf ist wie Wolf Haas, einem der Schluss, wie alles andere, auch nicht schwerfällt. ■
Wolf Haas
Verteidigung der Missionars-
stellung
Roman. 224S., geb., €20,50 (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)















