Eigentlich wollte sie nur in die Ferien fahren, und dann wird der vermeintliche Urlaub am Meer zum jahrelangen Ausnahmezustand. 1991 macht der jugoslawische Bürgerkrieg eine Familie zu Verstoßenen im eigenen Land, erzählt aus der Sicht eines heranwachsenden kroatischen Mädchens: Damals ist die Icherzählerin gerade einmal neun Jahre alt, als sie mit ihrem Bruder aus Vukovar fortgeschickt wird; mit der Mutter werden sie kurze Zeit später wieder zusammentreffen, der Vater bleibt in der bald von den Serben eroberten Stadt verschollen, wie so viele Väter und Ehemänner damals.
Im „Hotel Nirgendwo“, einem Flüchtlingsheim im kroatischen Hochland, geht das Leben weiter, zu dritt in einem Raum zusammengedrängt, abhängig von der Fürsorge des Staates. „Wir warteten darauf, dass Papa zurückkehrte, dass unsere Stadt befreit wurde, dass wir auf der Warteliste für eine Wohnung aufrückten.“ An dieser Situation ändert sich fünf Jahre nichts. Ob der Vater noch am Leben ist, wird immer ungewisser.
Trotzdem wächst das Mädchen anscheinend wie jedes andere auf. Neben Schule und häuslicher Enge gibt es Disco, Marken-Jeans, erstes Verliebtsein. Es sieht mehr nach Party als Betroffenheit aus, und doch liegt über allem der Schatten einer Tragödie. Als sich die Erzählerin bei einem Discoabend das erste Mal betrinkt, tauchen plötzlich Bilder von der Tötung ihres Vaters auf: So könnte es gewesen sein. Aber so grausam die Vorstellung ist, es sind fremde Bilder: ein Hollywoodfilm, ein Märchen, eine Telenovela. So fantastisch-fremd ist plötzlich alles.
„Ich werde darüber nachdenken“, sagt das Mädchen, „wenn die Zeit reif ist.“ Mit dem Nachsatz: „Das jedenfalls sagen immer die Vertriebenen.“ Wenig später muss sie sich eingestehen: „Es ist beängstigend, wie schnell ich mich an alles gewöhnt habe.“
Sehnsucht nach einem Neubeginn
Im „Hotel Nirgendwo“ ist jeder traumatisiert, und jeder versucht, so etwas wie Normalität wiederherzustellen. Das gelingt der Mutter weniger gut als dem pubertierenden Mädchen, das diese Normalität in ihrem Teenagerleben viel leichter erfahren kann. Irgendwann muss man sich ohnehin mit der Situation arrangieren: dass der Vater nicht mehr zurückkommt, dass das Leben nie mehr so sein wird wie vorher. Mit der Zeit gibt es nur noch die realistische Sehnsucht nach einer eigenen Wohnung, nach einem Neubeginn in der Welt danach.
Im Vergleich zur deutschen Literatur der 1950er-Jahre ist Ivana Bodrožić' Buch erfrischend vorbehaltlos und im Erzählton unbefangen. Die Autorin wurde in Vukovar geboren, das Geburtsdatum ihrer Erzählerin ist dasselbe wie ihres. Nun muss das, was hier so gültig erzählt wird, nicht nur autobiografisch sein, aber die Möglichkeit, sich so tief in die Erzählerin hineinzuversetzen, ist wohl der Ausgangspunkt dieses geglückten Textes. Anschaulicher und überzeugender kann man wohl darüber nicht schreiben.
Unter den jungen Stimmen der kroatischen Literatur ist Ivana Bodrožić eine der hellsten und hoffnungsvollsten. Sie ist übrigens als Lyrikerin bekannt geworden. Mit diesem Buch ist ihr ein wunderbar unsentimentaler Roman gelungen. ■
Ivana Bodrožić
Hotel Nirgendwo
Roman. Aus dem Kroatischen von Marica Bodrožić. 222S., geb., €19,40 (Zsolnay Verlag, Wien)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)















