Innerlich rot werden

14.09.2012 | 18:48 |  Von Harald Klauhs (Die Presse)

Reliefartig: Florian Werners Panorama der Schüchternheit.

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Ist es Ihnen schon passiert, dass Sie als Einziger in einer Straßenbahn von einem Kontrolleur nicht dazu aufgefordert wurden, ihren Fahrschein vorzuzeigen? Und das, obwohl Sie anscheinend der einzige Schwarzfahrer in dem Zug waren. Nein? Dann sind Sie vermutlich nicht schüchtern. Unauffälligkeit und Schüchternheit sind kommunizierende Gefäße ein und desselben Wesens. Es ist deshalb auch ein innerer Widerspruch, ein Buch über Schüchternheit zu schreiben. Wer schüchtern ist, scheut die Öffentlichkeit, wer Bücher schreibt, sucht die Öffentlichkeit.

Florian Werner, dessen „Bekenntnis zu einer unterschätzten Eigenschaft“ nun gedruckt vorliegt, ist sich dieses Problems bewusst. In der Mitte des Buches gesteht und erklärt er sein „kontraphobisches Verhalten“: „Situationen im äußeren Leben, in denen Demütigung erwartet und provoziert wird, können aktiv herbeigeführt werden, um die viel verheerenderen und tiefer gehenden Gefühle von Unwert nicht empfinden zu müssen“, zitiert er den Psychoanalytiker Léon Wurmser. Aus diesem Grund gibt es auch schüchterne Schauspieler(innen).

Werner hätte mit diesem Buch Furcht vor Demütigung keineswegs nötig. Es ist eine profunde, psychologisch probate und auch persönlich reflektierte Kulturgeschichte einer menschlichen Verhaltensform, die nicht davon Betroffenen manches Unerklärliche im Betragen scheuer Menschen erschließt. Wären sie nicht ohnehin darauf programmiert, müsste man Schüchternen allerdings zu Vorsicht raten: Werner legt keinen Ratgeber zum Thema vor, der die Schamröte zu vertreiben verspricht, sondern ein Panoramabild eines Phänomens.


Peinlich oder unangemessen

„Empfinden Sie in sozialen oder Leistungssituationen Angst? Befürchten Sie in solchen Situationen, dass Sie sich peinlich oder unangemessen verhalten könnten? Vermeiden Sie solche Situationen deshalb?“ Diese Fragen ersetzen jegliche Definition von Schüchternheit. Sie ist schwierig, da es sich um keine anthropologische Konstante handelt, sondern – wie Werner wissenschaftlich unterfüttert darlegt – „wechselnden Konjunkturen unterworfen“ ist und sich „in Ausdruck, Objekt und Bewertung“ verändert.

Galt Schüchternsein etwa im Zeitalter des Sturm und Drang als Anzeichen von Tiefe und Innerlichkeit, so ist sie in Zeiten, in denen sich bewerben, sich vermarkten und letztlich sich verkaufen zu unabdingbaren Ingredienzen jeder Karriere gehören, ein schweres Hindernis auf dem Weg nach oben. Vielleicht sitzen dort deshalb so wenige Frauen. Nach Freuds Vorlesung über „Die Weiblichkeit“ gehört Zurückhaltung zu ihrem Wesen. In Spitzenpositionen kommt weder man noch frau damit. Bei schüchternen Männern kommt hinzu, dass sie „weibisch“ und damit homosexuell wirken.

Wer schüchtern ist, wird im Normalfall daran arbeiten, diese Eigenschaft abzulegen. Dabei sind je nach Ausprägung und übriger psychischer Disposition mehr oder weniger Erfolge zu erzielen. Ganz verliert sich das Gefühl aber nie. Aus „shy people“ werden nun einmal keine Diktatoren, und seien es solche im Businessanzug. Und das ist dann auch schon wieder ein wenig tröstlich, oder!? ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)

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