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Zu Spät zum Mord

14.09.2012 | 21:11 |  Evelyne Polt-Heinzl (Die Presse)

In seinem Roman „Roter Flieder“ entwirft Reinhard Kaiser-Mühlecker auf 630 Seiten eine Familiensaga, die von der NS-Zeit bis zu den Wiederaufbaujahren reicht. Realien über das Dorfleben darf man sich nicht erwarten.

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Ausgerechnet jetzt, wo es in unseren Breiten eigentlich kein Dorf mehr gibt, weil allenthalben wie Ufos gelandete Fertigteilsiedlungen die Reste der „Gegend“ zersiedeln und im Verbund mit EU-Bestimmungen den bäuerlichen Bevölkerungsanteil marginalisieren, lässt die Literatur die bäuerliche Welt wieder auferstehen. Reinhard Kaiser-Mühlecker, geboren 1982 im oberösterreichischen Kirchdorf an der Krems, legt mit seinem Roman „Roter Flieder“ eine bäuerliche Familiensaga von mehr als 600 Seiten vor, deren Lektüre vielleicht nicht ganz mühelos, aber irgendwie beruhigend ist.
Was im eigenen Leben meist so ungeordnet und unüberschaubar vor und hinter einem liegt, präsentiert sich in der fiktionalen Draufsicht über die Generationen hinweg als Abfolge logischer Gesetzmäßigkeiten. Ihre Basis ist hier freilich purer Aberglauben, der begangene NS-Verbrechen zum Familienfluch bis ins siebente Glied transformiert. Und da die Erzählstimme über die ausdifferenzierten Gedanken- und Gefühlswelten vor allem der männlichen Figuren sehr genau Bescheid weiß, werden die entscheidenden Wendemarken in ihren Schicksalswegen wortreich und punktgenau festgemacht.
Ferdinand Goldberger, Ahnherr des gegenständlichen Bauerngeschlechts im Einzugsbereich von Kaiser-Mühleckers Geburtsort, kam hierher als „Displaced Person“ der anderen Art. Der reiche Holzbauer und Ortsgruppenführer aus dem Innviertel hat – möglicherweise als Kompensation für seinen in NS-Zeiten etwas verdächtigen Namen – seine Position zu massenweisen Denunziationen genutzt. Die Rache der Bevölkerung schien nicht mehr aufzuhalten. Im katholischen Innviertel tendierte man eher zum Austrofaschismus als zu den gottlosen Nationalsozialisten. Wie die Parteiverbindungen und -verbindlichkeiten so spielten, verhalf ihm ein Vorgesetzter zur Flucht vor dem Volkszorn und verschaffte ihm hier in Rosental einen leerstehenden Hof samt neuer Ortsgruppenführerfunktion. In dieser kommt Goldberger geringfügig verspätet zur Erschießung eines polnischen „Delinquenten“ am Magdalenaberg. Es ist diese Verspätung, die er sich als Schuld eingesteht – nicht die Ermordung des Zwangsarbeiters selbst und vor allem nicht die zahlreichen Denunziationen an seiner alten Wirkungsstätte. Und so sieht es offensichtlich auch seine Tochter Martha, die sich erst mit diesem Tag von ihm abwendet.
Da der Vater das angestammte bäuerliche Erbe politisch verspielt hat, eignet sich sein Sohn Ferdinand nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft den Betrieb rasch und mit offener Verachtung für den Vater an. Der Jungbauer ist tüchtig, Kinder stellen sich ein, es geht rasch aufwärts mit dem Hof, auch wenn die Anerkennung im Dorf labil bleibt, obwohl über die Schuld des Vaters nie gesprochen wird – eines der realistischen Momente des Romans. Der vitale Vater fügt sich erstaunlich widerspruchslos und schlägt auf seine Art zurück. Innerhalb von einem knappen Jahrzehnt erwirtschaftet er mit einer verlassenen Schottergrube und dank eines Betrugs an einem alten Parteigenossen ein Vermögen von 1,4 Millionen Schilling, selbst im Zeichen des Wiederaufbauwunders eine beachtliche Leistung, und schenkt es dem Sohn. Vor allem aber vererbt er ihm seinen Glauben an den Familienfluch, durch den ausbleibender Kindersegen eine andere Färbung erhält.
Und so geht es für das Geschlecht der Goldberger letztlich nicht wirklich gut aus, aber auch nicht so richtig schlecht. Ganz ähnlich mag es Lesern ergehen, die üppig wuchernde Erzählgebilde schätzen, von den realen Lebensbedingungen in der damaligen österreichischen Provinz nichts wissen und die „Dorfromane“ Franz Innerhofers nicht gelesen haben. Denn Realien über das Dorfleben zwischen den 1940er- und 1990er-Jahren darf man sich nicht erwarten. Das war bei Kaiser-Mühleckers Prosadebüt, „Der lange Gang über die Stationen“ (2008), nicht anders, wobei der neue Roman sprachlich deutlich weniger gekünstelt wirkt.
Natürlich muss einen Autor Faktisches nicht interessieren, aber es bleibt doch eine offene Frage, was entstehen soll, wenn heutige Befindlichkeiten einem scheinbar konkreten sozialhistorischen Kontext eingeschrieben werden. Hier sprechen Alt- wie Jungbauer Töchter und Gattinnen mit „mein Herz“ an, hier gibt es keine körperlichen Züchtigungen, allenfalls strukturelle Gewalt oder eigentlich nur autokratische Entscheidungsstrukturen, wie sie jede patriarchale Kleinfamilie prägen. Hier stellt die Bäuerin klar, dass Kinder nicht zum Arbeiten da seien, sondern „eigenständige Wesen“, hier werden in den 1950er-Jahren satte Gewinne mit Schafzucht gemacht und mit dem besonders feinen Fleisch von glücklichen, sogar glücklich geschlachteten Rindern. Und hier passiert die Modernisierung der Landwirtschaft über Nacht: In den 1960er-Jahren, noch vor der Abschenkung des Alten, schafft der Jungbauer mit barem Geld den modernsten Maschinenpark an – Traktor, Pflug, Egge, Sämaschine und VW mit Ladefläche, alles funkelnagelneu.
Da verwundert es kaum noch, dass keiner aus der jungen Generation den Hof und das Dorf verlassen will. Wer erbgesetzmäßig dazu gezwungen wird wie Enkel Paul, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Er gleitet ins Psychopathologische ab und endet, samt rot blühendem Flieder aus dem Heimatdorf, in der südamerikanischen Mission, was im Roman einen breiten Erzählstrang mit sprachlich dichten Passagen ergibt.  ■

Der Autor liest am 20. September um
19.30 Uhr im Wiener Literaturhaus, Seiden-
gasse 13, aus dem neuen Roman.

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