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Papiergesicht rettet Plastikwesen

14.09.2012 | 21:14 |  Von Madeleine Napetschnig (Die Presse)

Verschroben: Radek Knapp auf Besuch bei den Alterslosen.

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Die Welt, in die es die Hauptfigur aus Radek Knapps Roman „Reise nach Kalino“ verschlägt, kann einem Leser nicht gefallen. Das liegt keineswegs daran, wie sie der gewitzte Autor beschreibt – er tut das mit humorigem Unterton, legt es bisweilen hintergründig an. Verantwortlich dafür erscheint vielmehr die Sterilität, die dieses Land uns vermittelt. Die Bewohner der überschaubaren Enklave Kalino sind ja noch ansehnlich: modelartige Wesen (Untote), die dank eines Genprogramms (Defekts) in Kombination mit der Ausschaltung von schädlichen Umweltfaktoren wie schlechter Luft, Stress oder ungesundem Essen nicht altern. Schön für sie. Aber was gibt es sonst noch für Verlockungen in dieser Gegenwelt?
Nicht einmal den Lieblingsdrink der Kalinianer verträgt der sterbliche Auswärtige – die Locals nennen ihn abschätzig „Papiergesicht“ –, denn ihm fehlen die Enzyme, sämtlichen Fraß aus der „Nahrungsfabrik“ zu verdauen. Auch eine Wohnkultur scheint in dieser hoch entwickelten Gesellschaft nur ansatzweise zu existieren, die fensterlosen Behausungen sind so spartanisch, dass ein Kalinianer schwer begreift, wozu Möbel erfunden worden sind. Wovon er sich in einem „Entspannungslokal“ entspannen sollte, bleibt rätselhaft, denn es darf in diesem System scheinbar nichts geben, was diese Humanoiden stressen könnte – „Perfektionsdiener“ wachen darüber.
Vielleicht stresst ja die strategische Anbahnung einer „Simulation“, wie Kapp die rituelle Abfolge von der Kontaktaufnahme bis zum Geschlechtsverkehr ironisch übersetzt. Zur Stimmungsaufhellung greift der Kalinianer zu einem handyartigen Gerät namens Gerlan, es verabreicht ihm gute Gefühle gleich durch die Wange. Zum Autoerotiker fehlt der Spezies jedoch ein Gefühlsleben, geschweige denn, dass sie über so viel Empathie verfügt, um zu verstehen, wie
Papiergesichter funktionieren. Das ist die verschwindende, bedrohte Minderheit in Kalino – Wesen mit Falten im Gesicht und wenig simulationsgeeignetem Äußerem. Dass Knapp da mit klaren Kontrasten, fast comicartigen Schablonen arbeitet, schadet nicht. Sie trifft das Setting und den Ton der ganzen Erzählung hindurch.
Als Stellvertreter unserer Außenwelt stochert nun dieser zerknautschte Detektiv, Julius Werkazy, bei den attraktiven Aliens herum. Der polnische Dichter mit Wohnsitz in Wien legt auch hier – wie in seinen erfolgreichen Geschichten „Franio“ oder „Papiertiger“ – nicht eine Loser-Figur an, sondern einen liebenswerten verkappten Helden.
Aus der Sackgasse des Misserfolges führt den kleinen Schnüffler wieder eine Klischeesituation: Werkazy erhält ein kryptische Telefonat, ein Anrufer namens Osmos gibt den Auftrag, einen Mordfall zu lösen. Doch der Detektiv ist cleverer als dieser Gründer von Kalino. Bald löst er den Fall, deckt einen Skandal, nein eine Weltverschwörung auf und enttarnt den ganzen Zauber als die bizarre Vision eines alternden Mannes, der nicht sterben will. Eine Allegorie auf die schöne neue Welt, ein amüsanter Fingerzeig auf die unsere.
All das liest sich von Anfang an geschmeidig, bis das Finale fast zu schnell, zu locker vonstatten geht. An manchen Stellen erzeugt Knapp sogar etwas Spannung, wobei Suspense nicht wirklich das Konzept dieses verschrobenen Detektivromans ist, der sich nicht entschließen kann, ob er dem Komödiantischen oder dem Science-Fiction-Lastigen mehr nachgibt. Oder gar der großen Metapher, der originell verpackten Zivilisationskritik, dem schrägen ethnologischer Bericht? Der Autor sollte sich vielleicht entscheiden. Ein Mord macht noch keinen Krimi. Vielleicht könnte Radek Knapp seinen Detektiv Julius Werkazy noch einmal auf Reisen schicken: Es gibt schließlich genug Gurus, Sekten und Paralleluniversen, die er mit seinem Witz und scharfen Verstand aufsuchen könnte. ■
Der Autor liest am 21. September um
20 Uhr im Rabenhof-Theater, Rabengasse 3, aus seinem Roman.

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