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Vernetzte Visionen

22.09.2012 | 14:54 |  Von Adolf Holl (DiePresse.com)

Untergangsliteraturen erfreuen sich in Krisenzeiten größerer Beliebtheit als während wirtschaftlicher Stabilität: Elaine Pagels' „Revelations“ über die Offenbarung des Johannes.

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Der militanteste Text der Bibel, die Apocalypsis Ioannis, hat nicht nur Albrecht Dürer und Adolf Hitler fasziniert. Der Schweizer Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung hat dem Verfasser des wüsten Büchleins ein ausgedehntes Gespinst von Ressentiments und Rachegedanken attestiert, eine Orgie von Hass, Zorn und blinder Zerstörungswut, die sich an fantastischen Schreckbildern nicht genugtun kann.

Zu meiner Freude hat Elaine Pagels, prominente Kennerin des frühen Christentums, jetzt die Offenbarung des Johannes unter die Lupe genommen, mit zwei Dutzend weiterer Apokalypsen aus der Zeit der Christenverfolgungen.

Pagels ist seit ihrem Erstling („Die gnostischen Evangelien“, 1979) auch im deutschen Sprachraum zum Begriff für eine Lesergemeinde geworden, die für lang vergrabene Funde aus den ersten Jahrhunderten der Christenheit zu begeistern ist.
Mit der Entdeckung des Verstecks im ägyptischen Nag Hammadi im Jahr 1945, so meint Pagels, kamen nicht nur bislang unbekannte Evangelien ans Licht, sondern auch Literaturen, die sich mit der Enthüllung (altgriechisch apokalypsis) bislang verborgener Zusammenhänge des Weltlaufs befasst haben.

Apocalypse now! Pagels deutet an, dass sie mit der Niederschrift ihrer Studie „during a time of war“ begann, als George W. Bush die Vereinigten Staaten kommandierte. Sie dokumentiert, wie lebendig endzeitliches Sinnen und Trachten in Gottes eigenem Land war und ist. Sie zitiert die „Battle Hymn of the Republic“ aus dem Bürgerkrieg zur Zeit Lincolns, zu singen im Marschtritt eines Gottes mit gezogenem Schwert.
In der Apocalypsis Ioannis fährt das bedrohliche Schwert bereits im ersten Kapitel zweischneidig aus dem Mund einer visionären Gestalt. Ausgestattet mit wallendem Gewand, Augen wie Feuerflammen und einer Stimme wie das Rauschen von Wasserfällen, lässt sie den Icherzähler zu Boden stürzen, wie tot.

Ob der Autor über selbst erlebte Halluzinationen berichtete oder nicht, lässt Pagels offen. Sie weiß, dass die Berufung auf Ausnahmezustände zum schriftstellerischen Repertoire der Verfasser von Apokalypsen gehörte. In der Frage nach der Abfassungszeit der johanneischen Apokalypse entscheidet sich Pagels für die Jahre zwischen 90 und 96 nach Christus, die Regierungszeit Kaiser Domitians, der sich als Herrgott (Deus et Dominus) feiern ließ.
Das wiederum war für einen frommen Juden, der an die baldige Wiederkunft eines von den Römern ans Kreuz geschlagenen Messias glaubte, eine unerträgliche Provokation.

Der Schriftsteller nannte sich Johannes, fährt Pagels fort, um seine Adressaten in Asia Minor, der heutigen Türkei, an den Verfasser eines Evangeliums zu erinnern, der Jesus noch persönlich gekannt hatte.
Die Adressaten lebten, klein an Zahl und verschwiegen, in Ephesos und etlichen anderen namentlich genannten Städten Kleinasiens. Ich, Johannes, euer Bruder in der Drangsal, befand mich auf der Insel Patmos wegen des Martyriums für Jesus.

Im griechischen Original bedeutet Martyrium die Aussage eines Zeugen vor Gericht. Die Adressaten sollten wissen, dass der Autor in Schwierigkeiten geraten war. Er könnte, vermutet Pagels, den jüdischen Aufstand gegen die Römer von 66 bis 70 nach Christus miterlebt haben, der mit der Einäscherung Jerusalems und des prachtvollen Tempels endigte, und dann geflüchtet sein. Was er schließlich schrieb, nennt Pagels zutreffend „wartime literature“.

Sie begleitet ihren Johannes auf seinen Wegen durch Ephesos und Pergamon, wo eben ein kolossaler Tempel für Zeus hochgewuchtet wurde. Das römische Weltreich, voller Heiligtümer für Gottheiten, die heute nur noch in Museen zu bewundern sind, reichte bis Britannien im Norden, Nordafrika im Westen, Israel im Süden und bis zum Irak im Osten. Es wird untergehen, prophezeite Johannes, was in der Tat eintraf, allerdings erst nach der Zerstörung Konstantinopels durch die Türken. Auch ein tausendjähriges Friedensreich versprach Johannes seinen Adressaten, mit anschließendem Endkampf zwischen Gott und dem Teufel, und einem Happy End im letzten Akt.
Pagels weiß, dass die Nachhaltigkeit solcher Phantasmen sich ihrem Angebot von Sinngebung in einem nach wie vor eher übersichtlich ablaufenden Weltgeschehen verdankt. Bewerkstelligt wurde dies durch Bildangebote, die Pagels bis in die babylonischen Schöpfungsmythen zurückverfolgt. In ihnen tauchen jene Zwischenwesen auf, die in der Alltagserfahrung nicht vorkommen. Als Drachen mit sieben Köpfen, rot koloriert, beleben sie die Lektüre der Johannes-Apokalypse, als bedrohlicher Gegenpol des Guten, das im Sonnenlicht badet. Kino im Kopf, mit heftigen Attacken auf die Einbildungskraft. Pagels zeigt, dass die Vorliebe für Horrorvisionen zum Repertoire der Apokalyptiker gehörte. Ein Autor namens Salathiel, der seine Enthüllungen zeitgleich mit der Johannes-Apokalypse niederschrieb, ließ das römische Imperium als monströsen Adler mit drei Köpfen durch die Lüfte segeln, wegen der drei Kaiser, die Jerusalem zerstört hatten.

In Krisenzeiten, vermutet Pagels, ist das Publikum empfänglicher für die Beschriftung kollabierender Lebenswelten als während eines Wirtschaftswunders. Untergangsliteraturen, wie die „Grenzen des Wachstums“, 40 Jahre in der Agenda, finden laut Pagels überraschende Vorläufer in den Apokalypsen aus den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung.

Endspiel also, verfasst nicht von Beckett, sondern von jenem Salathiel, der die Trompeten des Jüngsten Gerichts in Bälde erwartete, „quickly“, wie Pagels zitiert. Sie hat herausgefunden, dass die Apokalyptiker zwischen 200 und 400 nach Christus ihre Inspirationen womöglich aus meditativen Erfahrungen bezogen, die das Ich in überpersönliche Zusammenhänge brachten.Literargeschichtlich zeigt sich dies an der Vorliebe der Autoren für Zwiegespräche des Icherzählers mit außerirdischen Instanzen, die nicht fiktiv, sondern real dargestellt werden, während seelischer Ausnahmeerlebnisse. Weitergereicht sodann unter der Hand an ein Publikum, das gelernt hatte, den in der Regel geschwätzigen inneren Monolog zum Verstummen zu bringen, wie in geistlichen Klausuren der Fall, beispielsweise ab 250 nach Christus in Oberägypten, wo die geheime Bibliothek von Nag Hammadi zusammengetragen wurde.

Weltflucht als Entlastungsgerinne für Burn-out-Gefährdete? Allenfalls bis zur Epochenschwelle ab 313 nach Christus durch kaiserlichen Erlass, wie Pagels erzählt. Per Dekret verwandelte sich die verfolgte Katakombenkirche in eine staatlich zugelassene Religion, ohne weiteren Bedarf für die Wutreserven der Johannes-Apokalypse gegen das römische Imperium.
Warum die Geheimschrift aus der Verfolgungszeit trotzdem überlebte, diskutiert Pagels im letzten Kapitel ihres Buchs. Sie bittet einen energischen Patriarchen mit Namen Athanasios (295 bis 373 nach Christus) auf die Bühne, der das Kunststück zuwege brachte, die Schalen des göttlichen Zorns auf alle jene umzulenken, die seinen Auffassungen im Weg standen. Ohne ihn wäre die Apokalypse des Johannes nicht in das Neue Testament geraten, weiß Pagels. Und: Durch seine Auslegung der Johannes-Apokalypse hat der streitbare Ägypter den Krieg der jeweils Rechtgläubigen gegen die ketzerische Brut derer munitioniert, die anderer Meinung waren, wie unter Christen bis heute (to this day) üblich, wie Pagels bemerkt.

Apocalypse forever? Nicht unbedingt. In der Bibliothek von Nag Hammadi (mittlerweile auch in deutscher Übersetzung zugänglich) hat Pagels Schriften entdeckt, die eine gelassenere Spiritualität transportieren als das Getöse der Apocalypsis Ioannis. „I am a voice speaking softly“, zitiert Pagels aus einer Passage, deren Gott mit freundlicher Stimme redet. Erkennbar sei diese alternative Theologie an ihrer Bereitwilligkeit, weibliche Stimmen in ihr Repertoire aufzunehmen. Wir leben in einer zunehmend vernetzten (interconnected) Welt, resümiert Pagels im Epilog, wir benötigen Visionen, die auch Tiere und Steine in ihrem Weltbild gelten lassen, neben Menschen, Dämonen und Engeln.

Schlussendlich bedankt sich Elaine Pagels (Princeton University) ausdrücklich bei einem Kollegen, der ihr behilflich war, verständlich (clearly) zu schreiben. Auch in diesem Punkt kann die europäische Fachwelt noch viel von Frau Pagels lernen. ■

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