„Stifter hat mich gerettet“

28.09.2012 | 18:24 |  Von Harald Klauhs (Die Presse)

Jüngst Stargast beim Tiroler Literaturfestival „Sprachsalz“ in Hall: Martin Walser. Ein Gespräch über Walsers Kriegsende in Tirol, übers Briefe- und Romanschreiben, über den Euro, über Rechtfertigung und Religion, über das Mohammed-Video sowie über die Schönheit.

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Wir sitzen in einem Seminarraum des Parkhotels in Hall in Tirol. Draußen heult die Mittagssirene. Martin Walser schaut aus dem Panoramafenster auf den strahlend blauen Himmel. Er scheint sich an etwas zu erinnern.
Was verbinden Sie mit dem „Sprachsalz“-Literaturfestival in Hall?
Ich bin mit den tiefsten Erinnerungen hierhergekommen, denn da war ich beim Militär: in Wörgl im Frühjahr 1945. Da sind jeden Tag die Lightnings, diese Dreirumpfflugzeuge der Amerikaner, übers Inntal runter und haben im Tiefflug Brücken gesucht. Wir hatten einen Idioten als Chef, einen Major, mit dem deutschen Kreuz in Gold dekoriert. Der hat uns den Befehl gegeben, wenn diese Jagdflugzeuge kommen, sollen wir vom Gelände aus mit den Gewehren hinaufschießen.
Was war Ihre Aufgabe?
Ich war für die Haflinger verantwortlich, so 20, 25 Stück. Sobald Alarm ausbrach, musste ich mit den Haflingern in den Wald. Das war wunderbar. Es gibt kaum etwas Romantischeres, als mit 20 Haflingern im April in der Wörgler Gegend zu verbringen. Toll. Als die Amerikaner dann von Rosenheim kamen und die Franzosen von Innsbruck her, haben die Amerikaner einen Parlamentär zu Verhandlungen geschickt. Der Major hat gefragt: „Wer kann Englisch?“ Er konnte natürlich keines. Ich konnte nur Schulenglisch, aber ich habe mich sofort gemeldet. Dann wurde ich zu den Amerikanern zu Übergabeverhandlungen geschickt. Da habe ich sofort gemerkt: Dieses Amerikanisch habe ich noch nie gehört. Also habe ich nicht alles verstanden. Aber ich habe mitgekriegt, auch weil mein Gegenüber es so gestisch ausgedrückt hat, die Waffen sollten wir auf die eine Seite der Straße legen, und wir sollten uns auf die andere Seite der Straße stellen. Dann bin ich zurück zu diesem Idioten, und der hat gesagt: „Und Sie haben nicht gesagt, dass ein deutscher Soldat sich nicht so ergibt?“ Quatsch! Also er hat das nicht gemacht. Wir sind dann am nächsten Tag mit unserem Leutnant, der ein vernünftiger Mensch war, ins Gebirge abgehauen, also gerade noch desertiert.
Obwohl die Amerikaner schon da waren?
Kufstein sollte verteidigt werden. Unser Leutnant hat dann aber gesagt: „Das wird hier nix mehr. Wenn ihr wollt, dann gehen wir hier quer.“ Es hat uns auch niemand daran gehindert. Wir sind dann hinauf ins Gebirge Richtung Deutschland. Auf der anderen Seite sind wir runter und kamen auf eine Straße. Da ist uns ein Feldgendarm begegnet, der sagte: „Alles runter zur Sammelstelle.“ Wir haben so getan, als gingen wir dahin, sind aber gleich wieder in den Wald hinauf bis Garmisch. Da haben wir schon die Amerikaner gesehen. Wir sind dann noch weiter Richtung Füssen.
Wieso haben Sie sich nicht ergeben?
Ja, warum denn? Wir wollten doch nicht in Gefangenschaft.
Aber das war doch unausweichlich.
Das sagen Sie so. Für mich war es das Schrecklichste, was es gibt.
Aber was sollte sonst noch kommen?
Das sagt man heute. Wir haben unsere Wehrpässe gefälscht, mit dem nassen Finger haben wir aus der Sieben eine Acht gemacht. Mit einem Tiroler Bauern habe ich meine Militärjacke gegen eine richtig gelbe Trachtenjacke getauscht. Das war kein schlechter Tausch. Und so sind wir dann gegangen, bis wir im Wald bei Füssen auf einen Jeep der Amerikaner gestoßen sind. Damit hatten wir erreicht, dass wir ins Eis-Olympiastadion nach Garmisch kamen. Auf den Eisbänken war dann unser Quartier.
Dort haben Sie dann ein paar Wochen verbracht?
Wenn ich je ein Glückspilz war, dann da. Täglich wurden Arbeitskommandos zusammengestellt. Ich aber habe entdeckt, dass in den Räumen unterhalb des Stadions die Bibliothek des Reichssenders München untergebracht war. Dort habe ich mir Bücher geholt und nur noch gelesen. Die anderen sind lieber zum Arbeitsdienst gegangen, weil man da ein besseres Essen bekam. Aber das war mir egal. Ich habe zwei Bände Stifter gehabt. Ich kannte Stifter bisher gar nicht. Ich habe dann alles dagelassen und nur die Bücher mitgenommen. Mit einem Rucksack voller Bücher bin ich heimgekommen. Und wie bin ich heimgekommen? Weil ich dauernd gelesen habe, bin ich einem amerikanischen Offizier aufgefallen. Der hat mich gefragt, wo ich zu Hause bin. Das habe ich ihm halt erzählt. Und dann hat er mich mit einem Jeep an einem Sonntag an den Bodensee gefahren. In Lindau, in der französischen Zone, hat er dafür gesorgt, dass ich nicht von den Franzosen kassiert werden konnte. Er hat mir Papiere besorgt, mich ob Wasserburg abgesetzt. Ich bin runter zu unserem Haus. Das war die Unteroffiziersmesse, voller Franzosen und beschlagnahmter Fahrräder. Da bin ich mit gemischten Gefühlen hinunter. Aber ich war daheim. Und das verdanke ich Büchern!
Wann haben Sie zuletzt einen Brief auf Briefpapier mit Tinte geschrieben?
Andauernd. Die Leserbriefe sind das eigentliche Kontinuum, das einen Autor schützend umgibt. Ich habe schon öfter gesagt, ich müsste ein Buch machen: Der Leser hat das Wort. Die haben immer das Gefühl, sie schreiben mir zu dem Buch. Aber sie schreiben über sich. Daher habe ich auch den Satz „Kein Mensch liest mein Buch, jeder liest sein Buch“. Gott sei Dank.
Sie sind, wie an Ihrem neuen Buch zu erkennen, ein geübter Briefschreiber.
Genau das findet ja in Wirklichkeit nicht statt. Ich hatte noch nie mit einem Leser einen Briefwechsel. In dem Buch hingegen erschreibt sich die Hauptfigur, Basil Schlupp, eine Partnerin, die ihn dazu bringt, Sachen zu sagen, die er sonst nicht sagen kann. Und sie, die Maja Schneidlin, entdeckt das in sich auch. Beide sind bestens verheiratet, aber im Alltag der Ehepartner kannst du solche Sachen, das Unsägliche, nicht so leicht aussprechen. Also das ist der Sinn.
Ich habe mir ein paar Rezensionen zu Ihrem Buch angeschaut. Ein Punkt – für mich einer der entscheidenden – ist, wie es zum Bruch kommt. Das Interview, das Basil gibt, das sie so verletzt, ist ja eigentlich das Gegenteil davon, dass er sich öffnet. Sie wirft ihm ja vor, dass er ihr – wie allen Frauen gegenüber – nur höflich ist. Schätzt sie da die Bedeutung von Interviews nicht zu hoch ein?
Sag ich auch. Aber so ist es. Sein Verhältnis zu Frauen ist, immer alles aus Höflichkeit zu tun. Und Gelegenheit macht Liebe. Das kann sie nicht auseinanderhalten. Sie sagt: „Du hast dich mir gegenüber auch nur als Virtuose der Höflichkeit erweisen. Darauf bin ich hereingefallen.“ Er hat gesagt: „Ich wollte es Frauen immer recht machen.“ Ich wage zu behaupten, dass so ein Zeitungsinterview eine unverhältnismäßig große Wirkung haben kann, wenn es sich thematisch an dem reibt, was sie miteinander verhandelt haben. Je höher die Gefühlstemperatur zwischen den beiden, desto verletzlicher, desto schneller ist ein Missverständnis da.
In Ihrem vor Kurzem erschienenen Essay für die „FAZ“ beschwören Sie ein geistiges Europa herauf, das von der griechischen Tragödie über Shakespeare bis Nietzsche reicht. Sie nennen den Euro darin eine Sprache, die jeder versteht. Aber sind das nicht eigentlich zwei Sphären, die Sie da vermengen? Das geistige Europa ist doch lange gut ohne eine gemeinsame Währung ausgekommen.
Ganz klar. Nur wenn ich dieses Hickhack von Experten jeden Abend sehe, die mit bedrohlichen Szenarien daherkommen, dann muss mir doch auffallen, mein Gott, Ökonomen, Politiker, was macht ihr da für ein Zeug? Schaut einmal unser geistiges Europa an, das existiert seit 2000 Jahren. Und die tun so: Zurück zur Drachme, zur Lire und so. Unser Europa hat ja in seinen politischen Formungen alles Mögliche durchgemacht. Nehmen wir nur das 19.Jahrhundert, den Nationalismus, der zum furchtbaren 20.Jahrhundert geführt hat. Jetzt behaupte ich, das 21.Jahrhundert muss einen politischen Ausdruck finden, der den gehabten Vergangenheiten nicht nur entspricht, sondern sie endgültig ins Friedliche fortsetzt. Da kann man nicht mit einer halben Sache vorgehen. Da muss man gar nicht so kompliziert tun. Da gestatte ich mir zu erwarten, dass es möglich sein muss, eine fiskalische Union zu erdenken.
Verkürzt formuliert: Wir sollen die Griechen dafür finanzieren, was sie für Europa geistig geleistet haben.
Das darf man so nicht sagen! Man muss diesem unseren Europa, das so viele Formen des Verstehens und Missverstehens hinter sich hat, eine zukunftsfähige Form geben. Vielleicht muss man die Steuergesetze harmonisieren. Nicht, weil Plato, darum Euro. Sondern, weil ich den Euro für eine zukunftsfähige Sprache halte. Ich glaube, so ein Kommunikationsmittel wie dieser Euro trägt schon heute dazu bei, die Jugendlichen Europas zusammenzubringen. Und das hat auch mit diesem Fundamentalmittel Geld etwas zu tun. Man soll das nicht so gering schätzen. Ein Rückschritt aus dem Euro wäre eine Katastrophe.
Nun ist Rechtfertigung für Sie mit Ihrem Buch darüber ja zu einem großen Thema geworden.
Ja, aber das ist eine Etage höher.
Ja, sicher, das ist auf theologischer Ebene. Aber das soll doch ins Leben zurückspielen, oder? Sonst ist es nur mehr etwas Geistiges. Das „nur mehr“ können Sie sich schenken. Natürlich betrifft das den Menschen ganz und gar. Aber das Motiv ist ein – wie Sie es nennen – geistiges.
Für den heiligen Augustin mag Rechtfertigung noch ein existenzielles Problem gewesen sein. Und für den Karl Barth wohl auch, aber für den Durchschnittseuropäer von heute gibt es eigentlich keine Instanz mehr, der gegenüber er sich rechtfertigen müsste.
Das ist mir egal. Ich kann nur von mir reden. Wenn ich einen Menschen treffe, der diesen Grad der Entspanntheit hat, den Sie andeuten, und das heißt jetzt noch gar nichts gegen den, dann bin ich an dem gar nicht mehr interessiert. Ein total Entspannter, etwa ein Atheist, der sich vollkommen befriedigt sielt in seiner von ihm selbst nicht empfundenen Leere – ja. Aber der ist für mich völlig uninteressant. Mich interessieren nur Leute, die diesen Tick haben.
In islamischen Ländern ist das ja ganz anders. Dort gibt es ein für unsere Begriffe mittelalterliches Verhältnis zur Religion.
Ein gereiztes, ja.
Haben Sie etwa die Proteste gegen das Mohammed-Video verfolgt? Ist das für Sie ein Ernstnehmen von Religion?
In mir sträubt sich alles dagegen, dass ich eine Meinung haben soll, ob das so oder so ist. Ich habe heute etwa gelesen, dass derjenige, der diesen Film gemacht hat, 40 Pseudonyme hat und schon einmal wegen Betrugs verurteilt war. Also wenn ich das lese, denke ich: Unsere Kinder müssten einfach von selbst mitkriegen, dass man einem anderen sein Heiligstes lässt, solange er mir nicht zu nahe kommt und sich mir aufdrängen will.
In Ihrem Buch „Mein Jenseits“, das als Ihre theologische Wende betrachtet wird, haben Sie geschrieben, dass etwa die Reliquienverehrung keinen Grund braucht, um daran zu glauben. In dem Augenblick, in dem es sich um ein echtes Ding handelt, wird es eigentlich uninteressant.
Genau. Aber das Buch ist nicht meine theologische Wende, sondern mein Urerlebnis in meiner Gegend. Die gemalten Himmel in unseren Kirchen, wo man eine ganze Jugend darunter verbringt: Das ist auch Schönheit. Zum Beispiel Caravaggio. Das sind fabelhaft schöne Bilder. Oder eine Schubert-Messe: Das ist eine fabelhaft schöne Musik. Und die haben wir der auch religiösen Begabung von Künstlern zu verdanken. Das hat noch überhaupt nichts mit Glauben zu tun. Das ist das Bedürfnis, etwas schön zu machen.
Aber heute profilieren sich Künstler doch damit, dass sie die Religion kritisieren.
Es bedarf nicht der Kritik. Reliquien müssen falsch sein. Es kann keine echte Reliquie geben. Aber die Fähigkeit und das Bedürfnis der Leute macht aus der falschen Reliquie einen Verehrungsgegenstand. Das heißt, wir haben das Bedürfnis zu verehren. Woher kommen denn diese Tongitter bei Bach zustande? Dass man etwas Schönes schafft, das ist für mich noch die einzige Möglichkeit, die unmögliche Rechtfertigung zu ertragen, diese Verwandlung in etwas Schönes. Komisch, einem wirklich Schönen gegenüber ist man erlebnisfähig. Da gibt es keine Religionskritik. Das ist keine Glaubenstatsache, das ist ein Erlebnis. Und dann wird man gestimmt, von dieser Musik, von diesem Bild. Ich könnte auch Nietzsche zitieren: Der Gläubige ist der Gegensatz zum religiösen Menschen.
Sie betrachten sich also als religiösen, nicht als gläubigen Menschen?
Ich betrachte mich auch nicht als religiösen. In meinem jetzigen Buch sagt die Maja Schneidlin, wenn sie religiös erlebt, am höchsten Punkt, ist das dann ein Augenblick der reinen Geschichtslosigkeit, das bloße Hier und Jetzt. Das ist für sie religiös. Aber ich will damit gar nichts zu tun haben. Es muss für mich genügen, dass ich sage: Gott gibt es nicht, aber er fehlt. Basta.
Sie haben sich in Ihrem ganzen Werk auch mit Liebe beschäftigt: Wollen Sie lieber geliebt oder gerechtfertigt werden?
Beides! Geliebt werden ist schon eher möglich als gerechtfertigt werden. Da bin ich froh, wenn man nach langer Zeit so etwas liest wie Karl Barth, der sagt, zu rechtfertigen ist man nur als der nicht zu Rechtfertigende.
Versuchen Sie mit Ihren Büchern Wertungen unserer heutigen Gesellschaft zu unterlaufen?
Nein, das hat nur mit mir zu tun. So, wie Sie's formulieren, gerate ich in die Nähe der Agitation. Das liegt mir überhaupt nicht. Ich könnte da jetzt lange darüber reden, wie ich zu meinem Roman „Muttersohn“ gekommen bin, wie ich vom „Muttersohn“ zur „Rechtfertigung“ gekommen bin, wie von der „Rechtfertigung“ zum „Dreizehnten Kapitel“. Diese drei Bücher: Das ist meine Trilogie der Anfälligkeit für nicht Vorhandenes. Das ist meine Erlösung aus dem Gesellschaftsdienst. Eine Erfahrung habe ich immer gemacht, so auch dieses Mal: Wenn du einen Roman schreibst, ist die ganze Welt eine Hilfeleistung. Ein Einzelner kann ja gar keinen Roman schreiben. Das wäre doch ein Witz. Ich bin nichts anderes als die Federführung. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2012)

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