Was Neuseelands Literatur auszeichnet, lässt sich rasch auf einen Nenner bringen. Es ist die Selbstbehauptung der Frau angesichts widrigster Verhältnisse. Das gilt nicht allein für die Protagonistinnen neuseeländischer Romane. Es trifft auch auf die Autorinnen selber zu. Und wen verwundert's? Die stiefelförmige, auch klimatisch an Italien erinnernde Inselnation tummelt sich am äußersten Rand der meisten Weltkarten, und oft genug passiert es, dass das Land sogar von den Karten runterpurzelt. Es fehlt. An seiner Stelle gibt es nur das blaue Meer, als sei hier eine Landfläche von der dreifachen Größe Österreichs einfach vom Pazifik verschluckt worden. Diese manifeste Abwesenheit ist indessen nurder kartografische Ausdruck einer geografischen Wirklichkeit. Neuseeland ist tatsächlich „das Ende der Welt“, daran ändert auch der tourismusförderliche Zusatz nichts, dass es „das schönste Ende der Welt“ sei. Es ist ein Land, das jahrzehntelang in intellektueller Isolation vor sich hindümpelte.
Als der aus Wien gebürtige Philosoph Karl Popper 1937, vor den Nazis nach Neuseeland geflohen, dort sein wegweisendes Buch „Die offene Gesellschaft“ schrieb, musste er dies heimlich tun. Die Universität Christchurch hatte ihm das Arbeiten an seinem „privaten Forschungsprojekt“ ausdrücklich untersagt. Er sei dort nur als Lehrbeauftragter angestellt, ließ man ihn wissen. Diese Engstirnigkeit hat sich heute beträchtlich gelockert. Es gibt mittlerweile erstaunliche, auch finanziell umwerfende Literaturpreise und Forschungsanreize. Aber noch zu Beginn der Achtzigerjahre konnte die Autorin Keri Hulme ihren Roman „The Bone People“ (deutsch: „Unter dem Tagmond“) bei keinem der einheimischen Verlage unterbringen. Als „unlesbar“ wurde das Werk von den fast durchwegs männlichen Lektoren abgekanzelt. Hulmes weibliche Bekanntenkreise in Wellington, der Hauptstadt des Landes, sahen das anders. Sie legten Geld zusammen und gründeten einen eigenen Verlag. Dessen Ziel war es einzig und allein, das Buch dieser Autorin an der männlichen Barriere vorbeizuschleusen. Den gedruckten Roman schickte dann irgendjemand nach England, wo es den prestigeträchtigen Booker-Preis gewann. Das war 1985.
Einige Jahre später, 1992, begegneten der deutsch-amerikanische Fotograf Holger Leueund ich der mittlerweile zur internationalen Bestsellerautorin avancierten Autorin in Okarito. Einst, um 1865, war diese Ortschaft eine blühende Goldgräberstadt gewesen, mit über 30 Hotels – die man sich, wie im Wilden Westen, als eilig zusammengeschusterte Trinkerhallen mit angeschlossenen Einzelunterkünften in den oberen Stockwerken vorstellen mag. Aber Okarito konnte sich einer elektrischen Straßenbeleuchtung rühmen – eher als, beispielsweise, London.
Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Okarito wurde zu einer, nicht einmal sonderlich malerischen, sondern schlechterdings nur menschenleeren Geisterstadt an der Westküste der Südinsel Neuseelands.
Katzen, Hunde, Literaturtouristen
Die Bevölkerungszahl lag 1992 bei etwa drei oder vier Personen, ein halbes Dutzend junge Rucksackreisende, die dort die eine oder andere Nacht in einer primitiven Jugendherberge, dem früheren Schulhaus, verbrachten, nicht mitgerechnet. Der Geist des ehemaligen rauen Schlägerparadieses lebte allerdings noch fort im groben Umgangston der Autorin Keri Hulme, die rund um ihr selbstgezimmertes Anwesen Schilder platziert hatte, die etwaige Besucher, Katzen, Hunde oder Literaturtouristen darauf hinwiesen, dass hier mit scharfer Munition auf sie geschossen würde, wenn sie sich nicht schleunigst verpissten. Holger fotografierte die Autorin denn auch inmitten ihres oktogonalen Arbeits- und Wohnzimmers, das an jeder Wand bis unters Dach mit Büchern vollgestopft war, während eine Schusswaffe lässig auf ihrem Schreibtisch lag. Eher zur Imagepflege, wie ich annehme. Ich habe Keri Hulme indessen, bei einer späteren Gelegenheit, durchaus real als grantige Bissgurn erlebt, aber ebenso auch als umgängliche Plaudertasche, die gerne über Gott und die Welt, und dito über Literatur, dahinpalavert. Die Abgeschiedenheit ihres Lebens in Okarito ist aber Teil jenes Preises, den sie für ihr literarisches Überleben und ihre Integrität als Autorin in Neuseeland bezahlt hat, oder geglaubt hat, bezahlen zu müssen.
Darin gleicht sie Jean Devanny, der Autorin eines relativ blutrünstigen Romans, der 1928 in der Reihe „Romane der Welt“ unter dem Titel „Die Herrin“ auch auf Deutsch erschien. Im Original hieß das Werk „The Butcher Shop“, also „Der Fleischerladen“, und es lässt sich leicht erraten, wie die Protagonistin dieser Geschichte sich ihre Freiheit erkämpft. Das Relevante war nun, dass die RdW-Serie in Deutschland von Thomas Mann herausgegeben wurde, oder doch Thomas Mann als Herausgeber im Banner führte. Mann war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz der Großschriftsteller, als der er uns heute gilt, bekanntlich erhielt er den Nobelpreis erst 1929. Er holte den Roman der jungen Autorin unmittelbar nach dessen Erscheinen in England nach Deutschland. Nebenbei erwähnt, war dies das Muster, wie jeder neuseeländische Autor Karriere machte – über eine Veröffentlichung in England. Ohne den Booker-Preis wäre auch Keri Hulme vermutlich wieder in der Versenkung verschwunden. Jean Devanny war damals, in den Zwanzigerjahren, theoretisch eine gemachte Schriftstellerin, mit Thomas Mann als Herausgeber einer deutschen Übersetzung im Rücken. Aber da gab es noch eine Besonderheit in Neuseeland, ebenso wie in Australien, nämlich die „Schwarze Liste“. Auf dieser Liste wurden Tausende Werke der modernen Weltliteratur aufgeführt, die in Neuseeland verboten waren und auch bei Strafe nicht importiert werden durften. James Joyces „Ulysses“ gehörte selbstverständlich dazu, ebenso „Lady Chatterleys Liebhaber“ von D. H. Lawrence, aber auch eher drittrangige Romane, die in der damaligen Zeit als „schlüpfrig“ galten. Jean Devannys erfolgreicher Erstling konnte nun zwar in England und Deutschland seine Leser finden, in Neuseeland aber kannten mehrere Generationen das in der dortigen Literaturkritik stets verfemte Buch nur vom Hörensagen. Es blieb auf der Verbotsliste bis in die Achtzigerjahre. Da war die Autorin freilich schon längst nicht mehr am Leben. Sie hatte Neuseeland verlassen und war, als relativ gefeierte australische Schriftstellerin, bereits 1962 gestorben.
Obwohl die meisten international bekannten neuseeländischen Autoren Frauen, also Autorinnen, sind, allen voran Katherine Mansfield oder Janet Frame, die jahrelang in die Psychiatrie weggesperrt wurde, oder die Krimi-Königin Ngaio Marsh, die ebenbürtig an der Seite einer Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers stehen kann, so gilt doch in Neuseeland selbst der Roman „Man Alone“ von John Mulgan aus dem Jahr 1939 als das konstitutive Werk eines neuseeländischen Autors, das idealtypisch das Wesen neuseeländischer Literatur umreißt. Mulgan ist natürlich ein Mann. Das „Originelle“ an der in dieser Art bis dahin in Neuseeland nicht gehörten Stimme war jedoch nichts weiter als das epigonale Echo amerikanischer Vorbilder – die Imitation des Tonfalls eines Erskine Caldwell („Tobacco Road“) oder James M. Cain („Wenn der Postmann zweimal klingelt“), deren Bücher damals, in den Dreißigerjahren, reißenden Absatz fanden als Schmuggelware unter den Matrosen überseeischer Frachtschiffe und den „Ship Molls“, den leichten Mädchen am Kai.
Die neuseeländische Literaturkritik, fixiert auf die britische Literatur, hat nie die amerikanischen Wurzeln dieses Buches aufgedeckt, da Mulgan seinen Helden natürlich bei der Flucht vor den Häschern des Staates durch neuseeländische Landschaften hecheln lässt. Abgeschmeckt wurde dieser Cocktail mit einem Schuss Hitchcock („Die 39 Stufen“) und einer Prise Geoffrey Household („Einzelgänger, männlich“).
Viele andere Autoren Neuseelands lehnten sich in ähnlicher Weise an überseeische Vorbilder an, sei es an einen James T. Farrell oder einen Alberto Moravia. Wobei es ihnen offensichtlich ziemlich schnurz war, wen sie da imitierten, solange die Bücher nur irgendwie im Lande greifbar waren, beispielsweise als Penguin Taschenbücher.
Berühmt und völlig unbekannt
Das wahrscheinlich wahrhaftigste Werk eines männlichen neuseeländischen Autors ist „We Will Not Cease“ von Archibald Baxter. Der Band schildert Baxters eigene Erlebnisse als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen im Ersten Weltkrieg. Solche „Conscientious Objectors“, kurz „Conchies“ genannt, wurden damals nicht selten, oft gleich zu mehreren, als Vaterlandsverräter hingerichtet. Baxter erlebte ein anderes Schicksal. Er wurde an einem Kran über den eigenen Schützengräben hochgehievt und dem Feind zum Abschuss freigegeben. Doch das Wunder geschah: Der Feind schoss nicht. Baxter überlebte. Das Buch, das er schrieb, erschien in England, 1939. Die Lagerhallen des Verlags gingen bald darauf in Flammen auf, ein Opfer des Blitzkriegs.
So erschien „We Will Not Cease“ endlich mit einer Verspätung von mehreren Jahrzehnten auch in Neuseeland, und dann wurde klar: Nicht Baxter selbst hatte das Buch geschrieben. Ihm hatten die Erlebnisse der Kriegszeit ein für alle Mal die Stimme verschlagen. Es war seine Frau, die literarisch talentierte Millicent Baxter, die an seiner statt das Buch geschrieben und veröffentlicht hatte. Daneben war sie die Mutter des wohl bekanntesten Lyrikers des Landes, James K. Baxter. Heute gilt Millicent Baxter als die berühmteste neuseeländische Autorin, von der noch kein Mensch je etwas gehört hat. ■
Keri Hulme
Unter dem Tagmond
Roman. Aus dem Englischen
von Joachim A. Frank. 960S., brosch., €15,50 (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2012)















