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Was der Igel weiß

12.10.2012 | 18:36 |  Von Peter Strasser (Die Presse)

Für Ronald Dworkin gibt es grundlegende Werte, die für alle gelten – und zwar metaphysikfrei. In „Gerechtigkeit für Igel“ entwirft er das Konzept einer Würde, die er „objektiv“ im Sinne einer naturwissenschaftlichen Theorie sehen will. Widerspruch ist programmiert.

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Ronald Dworkin, Jahrgang 1931, ist einer der bedeutendsten Rechtsphilosophen, Gerechtigkeitstheoretiker und Ethiker unserer Zeit. Sein neues Buch trägt den überraschenden Titel „Gerechtigkeit für Igel“. Warum? Sind die Igel am Aussterben? Nein, der Ideengeschichtler Isaiah Berlin nannte seinen 1953 erschienenen Essay über Tolstois Geschichtsphilosophie „Der Igel und der Fuchs“. Dieser Titel beruht seinerseits auf einem Fragment des altgriechischen Dichters Archilochos (etwa 680 bis 645). Es lautet: „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache.“

Isaiah Berlin gab der rätselhaften Sentenz folgende Deutung: Leute, die ihrer Natur nach Füchsen ähneln, interessieren sich für verschiedenste Dinge, ohne einem größeren Zusammenhang nachzuspüren. Demgegenüber streben jene von der Wesensart des Igels danach, ihr Leben als Einheit zu verstehen. Tolstoi – so Berlins Pointe – sei ein Fuchs gewesen, der ein Igel sein wollte.

Damit bin ich wieder bei Dworkin. „Gerechtigkeit für Igel“, das ist ein zweideutiger Titel. Einerseits wird eine umfassende Theorie der Gerechtigkeit – genauer: eine Theorie des guten Lebens unter moralischen Vorzeichen – entwickelt und damit unser Wissen um eine „große Sache“ befördert. Andererseits fordert Dworkin, der „Igel“, Gerechtigkeit für diese seine große Sache, indem er auf 800 dicht bedruckten Seiten eine Fülle, ja Überfülle von Aspekten und Argumenten einbringt.

Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Dworkins Buch zählt zu den eminenten Würfen. Gerade deswegen ist ihm Kritik gewiss. Denn ein Teil der heutigen Moralphilosophie steht dem Ansinnen skeptisch gegenüber, ein bestimmtes Ideal des guten, gerechten Lebens zugleich als das einzig Wahre – eben die „große Sache“ – auszuschildern. Stattdessen wird auf die Fülle der Kulturen, auf Toleranz und wechselseitigen Respekt und nicht zuletzt darauf verwiesen, dass in aller Moral die Gefühle, Vorlieben und persönlichen Interessen den Ausschlag geben. Alle Moral ist demnach subjektiv. Ihr fehlt eine der Wissenschaft vergleichbare Basis, das heißt, eine vom Menschen unabhängige Wirklichkeit der Werte.

Dworkins scheinbar einfache Kernthese lautet hingegen: Es lohnt sich, die „gewöhnliche Sichtweise“ zu verteidigen. Ihr zufolge ist es sinnvoll, davon zu reden, dass ein Leben „wirklich“ gelingen oder misslingen kann. Denn es gibt grundlegende Werte, die für jedermann gelten. Sie liegen jedem menschlichen Leben zugrunde, namentlich die Werte „Selbstachtung“ und „Selbstverwirklichung“ („Authentizität“), die bei Dworkin zusammen den Begriff „Würde“ definieren.

Insofern wir nun aber erkennen, dass wir unser eigenes Leben würdevoll zu leben haben – und wir haben die Pflicht, es so zu leben, sonst wäre die Würde kein grundlegender Wert –, erkennen wir auch, dass dieselbe Möglichkeit allen anderen offenstehen muss. Daraus folgt für die Organisation der Gemeinschaft, dass ihre Institutionen und Regeln die Chance des Einzelnen, ein authentisches Leben in Selbstachtung zu führen, optimieren sollten. Und eben hierin, in der rechtsgestützten Ermöglichung einer derart gerechten Gemeinschaft, gründet die Legitimität der Regierenden.


Lohnt die Suche nach Wahrheit?

Dworkin behauptet, das von ihm entfaltete Konzept menschlicher Würde sei auf analoge Weise „objektiv“ wie die naturwissenschaftliche Theorie. Das wirkt auf den ersten Blick verlockend. Denn nur, wenn feststeht, dass es sich in der Moral lohnt, nach der Wahrheit zu suchen, befreien wir uns vom Gespenst unauflösbarer Zwietracht. Das Ideal der Menschheit als einer Solidargemeinschaft geht ja bekanntlich im Getümmel der Egoismen, Nationalismen und Kulturkämpfe leicht verloren.

Dennoch: Dem aufmerksamen Leser wird bei Ronald Dworkins argumentativen Drahtseilakten bald mulmig. Denn vom Anfang bis zum Ende bleibt die Gretchenfrage ungelöst, wie es der Philosoph bewerkstel-ligen könnte, ein tragfähiges Fundament zu errichten. Dworkin verweigert sich der
metaphysischen Idee – die wir etwa bei Platon oder Thomas von Aquin finden –, wonach es eine vom menschlichen Urteil abgehobene Realität der Werte gibt. Die Metaphysik steht bei Dworkin unter dem Verdacht, eine verschleppte Form des Religiösen zu sein.

Die Folgen des Beharrens auf einer
metaphysikfreien Moral erweisen sich als gravierend. Streng genommen kann Dworkin nicht einmal rechtfertigen, warum alle Menschen, unabhängig von Rasse, Religion, Geschlecht oder Herkunft, „gleich“ sind
und deshalb die gleichen grundlegenden Rechte haben. Es sei denn, er lädt das Konzept der menschlichen Würde von vornherein so stark auf, dass es überhaupt nur un- ter dem Gleichheitsgrundsatz zu verwirklichen ist: Dann folgt die Würde aus der Gleichheit und die Gleichheit aus der Würde. Ein solches Verfahren ist jedoch, abgesehen von seiner kulturellen Parteilichkeit, zirkulär – ein Punkt, den Dworkin nicht verschweigt, sondern im Gegenteil zu rechtfertigen sucht, meines Erachtens mit fragwürdigem Erfolg.

Dworkin ist „Holist“. Für ihn bilden Moral und Ethik die Teile eines Ganzen, das, in Ermangelung eines religiösen oder metaphysischen Fundaments, immer nur aus sich selbst heraus begründbar bleibt. Das führt dazu, dass die Werte alle irgendwie voneinander abhängen und – wie Dworkin sagt – einander „wechselseitig interpretieren“.

Zum Schluss haben wir eine Situation vor uns, die uns bloß deshalb als „fundiert“ erscheint, weil der Zirkel groß genug ist, um ihn nicht zu bemerken. Letztlich hängt die ganze Moral in der Luft, gleich einem riesigen Netz, dessen Fäden an der Peripherie nirgendwo befestigt sind, weder in Gottes Schöpfung noch in einer Wertnatur des Menschen.

Mir kommt vor, als wollte der solcherart haltlos gewordene Philosoph seinen Mangel dadurch ausgleichen, dass er an das ethische Verhalten des Einzelnen besonders strenge Maßstäbe anlegt: „Ich persönlich bin der Meinung, dass ein Mensch, der ein langweiliges, konventionelles Leben ohne enge Freundschaften und Herausforderungen führt und die Zeit bis zu seinem Begräbnis einfach absitzt, kein gutes Leben gehabt hat, auch wenn er selbst anderer Auffassung sein sollte und seine Zeit durch und durch genossen hat.“ Dworkins Beispiele sind lehrreich. Dem ambitionierten Sammler von Zündholzschachteln wird bescheinigt, sein „triviales Hobby“ sei, Sammlerglück hin oder her, zu wenig, um ein gutes Leben zu führen.

Solche Kleinlichkeit berührt bei einem Autor von Weltrang, der sich gern liberal gebärdet, eher unangenehm. Was fehlt denn jenen Lebensformen, die von Dworkin als „objektiv schlecht“ gerügt werden, unbeschadet des Umstandes, dass sie, objektiv betrachtet, völlig harmlos sind? Dworkins strenge Antwort: Der Mensch, der ein solches Leben führt, versagt in einer bestimmten Hinsicht, „und zwar hinsichtlich der Verantwortung, sein Leben auf die richtige Weise zu führen“.

Hier sieht man, wie sich der Zirkel der „Interpretation“ zu drehen beginnt. Der rastlose Bildungsbürger Dworkin missbilligt hedonistische Ambitionslosigkeit und das Praktizieren trivialer Hobbys. Deswegen postuliert er, dass derlei Lebensstile der geforderten Selbstachtung und Authentizität widersprechen. Anschließend wird aus jenen Werten dann „abgeleitet“, was vorher in sie hineininterpretiert wurde: Auch wenn Personen des genannten Typs ihr Leben als geglückt empfinden, ist es – laut Dworkins Diktum – missglückt, weil nicht aus der Verantwortung erwachsen, es „richtig“ zu führen.

Höchste Zeit, die Partei der Füchse zu ergreifen! Ihnen bescheinigt der Klappentext des Buches, sie seien „Spezialisten und Skeptiker“, „Zyniker und Viel- oder Besserwisser“. Aber nicht nur die Füchse gilt es, in Schutz zu nehmen, sondern auch die Faultiere und andere Formen des Lebens, die, von oben herab betrachtet, als trivial oder klischeehaft erscheinen mögen. Wenn wir für eine Moral, eine Ethik, eine Konzeption der Gerechtigkeit keinen triftigeren Grund haben als unsere Überzeugungen, nachdem wir sie vom metaphysischen „Ballast“ befreit haben, sollten wir immerhin aufhören, so zu tun, als wären wir höchstpersönlich der liebe Gott.

Wir bewegen uns dann eben bloß auf dem Niveau von bedürftigen, endlichen Wesen, die sich, bedroht von vielerlei Unglück, im Leben möglichst wohl befinden möchten. Falls dabei kein Schaden angerichtet wird, findet sich auch kein darüber hinausgehender, kein „objektiver“ Wert mehr, der plausibel machen könnte, warum eine Gesellschaft die Existenz des Faulpelzes oder des Sammlers von Zündholzschachteln geringer achten sollte als jene des Ronald Dworkin, der – nach Goethes Wort – „immer strebend sich bemüht“.


Der eigenen Natur Genüge tun

Außerdem macht es einen Unterschied, ob wir unser Leben als ein nach vorn hin offenes betrachten, oder ob wir uns von seinem Ende her fragen: „Ist es, alles in allem, gut genug gewesen?“ Blicken wir nach vorn, ließe sich argumentieren, dass es unsere Pflicht sei, uns an der „Gerechtigkeit für Igel“ zu orientieren. Doch manche von uns sind eher „Füchse“ als „Igel“, die rückblickend erkennen, dass sie ihrer Natur Genüge tun mussten. Sollten wir, eingedenk der uns unterlaufenen Fehler, die hoffentlich entschuldbar sind, dann nicht trotzdem sagen dürfen, unser Leben sei, obwohl keineswegs vollkommen gut, trotzdem „gut genug“ gewesen? Wer, außer einem gnadenlosen Moralisten, wollte hier den ersten Stein werfen?

Es gibt indes ein untrügliches Indiz dafür, dass ein Ethiker, der nichts gelten lässt außer weltlicher Erfahrung und Vernunft, bei seiner „großen Sache“ dennoch von einer uneingestandenen Sehnsucht beherrscht wird – der ihrem Wesen nach religiösen Sehnsucht nach dem Absoluten. Dieses Indiz ist der Existenzkitsch. Auch dafür liefert Dworkin ein glänzendes Beispiel. Am Ende seines Buches schreibt er: „Ohne Würde währt unser Leben nur einen Augenblick, aber wenn es uns gelingt, ein gutes und gelungenes Leben zu führen, können wir damit etwas Größeres schaffen. Wir fügen unserer Sterblichkeit gewissermaßen einen Verweis hinzu und machen unsere Leben zu einem winzigen Diamanten im Sand des Kosmos.“

Hätte ich jemals das Gefühl, mein Leben zu einem winzigen Diamanten im Sand des Kosmos zu machen, dann ginge ich zum Psychiater. Denn mich befiele der grausige Verdacht, eine Figur aus dem Romanwerk der Rosamunde Pilcher zu sein. ■



Ronald Dworkin
Gerechtigkeit für Igel

Aus dem Amerikanischen von Robin Celikates und Eva Engels. 814S., geb., €49,40 (Suhrkamp Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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1 Kommentare

Danke, dass ich es mir ersparen kann, mühselig 800 Seiten durchzuackern!

Die kategorische Einteilung der Menschen in Igel (= gut) und Füchse (= ziemlich daneben) ist in der Tat vereinfachend und anmaßend und erinnert fatal an andere antike moralisierende Fabeln, z.B. diejenige von der leichtfertigen, lebenslustigen Grille und der gewissenhaften, sparsamen Ameise, die im Winter von ihren Vorräten zehrt und die hungrige Grille selbstgerecht ihrem Elend überlässt.

Da stell ich innerlich die Stacheln auf und ruf - gemeinsam mit Peter Strasser - dem Moralisten Dworkin zu:
Gerechtigkeit für Füchse und alle anderen Tiere, die ihren individuellen Weg finden, ein ihnen gemäßes und gelungenes Leben zu führen!


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