Woher kommt nur mein Gefühl, dass in dem Haus, obwohl es unverändert ist, fast alles fehlt.“ Im Angesicht der Leere beginnt die Goldgräberarbeit des Erzählens, die Mechanik der Erinnerungsarbeit setzt sich in Gang, wie geölt, könnte man im Falle von António Lobo Antunes Roman „Der Archipel der Schlaflosigkeit“ sagen. Im „Dritten Buch der Chroniken“ (deutsch 2010), einer Sammlung von Zeitungskolumnen, verglich der Autor seine besessene Schreibarbeit mit der eines Mechanikers „im Durcheinander einer Werkbank voller Absatzdrähte, mit zufälligen Adjektivschrauben auf dem Boden, ganzen Kapiteln im Mülleimer, und da kriecht der Kerl unter dem Roman hervor wie ein Mechaniker unter einem Wagen mit offenem Motor, die Taschen voller Schraubenschlüsselkulis, vollgeschmiert mit dem Öl der noch zu richtenden Absätze und dem Ruß der nicht ausreichend gereinigten Erlebnispleuelstangen. So viel Mühe wegen eines Kommas, eines Verbs.“ Schreiben ist für den großen europäischen Autor eine Frage von Handwerk und Methode. „Und wenn es mir gelingt, dass dies funktioniert, wenn es mir gelingt, dass tatsächlich funktioniert, werden Sie im Nu so weit weg sein, dass Sie selber nicht mehr zu sehen sind.“
Der neue Roman ist ein Erzählen gegen das große „Abbruchunternehmen der Zeit“, ein verlorener Kampf gegen die Verluste, die einem das Gedächtnis beschert, und für das Finden richtiger Worte. „Wir sind Leute in Bilderrahmen“ an diesem „Ort der Verstorbenen, durch dessen Straßen ich an meinen Vater geklammert trabte, verschreckt, fern von uns alles, was wir erlebt haben, wer wir waren, was wir einmal gern gehabt oder getan hätten, die Leute sprechen durch eine Glasscheibe zu uns, und was sie sagen, ist gleichgültig, denn selbst wenn wir es verstünden, ist es nicht an uns gerichtet, sondern an das, was wir aufhören zu sein.“
Trafaria heißt/hieß das Landgut am Tejo mit Blick auf das ferne Lissabon, „Büsche Dünen Stille, was vom Anleger übrig war, erahnte man eher an den Spiegelungen im Wasser, als dass man es sah.“ „Archipel der Schlaflosigkeit“ ist ein überaus treffender Titel für diesen in Ungewissheiten und Bruchstücken wuchernden Text, der seinem Erzähler erlaubt, in Stimmen zu sprechen, und sein Bewusstsein driften zu lassen wie in einem Fiebertraum. Bis zum Schluss fehlt dem Leser jegliche konventionelle Beglaubigung durch den Erzähler, dass das Erzählte sich auch tatsächlich so und nicht anders zugetragen hat. Möglicherweise sind sie ja nur der lebhaften Imagination eines trauernden Hinterbliebenen geschuldet, „aber das werden Erinnerungen oder Vorkommnisse sein, die ich erfinde, nichts als Vorkommnisse, die ich erfinde“.
Mit realistisch erzählten Geschichten, rund entwickelten Figuren oder einer überschaubar konstruierten Handlung hat Lobo Antunes wenig im Sinn: Seine Texte sind Konglomerate aus Emotionen, Satzfetzen, Zitaten, mäandernden Gedankengängen, einem ständigen Wuchern des Bewusstseinsstroms seines Erzählers, verbunden mit einer Portion Sprachskepsis; macht die Lektüre schwer, besonders, da der Autor auch auf die gewohnte Interpunktion verzichtet. „Ich versuche zu euch zu sprechen, und wegen Tausender von Sachen in mir verweigern sich die Worte.“ Ein Schreiben, das den mehr als aktiven Leser braucht, ja am besten den laut lesenden Leser und seine Stimme, um dem Text Körper zu geben.
Überlebensgroße Patriarchenfigur
So ist der Plot des Romans auch kaum nacherzählbar. Im Zentrum steht der Großvater, der zusammen mit seinem Verwalter das Gut einst erfolgreich aufbaute und mit harschem Befehlston über Land und Familie regiert. Ein schwacher Vater und eine schweigende Mutter haben ihm nichts entgegenzusetzen, und seine Enkel können sich nur durch innere (der Bruder) und äußere Fluchten (der Erzähler) entziehen. Der Bruder bleibt stumm, trägt autistische Züge und wird lange in einem Spital verwahrt.
Das Leben in den 50er- und 60er-Jahren ist hart auf dem Land. „Kalkschweigen, kein Argumentieren, kein Bitten, niemand weiß, was sie unter den Trauerumschlagtüchern denken, während sie dieselben Disteln knabbern wie die Schafe.“ Morde werden angedeutet, Mordfantasien ausgemalt, politische Umtriebe und Kämpfe um das Landgut, wohl zu Zeit der Nelkenrevolution, werden aufgerufen, um dann wieder in die Tiefen des Gedächtnisstromes abzudriften. Tiere werden leitmotivisch durch den Text aufgerufen, der Maulesel des Großvaters erscheint sinnbildlich für die gnadenlose Ausbeutung von Land und Kreatur.
Der Großvater ist eine überlebensgroße Patriarchenfigur, den eine Aura der Angst umgibt: „Was Gott bis heute getan hat, mache in Zukunft ich, denn ich bin hier auf dieser Welt und ich bin jünger.“ „Idiot“ ist sein Lieblingskommentar, den er seinem Sohn und seinen Enkeln bei jeder Gelegenheit zukommen lässt. Die Großmutter sitzt derweilen im Erinnerungstableau des Erzählers auf einem Stuhl „und zog Tage vom Leben ab.“ Immer wieder werden sexuelle Übergriffe auf die Frauen am Hof angedeutet, Frauen werden meist unterdrückt, nicht zu Kenntnis genommen oder in hochfahrenden Fantasien geliebt. „Nichtmenschen“ hätten eine „Nichtmutter“, heißt es einmal. Doch am verheerendsten ist der Verdacht des Erzählers, dass der eigene Vater womöglich nicht der leibliche Vater ist.
Nach und nach entsteht so das Sittenbild einer vormodernen Männerwelt in einem vordemokratischen Agrarstaat. Der frühere Reichtum des Gutes existiert zum Zeitpunkt des Erzählens nur noch in den Erinnerungen des Erzählers, das Gut ist herabgewirtschaftet, aufgelassen: Der Zerfall der Salazar-Diktatur wird mit dem der Familie parallel gesetzt, von den folgenden Jahren der Demokratie erfährt man nichts mehr.
António Lobo Antunes treibt seinen unvergleichlichen Stil im „Archipel der Schlaflosigkeit“ auf eine weitere Spitze. Es scheint, als ob er konsequent unklar machen müsste, um homerisch blind im Trüben fischend Wahrheiten sichtbar zu machen, und sein paradoxes Unterfangen gelingt ihm einmal mehr überzeugend. Anfang September feierte der langjährige Nobelpreiskandidat nach einer überstandenen Krebserkrankung seinen 70. Geburtstag: Dem Mechaniker im Nachhinein alles Gute und uns Lesern noch viele solche Fahrerlebnisse! ■
António Lobo Antunes
Der Archipel der Schlaflosigkeit
Roman. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minneman. 320S., geb., €23,70 (Luchterhand Literaturverlag, München)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)















