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„Ich sah“

26.10.2012 | 18:44 |  Von Rainer Moritz (Die Presse)

In seinem „Atlas eines ängst- lichen Mannes“ begleiten wir Christoph Ransmayr auf die Osterinsel, in die russische Arktis, nach Neuseeland, Tibet, Irland, Griechenland, Laos. Das Vertraute als plötzlich Fremdes oder: Der Wildnis Heimat abgewinnen.

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Wäre Christoph Ransmayr nicht schon seit je auf Reisen gewesen, könnte man denken, dass da ein Autor neuerdings von so vielen seiner Kollegen beschrittene Pfade betrete und sich mit gesammelten Reiseerlebnissen hervortun wolle. Wo im deutschsprachigen Raum derzeit ein Übermaß an Nabelschauprosa und Generationensagas auf den Buchmarkt drängt, ergreifen Schriftsteller gern die Flucht, um ihren Texten exotisches Flair einzuhauchen – und sei es nur dadurch, dass sie ihre kuriosesten ICE- und Hotelabenteuer auf Lesereisen zu Papier bringen. Christoph Ransmayr hat mit solchen Zeitgeisteinflüsterungen nichts im Sinn; sein Werk – von seinem Debüt „Das Schrecken des Eises und der Finsternis“ bis zu „Der fliegende Berg“ – ist getragen von der Sehnsucht, sich in entlegene, vermeintlich unberührte Erdregionen aufzumachen und das Unmögliche, den „weißen Fleck“ aller Weltverkartungen, zu entdecken.

Auch in sprachlicher und stilistischer Hinsicht betrat Ransmayr wieder und wieder Neuland, fest entschlossen, das Unerhörte und Ungesehene formal adäquat wiederzugeben. Sein „Atlas eines ängstlichen Mannes“ enthält 70, oft nicht mehr als vier bis fünf Seiten umfassende Begehungen von Orten, die der Reisende Ransmayr in den letzten Jahrzehnten, bis auf eine Ausnahme, allesamt aufgesucht hat. Wir begleiten ihn auf die Osterinsel, in die russische Arktis, nach Neuseeland, Tibet, Irland, Griechenland und Laos. Und als gälte es, diese Erfahrungen des manchmal ganz Fremden zu erden, unterbricht Ransmayr sein Reisebuch immer wieder, um in seine oberösterreichische Heimat zurückzukehren und das scheinbar ganz Vertraute als plötzlich Fremdes zu zeigen.

Alle 70 Texte setzen mit der Beschwörungsformel „Ich sah“ ein, die das Prinzip dieser Weltwahrnehmung von Anfang an offenlegt. Mit den Augen will dieser Aufmerksamkeitskünstler das einfangen, was ihm begegnet. Beharrlich rückt er seinen ersten optischen Eindrücken nahe – einmal einem Wall aus Sandsäcken, einmal sieben Brautpaaren auf dem Roten Platz in Moskau, ein andermal einer Henkersschlinge an der Grenze zwischen Thailand und Malaysia. Das Gesehene ist der Auslöser; es schlägt die Brücke zu den Menschen, die dem dezent neugierigen Reisenden die Geschichte dieser oft rätselhaften Objekte erzählen.

Um Ransmayrs Herangehensweise besser zu verstehen, lohnt es, einen Blick auf ein Buch zu werfen, das sein fast gleichaltriger Kollege Roger Willemsen vor zwei Jahren veröffentlicht hat. „Die Enden der Welt“ hieß es und zeigte einen kaum weniger reisehungrigen Autor, der sich selbst in alle Herren Länder ausschickte. Wo Willemsen jedoch häufig seine Befindlichkeiten ins Spiel bringt, das Unvertraute mit hohem metaphorischen Aufwand zähmen will und einen Eunuchen schon einmal als „listiges Frettchen mit dem Teint eines Pastrami-Brötchens“ beschreibt, reduziert Ransmayr in seinem Buch allen rhetorischen Aufwand und lässt eine mitunter fast unterkühlte Schlichtheit walten. Dieser Kunstgriff erlaubt es, die so reichhaltigen Momente des Staunenswerten klar auszuleuchten; sie sprechen für sich selbst und verlieren nichts von ihrer latenten Bedrohlichkeit.

An einschneidenden Begegnungen des Schreckens mangelt es in diesem „Atlas“ nicht. Ob sich Ransmayr zu Fuß durch einsame Regionen schleppt, ob er als „Strandwanderer“ auf einen Vogelwart und dessen Albatrosse trifft, oder ob er im überdimensionierten Cadillac die Fernstraßen abfährt – Gefahr und Tod sind selten fern. Und weil dieser Reisende, ohne je ins Moralisierende zu verfallen, einen scharfen Blick für die Ungerechtigkeit und das Elend in vielen der von ihm besuchten Landstriche hat, nimmt er Anteil am Leben derjenigen, die bei einer Erdbeben- oder einer Flutkatastrophe nicht nur ihr Hab und Gut verlieren. In kleinen Dosen sollte man diese intensiven Texte aufnehmen, allein, um den Kopf nicht mit suggestiven Bildern zu überfrachten. Davon nämlich gibt es hier wahrlich genug: der Lehrer im tschechischen Trebic, der die Mauer des jüdischen Friedhofs eigenhändig wieder aufrichtet, die Anakonda, die sich über eine brasilianische Landstraße wälzt und von einem Lastwagenfahrer absichtlich überrollt wird, der Golfspieler, der sich nicht davon abbringen lässt, vom Nordpol aus 18 Golfbälle in alle Himmelsrichtungen zu schlagen, nicht zuletzt die Schüsse aus einem bolivianischen Jagdflugzeug, die Ransmayrs Leben um ein Haar beendet hätten.

Wer heute eine Reise tut, weiß darum, dass er fast nie ein unberührtes Ziel erreicht, dass andere vor ihm dieses Ziel beschrieben haben. So kommt Ransmayr, als er auf die Isla Robinsón Crusoe kommt, nicht umhin, sich auf den schottischen Seefahrer Alexander Selkirk und auf Daniel Defoes Roman zu beziehen, und wenn er auf der Südseeinsel Pitcairn an Land geht, trägt er natürlich die Geschichte der Meuterer von der „Bounty“ im Handgepäck.

1983 hatte Ransmayr mit „Das Schrecken des Eises und der Finsternis“ einen Roman über das Franz-Josef-Land im Nordpolarmeer geschrieben, ohne damals je einen Fuß in diese Weltgegend gesetzt zu haben. Knapp 20 Jahre später holt er das nach und macht Erfahrungen, die seiner Fantasie einst unzugänglich waren. Wie wohl ein Roman über das Franz-Josef-Land aussähe, wenn er ihn heute schriebe?

Ransmayr ist ein unaufgeregter Reisender, der ernst nimmt, was er sieht, und sich selbst zum Glück nicht zu ernst nimmt. Umso berührender lesen sich dann jene wenigen Passagen, die ihm eine Rast in Oberösterreich gewähren. Ohne Imponiergehabe breitet Ransmayr das Land seiner Kindheit aus, erinnert sich an ein Mädchen, das später seine Lebensgefährtin werden wird, oder an seine Mutter, an deren Weißwäschetag in Roitham, wo Ransmayr aufwuchs: „Ich war damals noch unsterblich, unsterblich auch meine Mutter, und der Tod etwas, das grundsätzlich andere Menschen betraf.“

Reisen ist nicht nur die Suche nach Neuem; Reisen ist die Suche nach dem Verlorenen. Im brasilianischen Urwald trifft Ransmayr auf einen aus Deutschland stammenden Rancher, der davon schwärmt, „der Wildnis, der äußeren wie jener, die man in sich selber trug, etwas Neues, vielleicht sogar etwas wie eine Heimat abzugewinnen“. Der nicht sesshaft werdende Reisende kann diesen Weg nicht einschlagen, doch im letzten, in Nepal spielenden Kapitel, scheint es so, als würde auch dieser, für einen Moment lang zumindest, zur Ruhe kommen. Auch davon erzählt dieses stille und schöne Buch. ■




Christoph Ransmayr
Atlas eines ängstlichen Mannes
Roman. 464 S., geb., €25,70
(S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)

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