Krieg dem Rat, Friede den Regionen

09.11.2012 | 18:36 |  Von Peter Strasser (Die Presse)

Entweder geht das Europa der Nationalstaaten unter oder das Projekt ihrer Überwindung. Allenthalben Untergang. Robert Menasses Alternative: ein Europa der Regionen. „Der Europäische Landbote“ – eine Utopie.

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Robert Menasses Großessay über die Europäische Union betitelt sich „Der Europäische Landbote“. Heute können nur noch historisch Gebildete nachvollziehen, wovon hier eigentlich die Rede ist. „Europäischer Landbote“ ist eine Anspielung auf den „Hessischen Landboten“. Dabei handelte es sich um ein achtseitiges Pamphlet gegen die sozialen Missstände im damaligen Großherzogtum Hessen. Die kleine Kampfschrift wurde 1834 von Georg Büchner verfasst und vom revolutionär gesinnten Theologen Friedrich Ludwig Weidig redaktionell überarbeitet. In ihr findet sich der berühmte Satz: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“

Derartiges ließ sich die Obrigkeit nicht gefallen. Büchner wurde steckbrieflich verfolgt, konnte jedoch fliehen. Weidig wurde verhaftet und gefoltert. 1837 starb er, angeblich durch Selbstmord, tatsächlich unter ungeklärten Umständen. Als Bürger der EU darf Menasse hoffen, dass sein rund 100Seiten umfassender „Landbote“ mit Wohlwollen aufgenommen wird. Politische Repressalien hat er keine zu befürchten. Warum also das Spiel mit einer revolutionären Gesinnung, die nicht die seine ist und, mangels fehlender Drohstaatlichkeit, auch gar nicht sein kann? Die Antwort lautet, mit Menasses eigenen Worten: „Entweder geht das Europa der Nationalstaaten unter, oder es geht das Projekt der Überwindung der Nationalstaaten unter. So oder so, die EU ist ,unser‘ Untergang.“

Das klingt schon recht revolutionär. Entweder oder. Und es wird auf alle Fälle ein Untergang sein. Aber Menasse ist alles andere als ein Revolutionär. Er ist ein demokratischer Utopist – wenn's so etwas gibt–, der seinen politischen Schwung aus einer zwar vereinfachenden, aber ohne Weiteres nachvollziehbaren Analyse des, laut Menasse, zentralen Konstruktionsfehlers der EU bezieht. Dieser bestehe darin, dass akkurat das EU-Machtvehikel des Europäischen Rates, verkörpert durch die Regierungschefs der 27 Mitgliedstaaten, immer wieder europäische Gemeinwohlpolitik durch nationalstaatliche Egozentrik und nationalistisches Kalkül ersetze, blockiere und vereitle.

Für Menasse hängt am mittelfristigen Einflussverlust des Rates buchstäblich das Schicksal Europas als einer Währungs-, Wirtschafts-, Finanz- und Sozialunion. Denn der wahrhaft europäische Geist finde sich einerseits im Europäischen Parlament – dessen Vertreter bei direkten Wahlen alle fünf Jahre neu bestimmt werden –, andererseits in der Europäischen Kommission, welche schon durch ihre Zielvorgabe, „Hüterin der Verträge“ und Exekutivorgan zu sein, gesamteuropäisch denke und handle.

Und es ist die Kommission, die Menasse besonders am Herzen liegt. Denn sie verkörpert, wie er meint, im Grunde ein heilsames Paradox. Als Institution repräsentiere sie die viel geschmähte „Eurokratie“, einen Beamtenkomplex, der zwar über keine direkte demokratische Legitimation verfüge, sich dafür aber im Großen und Ganzen bemühe, dem Unionsgeist Europas praktisch gerecht zu werden. Menasses Lob für die EU-Beamten, die er im Zuge eines mehrmonatigen Brüssel-Aufenthalts kennen gelernt hat, fällt überschwänglich aus: „Sie sind oftmals in ihrer Praxis, ihrer Arbeit, ihrem Lebensentwurf schon das, was doch zweifellos attraktiv wäre zu werden, nämlich echte Europäer: polyglott, hoch qualifiziert, aufgeklärt, verwurzelt in der Kultur ihrer Herkunft, allerdings befreit von der Irrationalität einer sogenannten nationalen Identität.“

Letztere ist für Menasse das Übel schlechthin. Denn: Da die nationale Identität ein Begriffs- und Gefühlsnebel sei, eigne sie sich besonders gut für nationalistische Politiken, die mit Wählerängsten spielen und dabei aggressive Ab- und Ausgrenzungsgelüste freisetzen. Demnach wird es, laut Menasse, nur dann gelingen, jenen Untergang der EU zu vermeiden, der in der schrittweisen Aushöhlung oder im Zusammenbruch bestünde, wenn die Nationen „untergehen“. Aber, fragt sich der um Verständnis bemühte Leser, was dann?

Menasses Antwort setzt auf das organisch gewachsene Phänomen der „Region“ im Sinne eines soziokulturellen Raumes, dessen Mitglieder einander mentalitätsmäßig nahestehen. „Die demokratische Revolutionierung Europas: Die Regionen, die bekanntlich in den meisten Fällen nicht an den ohnehin schon verschwundenen nationalen Grenzen haltmachen, wählen ihre Abgeordneten ins (europäische) Parlament. Das Parlament wählt die Kommissare und den Kommissionspräsidenten. Die Kommission, die einzig (!) wirklich europäische Institution, entwickelt die Gesetzesvorlagen und Richtlinien, über die das Parlament dann abstimmt.“

Leider bleibt uns Menasse jede einigermaßen greifbare Auskunft schuldig, wodurch – im Unterschied zur Nation – eine Region als „nachnationale“ Einheit bestimmbar wäre, und vor allem: wie sich ein „Europa der Regionen“ politisch konstituieren könnte. Und er bleibt uns diese Auskunft aus gutem Grund schuldig. Denn, so bekennt er am Ende seines Essays: „Ich weißnicht, wie das absolut Neue, eine nachnationale Demokratie, aussehen wird.“

Menasses Essay enthält scharfsinnige, brillant geschriebene Passagen über die Schwächen des Europäischen Rates, namentlich am Beispiel der Kabinettspoli-
tik von Merkel und Sarkozy. Er enthält ein Lob des Beamtentums, das streckenweise einem Positivklischee nahekommt – was mich, einen der letzten „Pragmatisierten“, mit wehmütiger Genugtuung erfüllt. Und dann gibt es bei Menasse den revolutionären Part: Ihm würde man eine Überarbeitung durch jene EU-Beamten wünschen, deren Pragmatismus im „Europäischen Landboten“ herzlich begrüßt wird. ■




Robert Menasse
Der Europäische Landbote

Die Wut der Bürger und der Friede Europas. 112S., geb., €12,90 (Zsolnay Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2012)

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16 Kommentare

Menasse und Büchner

Über den Titel seines Essays "Europäischer Landbote" bezeugt Menasse seine Sympathie für Georg Büchner.Sie sind verwandte Charaktere. Über Büchner hat Martin Mosebach anläßlich der Verleihung des Büchnerpreises eine bemerkenswerte Charkterbeschreibung geliefert(www.deutscheakademie.de/druckversionen/Mosebach.pdf)
Büchner war ein Früh-Kommunist, er haßte das liberale Bürgertum. An der Freiheit interessierte ihn nur die Revolution, der Umsturz, der Aufstand der Massen, die Katstrophe. Büchner scätzte Robespierre, den Schlächter und Tugendterroristen, höher ein als seinenTitelhelden in "Dantons Tod".Die Sympathie Menasses für Büchner hängt wohl mit der Hochschätzung von Revolution, Terror, Gewalt und Anarchie zusammen. Unvergessen ist Menasses "Plädoyer für die Gewalt" in seinen Frankfurter Vorlesungen (2005/6). Die Terroristen vom 11. Sept. 2001 (USA) sind für ihn begrüßenwerte "Ideale für individuelle Entfaltung". Analog mit Büchner ist jetzt sein Eintreten für eine Regierung der Vereinigten Staaten von Europa vom Wunsch getragen nach einer "Despotie des Friedens wider den Krieg". Menasse gehört zu den antibürgerlichen Verwirrern, die in Europa mehr und mehr an Boden gewinnen.Mit dem Ausspielen von Regionen gegen die Nationalstaaten verfolgt Menasse deren Strategie der Destruktion, getreu ihrem Motto "ordo ab chao".

Re: Menasse und Büchner

Mosebach ist ein reaktionärer Schwadronierer, der Leuten wie Ihnen Dinge sagt, die sie gerne hören wollen...

zum Glück interessiert das keinen...

Ihr Christentum wird krepieren, soll krepieren, ist schon krepiert..

Jesus war ein Bastard und Maria eine Gürtelschlampe.

Wow

Pol Pot revisited?

Weidig...

kann nicht 1937 gestorben sein... sondern nur 1837.

Re: Weidig...

Ja, das ist natürlich ein Tippfehler. Danke für den Hinweis. - Warum ist es eigentlich so schwer, auf Menasse und mich sachlich zu reagieren?
LG, ps

Re: Re: Weidig...

Menasse zählt nicht zu meinen Lieblingen, auch wenn ich seine Position in Sachen Europa unterstütze.

Ihre Beiträge hingegen schätze ich sehr. Meine etwas überzogenen Ausfälle waren nur gegen den User Collector gerichtet, der einen Videoclip verlinkt hat, in dem sich genannte Leute tummeln, die mir nicht geheuer sind.

Über ein paar weitere satirische Seitenblicke auf die Pop-Philosophie ala Sloterdijk und Zizek, würde ich mich übrigens sehr freuen. Ihr Artikel zu diesem Thema war sehr unterhaltsam und sucht im deutschsprachigen Feuilleton, vor allem was die nötig gewordene Distanz zu diesen Gestalten betrifft, seinesgleichen. Vielleicht eine nette kleine "Besprechung" zum neuesten Geblubber "Zeilen und Tage"? Die Lobeshymnen in jedem Blatt lassen sich als Untergang der Lektürekompetenz lesen. Übelster Lebenshilferatgeber im Metaphernkleid wird zum "Werk" hochstilisiert.

LG
schimpo

Re: Re: Re: Weidig...

„Hätte der Neoliberalismus Titten aus Zement, er sähe aus wie Heidi Klum.“
DAS ist ein Satz aus "Zeilen und Tage". Er blieb stehen, als Apophthegma, nachdem der Autor, wie er schreibt, alles Peinliche aus seinen Notizen tilgte. Und ich soll DAS besprechen? Wie?? LG, Ihr sprachloser ps

Re: Re: Re: Re: Weidig...

Ich habe nicht gemeint, dass Sie das Buch "besprechen" sollen. Ich habe eher an ver- oder zerreißen gedacht... wenn man das aber schon so anspricht, dann wirkt das zu plump oder böswillig.

Was Sie da schreiben ist natürlich ganz meine Meinung. Aber aus irgendeinem Grund schaffe ich es nicht, von dem medialen Hype unberührt zu bleiben. Ich muss, schon fast als Selbstgeißelung, immer wieder die Bücher dieses Mannes ansehen und das ist regelmäßig von schweren Bauchschmerzen und Krämpfen begleitet - ich scherze nicht. Vielleicht bin ich schon zu sehr von irgendeinem Medienwahn gefangen (auch wenn ich derartige Kulturkritik immer für überzogen halte). Vielleicht ist es ein sinnloses Vertrauen in das gedruckte Wort oder vielleicht will man dem breiten Erfolg solcher "Cahiers" doch noch eine Rechtmäßigkeit zuschreiben. Kann es nicht sein, dass man nur ein Nörgler ist? Wenn ich Autoren wie Bolz, Baecker, Sloterdijk, Precht oder Safranski ansehe, dann weiß ich sogleich, dass es da eigentlich nichts zu sagen gibt. Und dabei geht es dann schon so weit, dass ich vielleicht sogar "seriöse" Literatur auf Nennungen dieser Autoren in den Bibliographien, Zitaten und Literaturangaben durchsuche, um bei einer "erfolgreichen" Entdeckung nahezu erschreckt zu sein und den Textautor ohne weiter Prüfung gleich mit zu verwerfen. Es kann doch nicht sein, dass das absolute Fehlen an Seriosität bei diesen Autoren von niemandem gesehen wird.

Dabei sind diese Autoren ja auch schon in den Instituten!

Re: Re: Re: Re: Re: Weidig...

Haben Sie's schon mit denen versucht, die unser Zeitalter einfach ablehnen? Botho Strauß: "Der Aufenthalt" (streckenweise sehr schön zu lesen). Oder, horribile dictu, Nicolás Gómez Dávila: "Scholien zu einem inbegriffenen Text" und die späteren Schriften (z.B. "Auf verlorenem Posten"). Man fühlt sich von dem Geschwätz, das uns erstickt, gereinigt. Und das macht milde, jedenfalls mich - aber nicht immer :-) LG, ps

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Weidig...

Botho Strauß ist mir natürlich bekannt. Ehrlich gesagt finde ich, nachdem ich vor Jahren "Paare, Passanten" und ein paar Stücke gelesen habe, diesen Autor, nach anfänglicher Begeisterung etwas zu prätentiös. Nicolas Gomez Davila ist mir, wie ich zugeben muss, noch nicht bekannt. Das werde ich nachholen.
Was Philosophie betrifft, bin ich, nach einer längeren (zu langen) Beschäftigung mit Phänomenologie, Hermeneutik und neuerer französischer Philosophie nicht mehr sehr gut auf kontinentale Strömungen des 20. Jahrhunderts zu sprechen. Das müsste dann schon sehr abgelegen sein. Ich versuche mich nurnoch in historischen Texten zu vergraben, weil ich mich überall von Semiotikern, Postpoststrukturalisten und CulturalStudies-Medienwissenschaftlern verfolgt sehe. Wenn ich dann einen Blick nach draußen wage, wird diese Angst meist bestätigt. Wahrscheinlich sagen mir historische Texte aber auch nur zu, weil ich mir einrede, dazumal sei noch Qualität produziert worden. Das ist aber wohl auch nur eine Projektion jeweils späterer Zeiten, die für die immer schon vergangenen Dinge weniger Verständnis aufbringen und diese Verständnislosigkeit mit einem Bedeutungsüberschuss fehldeuten.

Regionen sind kein Ersatz für ein Europa der Vaterländer!

Regionen sind kein Ersatz für ein Europa der Vaterländer!

Empfehlenswert zum Thema war die Veranstaltung der Johannes Messner-Gesellschaft am 19. Okt. im Curhaus am Stephansplatz. Dort wurde Tacheles geredet!
http://de.gloria.tv/?media=348554

Re: Regionen sind kein Ersatz für ein Europa der Vaterländer!

Romig, Barky und Erwin Bader... drei Personen, die Homophobie, Xenophobie und Hass verbreiten wollen. Das sind Personen, die sich mit dem Banner des "Weltethos" über die Schwächsten hermachen wollen. Bader ist einer, der mit NPDlern zusammenarbeitet und damit explizit Nazitum unterstützt. Über Romig braucht man garnicht erst zu sprechen.

Re: Re: Regionen sind kein Ersatz für ein Europa der Vaterländer!

RA Dr. Barki (nicht Baky) tritt für Minderheiten ein, ist also sicher nicht xenophob. Bader engagiertie sich in der sozialistischen Jugend bzw. im VStÖ, nicht in der NDP. Univ. Dozent Dr Romig gilt als Vertreter der katholischen Soziallehre und habilitierte sich mit einer Arbeit über "Kooperation". Kooperation ist kaum mit "Haß" in Verbindung zu bringen. eher mit Geimeinsinn und bonum commune.

Re: Re: Re: Regionen sind kein Ersatz für ein Europa der Vaterländer!

Barky (oder wie auch immer diese Frau heißt) ist eine ungarische Faschistin, die sich als Menschenfreundin ausgibt (es kommt ihr eben auf die "Volkszugehörigkeit" der betreffenden Menschen an).

Bader gibt sich mit NPDlen ab (welcher Partei oder Bewegung er selbst angehört ist dabei egal, allerdings wirft er damit auch kein gutes Licht auf die Vereine, denen er angehört)

und Romig ist eine christliche Verbindungsstelle zum Rechtsradikalismus...

jede dieser Zuschreibungen würde wahrscheinlich sogar von den betreffenden Personen bestätigt werden..

Kein Vaterland, kein österreichisches Vaterland und kein christliches Abendland...

Europa ist älter als das Christentum und es wird das Christentum zum Glück noch überleben.

Für ein Europa der Vaterländer!


Re: Für ein Europa der Vaterländer!

Das Vaterland ist abgebrannt.

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