Phönix in Asche

09.11.2012 | 18:37 |  Von Oliver vom Hove (Die Presse)

Zu Lebzeiten eine Zelebrität, heute ist sein Ruhm verblichen. Sein Werk: brüchig und zerrissen zwischen Könnerschaft und Bemühtheit. Zum 150. Geburtstag von Gerhart Hauptmann: eine erschöpfende Biografie.

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En halbes Jahrhundert lang, bis zu seinem Tod 1946, galt Gerhart Hauptmann als der bedeutendste Schriftsteller Deutschlands. Dann wurde sein Ruhm bleich und bleicher. Heute ist dieser Nimbus, bis auf einige nach wie vor theaterwirksame Bühnenstücke, weitgehend verblasst.

Was war er doch zu Lebzeiten für eine Zelebrität! Ungeachtet seiner nie versiegenden Produktivität wurde er in der Weimarer Republik als leibhaftiger Klassiker unter seinen Zeitgenossen herumgereicht. Als Lob- und Dankesredner war er viel begehrt, mit Ehrungen hat man ihn (auch in Wien) überhäuft. Hohe und höchste Ämter wurden ihm angetragen, nach Friedrich Eberts Tod 1925 sogar das des deutschen Reichspräsidenten, was er dankend abgelehnt hat – verhängnisvoller als Hindenburg, der Hitler den Weg zum Reichskanzler bahnte, hätte er es auch nicht ausfüllen können. Und das, obwohl Hauptmann, wie sich im Alter drastisch zeigte, nach 1933 politisch ein höchst unsicherer Kantonist wurde.

Sein voluminöses, schier unerschöpfliches Werk ist brüchig und zerrissen zwischen genialer Könnerschaft und erschreckend dilettierender Bemühtheit, zwischen naturwüchsiger Gestaltungskraft und poröser Künstlichkeit. Vor allem aber ist es schroff zwischen dem zupackend naturalistischen Frühwerk und einem oft eigentümlich versponnenen, mystischen Alterswerk geteilt. Ausnahmen bekräftigen hier nur die Richtungslinien.

In seinen Anfängen war der schlesische Hoteliersohn jedenfalls ein fundamentaler Neuerer. Er führte, auf den Spuren von Büchner und Lenz, die soziale Anklage in das deutsche Drama ein. Mit „Vor Sonnenaufgang“, dem schonungslosen Abbild einer zerrütteten oberschlesischen Familie, erzielte der 27-Jährige 1889 unter Tumulten in Berlin den Durchbruch. Es folgten rasch aufeinander die ernüchternden gesellschaftlichen Milieustudien „Das Friedenfest“ und „Einsame Menschen“, bevor er mit „Die Weber“ das Unrecht der Ausbeutung schlesischer Arbeiterschichten an den Webstühlen vor das Tribunal eines vorsätzlich ahnungslosen hauptstädtischen Publikums zerrte.

Der Aufruhr war enorm. Der frisch gekrönte Hohenzollern-Kaiser Wilhelm II. kündigte umgehend die Hofloge des Deutschen Theaters. Karl Kraus indes jubelte in Wien, wie viele anderswo, über ein „in dramatische Form gebrachtes Stück Leben“. Darin trete uns „das Leben entgegen, wie es ist, Menschen, wie sie sind, Seelenzustände, wie sie Menschen haben“. Auch mit seinen gelungensten weiteren Stücken, wie der Diebskomödie „Der Biberpelz“, der Kindsmordtragödie „Rose Bernd“, später vor allem mit der visionären Berliner Tragikomödie „Die Ratten“ stürmte der Dramatiker mitten in die wilhelminische Wirklichkeit vor dem Ersten Weltkrieg und entlarvte kraftvoll ihre aufgedonnerten Verlogenheiten.

Weltgeltung bescherte Hauptmann 1912 der Nobelpreis. Indes war der Ausgezeichnete das Gegenteil eines kosmopolitischen oder gar intellektuellen Autors – er war bodenständig, intuitiv, mythenverwurzelt, auf schöpferischste Weise naiv. Ein genuiner Dramatiker und kerniger Geschichtenerzähler, der etwa in der frühen Erzählung „Bahnwärter Thiel“ sozialen Realismus oder in dem Roman „Der Narr in Christo Emanuel Quint“ erlösungssüchtigen Spiritualismus gestaltete. Thomas Mann hat ihn nicht ohne Bosheit im „Zauberberg“ als schrulligen Holländer Mynheer Peeperkorn porträtiert.

Heute liegt unabweisbar viel Patina auf seinem Werk. Die Theaterleute machen mittlerweile einen Bogen um die meisten seiner Stücke. Ist er, der so lange überschätzt wurde, gegenwärtig unterschätzt? Wohl eher nicht. Tatsächlich muten seine Einsichten oft treuherzig und hausbacken an, sind seine Wahrheiten nicht selten mürbe und verschroben, wirken die häufig dialektgebundenen Konflikte in manchem gnadenlos von der Zeit überholt. Am wenigsten erträglich sind inzwischen die mythische Schwärmerei und der metaphysische Schwulst in seinen Reimwerken. Am lebendigsten geblieben sind indes einige seiner realistischen, in der Ibsen-Nachfolge gefertigten Dramen mit ihren meisterhaft entworfenen Bühnengestalten: Schauspieler-Gustostücke allesamt, mit kräftigen Konturen und einer schlagartig aufleuchtenden Lebensnähe. Dazu zählt beispielsweise neben dem „Biberpelz“ und den „Ratten“ auch die Künstlertragödie „Michael Kramer“, die sich zuweilen noch auf den Theaterspielplänen findet.

Wenn die Bedeutung eines Autors schwindet, kann immer noch ein kundiger Biograf aus der Lebensdarstellung sprühende geschichtskundige Funken schlagen. Das ist rechtzeitig zum 150. Geburtstag des Dichters am 15. November dem Berliner Germanisten Peter Sprengel mit seiner anschaulich geschriebenen Biografie erschöpfend gelungen. Rings um seinen Protagonisten kann ein weit gespanntes Zeitalter erkundet werden, von der wilhelminischen Kaiserzeit mit ihrem bornierten Monarchen über die bresthafte Weimarer Republik bis zum furchtbaren Epochenuntergang der deutschen Kultur im Dritten Reich.

Zu verfolgen ist, gleichsam wie in der Peripetie einer aristotelisch gebauten Tragödie, der fulminante Aufstieg einer ursprünglich oppositionellen Dichterpersönlichkeit zum hofierten republikanischen Kulturrepräsentanten – und weiters ihr jäher Abstieg in die Niederungen ahnungsloser Anbiederung und widerstandsloser Anpassung an ein politisches Mördersystem.

Mit dem Altersdrama „Vor Sonnenuntergang“ hatte Hauptmann 1932 noch einmal seine ungebrochene Kraft als Gestalter eines großbürgerlichen Generationenkonflikts bewiesen, der zwischen Altersstarrsinn und jugendlicher Raffgier hell auflodert. Dann nahmen der viele Lorbeer, Wohlstand und Tantiemensegen endgültig von dem Autor Besitz und machten ihn für das Verhängnis korrumpierbar. In deutschnationaler Verblendung hisste er bereits am 1. Mai 1933 in seinem Haus auf Hiddensee neben der Reichsflagge auch die Hakenkreuzfahne, las mit Feuereifer Hitlers „Mein Kampf“ und fand die Führer-Reden „überwältigend groß“.

Zuletzt war er nicht mehr Regent im eigenen Reich. Er imitierte Goethe auch in der äußeren Erscheinung und trieb in seinem dramatischen Spätwerk Iphigenie samt den Atriden in jene blutige Wirklichkeit, mit der Hitlers Krieg mittlerweile Europa überzogen hatte. Als er ein Jahr nach Kriegsende in seiner Villa im Riesengebirge starb, musste er froh sein, nicht von den russischen Besatzern vertrieben zu werden. Am Ende waren es die Polen, als neue Herren Schlesiens, die seine Leiche in Frieden ziehen ließen. ■



Peter Sprengel
Gerhart Hauptmann

Bürgerlichkeit und großer Traum. Eine Biografie. 848 S. geb., €38,90 (C. H. Beck Verlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2012)

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1 Kommentare

Wenn...

man keine Ahnung hat, dann sollte man auch lieber schweigen! Hauptmanns Werk "Vor Sonnenaufgang" von dem die Rede ist, nimmt schon viele rassen- und abstammungstheoretische Themen, die ihn dann späterhin für den Nationalsozialismus einnehmen, vorweg. Da geht es nicht nur um verstaubtes Blabla oder Mystizismen aus dem Spätwerk. Man kann Hauptmanns Hang zur Rassenhygiene schon von Anfang an spüren. Das macht seine Werke nicht unbedingt schlechter, weil er trotzdem ein Gespür für das Tragische und für die soziale Frage hatte. Gleichzeitig muss jedem modernen Leser klar sein, woran er bei Hauptmann ist. Und das nicht erst seit seiner Anbiederung an die politischen Gegebenheit ab 1933.

Vielleicht mal ein paar Stücke in die Hand nehmen und lesen! Ein Stück liest sich genauso schnell wie das Ansehen einer schlechten TV-Serie. Der Autor des Artikels wird aber wohl eher dem Fernsehen und der Journaille nahestehen.

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