Die Heimat in den Träumen

16.11.2012 | 18:32 |  Von Barbara Neuwirth (Die Presse)

Verknappt: Carolina Schutti über den Verlust von Identität. In sieben Kapiteln schlüpft Schutti in ihre Protagonistin Maja oder beobachtet sie in ihrem sozialen Umfeld, beim Aufwachsen und auf der Suche nach ihren Wurzeln.

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Von der Vergangenheit kann man sich keine Scheibe abschneiden, still, sei still, sei zufrieden mit dem, was du hast“, dieser Empfehlung Erwachsener kann sich Maja, Carolina Schuttis Hauptfigur in der Erzählung „einmal muss ich über weiches Gras gelaufen sein“, nicht leicht fügen. Wie denn auch, wenn die Vergangenheit vor allem durch ihre Leerstellen eine Prominenz gewonnen hat, die sich immer nur vorübergehend verdrängen lässt?

In sieben Kapiteln schlüpft Schutti in ihre Protagonistin Maja oder beobachtet sie in ihrem sozialen Umfeld, beim Aufwachsen und auf der Suche nach ihren Wurzeln. Majas Mutter, eine Weißrussin, hatte sich, gemeinsam mit der Tochter, aus dem Dorf und der Ehe entfernt, aber die Flucht vor der Enge des Tals in die Stadt nützte nur kurz; sie starb jung. Über die Station eines Kinderheimes landet das Mädchen schließlich bei der Großtante wieder in jenem Dorf, aus dem die Mutter so bald geflohen war und auf das sich mehr als das halbe Jahr über der Schatten legt. Auch der Vater, der sich kurzfristig als für Maja wichtige Lebensperson zu etablieren trachtete, verschwindet flugs wieder aus dem Leben des Kindes, da er sich doch lieber ein ganz neues Leben aufbauen will.

Geborgenheit erfährt Maja in diesem älplerischen Ambiente kaum, die Dörfler sind weder sprachgewandt noch bereit, das verlassene Kind der Fremden in ihrer Gemeinschaft willkommen aufzunehmen. Nur der in Österreich hängen gebliebene ehemalige polnische Zwangsarbeiter Marek wird über Jahre hinweg der liebevoller Begleiter des Mädchens sein, ehe es ihm – pubertierend – den Rücken kehrt. Seine Sprache erinnert Maja an die Stimme und die Worte der frühen Kindheit und die Sprache der Mutter, die sie gänzlich verloren hat. Das Zuhausesein in den Mutterwörtern, die Verortung darin und die Selbstverständlichkeit der sprachlichen Identität bleiben Desiderate von Maja.

 

Geschichten vom Leib schälen

Ist es möglich, ein kindliches Manko irgendwann als abgearbeitet zu empfinden? Schutti lässt ihre Protagonistin zuletzt sogar nach Weißrussland fahren. Gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter ist sie unterwegs auf den Spuren der eigenen Identität. Sie „muss alles sehen, was (ihre) Mutter gesehen hat“, befindet sie und verteidigt ihre Bemühungen mit einer an das Babuschka-Motiv anknüpfenden Feststellung: „Ich kann mir die Geschichten nicht vom Leib schälen.“ „Ich habe gehofft, in Träumen meiner Muttersprache zu begegnen, doch selbst wenn, könnte ich doch nichts davon über das Aufwachen hinaus in den Tag retten, ich bin nicht einmal sicher, ob man in Träumen spricht“, resümiert Maja und befiehlt sich selbst: „Fang einfach an, so viele erste Sätze.“

Sprache und die darin begründete Heimat sowie die Folgen eines kindlichen Sprachverlusts sind die großen Themen dieser Erzählung, die in ihrer vorsichtigen, verknappten Prosa viel Platz für die Fantasie der Lesenden lässt und noch lange nachwirkt. ■


Am 24. November wird im Pulkauer Stadtsaal um 17 Uhr der Alois-Vogel-Literaturpreis an Carolina Schutti verliehen.




Carolina Schutti
Einmal muss ich über weiches Gras gelaufen sein

144S., geb., €18 (Otto Müller Verlag, Salzburg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)

 
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