Beschränkung des Machbaren

16.11.2012 | 18:33 |  Von Wolfgang Müller-Funk (Die Presse)

„Lob der Grenze“ – Konrad Paul Liessmanns essayistische Grenzgänge und seine Lust an Grenzüberschreitungen.

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Der Titel des Buches ist ein wenig trügerisch. Was Liessmann nämlich vorlegt, ist kein großer, geschlossener, angriffslustiger Text zu einem der prominenten Themen im intellektuellen und kulturwissenschaftlichen Diskurs unserer Tage. Vielmehr enthält der Band zwölf Aufsätze, die zu einem Gutteil zu mehr oder minder festlichen Anlässen verfasst worden sind und die noch einmal Liessmanns Positionierung in aktuellen Fragen, von der Eugenik über das Pro und Kontra staatlicher Intervention bis zum Selbstverständnis moderner und modernster Kunst sinnfällig machen. Ohne Zweifel kann Liessmann dabei seine intellektuellen und stilistischen Tugenden unter Beweis stellen, eine klare Diktion, ein hohes Maß an Verständlichkeit, das mit einem sicheren Gespür für Skepsis verbunden ist. Ironisch gesprochen ist Liessmann ein gutes Beispiel für die Produktivität von Grenzüberschreitungen. Seine essayistischen Grenzgänge zeigen, was angewandte Philosophie zu leisten vermag.

Was der Rezensent vermisst, ist sozusagen der große Wurf. Man würde sich wünschen, dass sich der österreichische Philosoph explizit mit jenen Theorien beschäftigt, die von einem elementaren Unbehagen an Grenzziehungen getragen sind. Bei Liessmann scheint die Philosophie bis Kant und Hegel, maximal bis Nietzsche und zum jungen Wittgenstein zu reichen. Die Dekonstruktion Derridas, die Diskursanalyse Foucaults oder die Phänomenologie eines Waldenfels, die doch unser Verständnis von Grenzen beträchtlich erweitert haben, sind scheinbar nicht der Rede wert.

Überdies verwendet Liessmann den Begriff der Grenze überwiegend in einem metaphorischen und nicht in einem physisch-räumlichen Sinn. Unmetaphorisch verwendet sind Grenzen „reale“ Raumteiler, während sie in ihrer übertragenen Bedeutung auf eine prinzipielle Beschränkung des (mir) Möglichen und Machbaren zielen. Der junge Wittgenstein scheint dieser Verwechslung anheimgefallen zu sein, wenn er meinte, man könne von einer Grenze der Vernunft nicht sprechen, da man den symbolischen Raum jenseits der Vernunft nicht denken könne.

Der Untertitel des Buches, „Kritik der politischen Unterscheidungskraft“, unterstreicht die Richtung, in die Liessmanns Interventionen gehen. Grenzziehungen, Folge unseres Unterscheidungsvermögens, bilden die Bedingung der Möglichkeit von Wahrnehmung und kognitiver Orientierung. Dem lässt sich schwerlich widersprechen. Die Pointe, die Liessmann vergisst, ist indes, dass Distinktion stets die strukturelle Möglichkeit von etwas ganz anderem in sich trägt, der Diskriminierung: Mann und Frau, Kultur und Natur, Schwarz und Weiß, Vernunft und Wahnsinn sind eben keine harmlosen Grenzziehungen, sondern enthalten immer schon Machtsetzungen und Ungleichheiten. Sie provozieren die Frage, ob die klassischen Grenzziehungen Orientierungen hervorbringen, die auf ganz selbstverständlichen Vereinfachungs- und Entgegensetzungsverfahren beruhen.

An einer Stelle konstatiert der Autor selbst jenes Paradox, das im Zentrum eines Lobs der Grenze stehen könnte, den Umstand nämlich, dass es erst die Grenzen sind, die es möglich machen, sie zu überschreiten, und die Kulturtechniken hervorbringen, mit Grenzen umzugehen. Wie seine Überlegungen in „An der Grenze der Grenze“ zeigen, hat sich die moderne Kunst hier am weitesten vorgewagt. Liessmann diskutiert an anderer Stelle Georg Simmels berühmten Essay über den Rahmen, der sich letztlich als die Grenze zwischen Kunst und Alltagswelt entpuppt. Modernismus und Avantgarde können als jene Phänomene angesehen werden, die prinzipiell entgrenzend sind.

Liessmann interpretiert diese Entgrenzungsstrategien im Sinn einer Gegenstandserweiterung, aber das scheint mir zu wenig. Sie verfehlen ihr letztlich totalitäres Ziel, verschieben aber den Umgang mit Grenzen systemlogisch – das ist der tiefere Sinn der militärischen Metapher der Vorhut. Von der Frühromantik bis zum Futurismus verfolgen sie nämlich das Ziel, die Welt, vor allem aber die Politik nach ästhetischen Maßstäben zu organisieren. Sie machen dabei sinnfällig, dass es einen generellen Unterschied zwischen modernen und traditionellen Kulturen im Umgang mit Grenzen gibt. In der Moderne werden (quasi-)räumliche Grenzen kontingente Setzungen.

Was die anderen, nicht metaphorischen Grenzen betrifft, so bleibt Liessmanns Position höchst ambivalent. Das gilt für seine Überlegungen zu Sloterdijks provokanten Thesen zum „Menschenpark“, aber auch seine Reflexionen zu Humangenetik und moderner Staatlichkeit. Ambivalenz ist ein essayistisches Verfahren, Unterscheidungen herauszuarbeiten und zugleich zu sistieren: keine Entscheidung zu treffen, weil beides unmöglich ist, das Einverständnis mit jenem, das ohnehin geschieht, oder noch einmal einen humanistischen Gestus ins Spiel zu bringen, dem etwas Antiquiertes anhängt. ■




Konrad Paul Liessmann
Lob der Grenze

Kritik der politischen Unterscheidungskraft. 208 S., brosch., €19,50 (Zsolnay Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)

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