Auf der Suche nach dem Echten

16.11.2012 | 18:33 |  Von Wolf Wondratschek (Die Presse)

Eine Übersetzung muss das rich-tige Wort finden, den Rhythmus, den Klang, den Atem. Genera-tionen lasen Ernest Hemingway in der Fassung von Annemarie Horschitz-Horst. Nun liegt „Der alte Mann und das Meer“ in neuer Übersetzung vor.

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Wem die Stunde schlägt – tut sie das nun, nach mehr als einem halben Jahrhundert, für die „einzig autorisierte Übersetzerin“ Hemingways:Annemarie Horschitz-Horst? Alles lag also, bis gestern, exklusiv in den Händen dieser Frau. Darf man sich wundern? Ausgerechnet Hemingway? Kannte er die Dame? Hat er, was da übersetzt wurde, geprüft – oder von seinem Verlag prüfen lassen?

Seine Verkaufszahlen in Deutschland waren hoch, viel höher als überall sonst in Europa. Warum also meckern? Und dann hieß die Frau wie? Aus Horschitz wurde, weil entweder die Verbindung nach Kuba schlecht war oder Hemingway, als er telefonierte, schon einiges intus hatte, horseshit,Pferdescheiße. Einen nüchternen Kopf hätte das – nomen est omen – misstrauisch machen können. Nicht so Hemingway. Er soll sich nur amüsiert haben.

Sie hat ihr Fett schon 1994 abgekriegt, von einem gewissen George G. Williams, der sich die „einzig autorisierte“ deutsche, noch immer die einzige heute im Handel erhältliche Übersetzung von Frau Horschitz von „Fiesta“ vorgenommen hat und zu dem Ergebnis gekommen ist, dass „der Stil der Übersetzung dem Stil Hemingways genau entgegenwirkt“. Er hat sogar vermutet, sie sei „schlecht mit System“.

Harte Bandagen. Aber seine Argumente sind überzeugend. Man kann ihm nichtnachsagen, dass er etwas gegen Frauen hätte, nur etwas gegen schlechte Arbeit.

Ging Hemingway also baden?

Und nun „Der alte Mann und das Meer“ – das berühmteste dünne Buch der Weltliteratur und jenes, das Hemingway den Nobelpreis verschafft hat – in einer neuen Übersetzung!

Ich war neun Jahre, als ich das Buch in einem Zug durchgelesen habe, in der Horschitz-Übersetzung, versteht sich. Eine Erinnerung, die mir bis heute Herzklopfen verursacht. Ich kam, weil ich meine Hausschlüssel verloren hatte, nicht in die Wohnung, saß im Treppenhaus, schlug das Buch auf und las: „Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen.“

Das sind so die Sätze, die jedem Jungen, der gern liest, unter die Haut gehen.

Jetzt bin ich bald siebzig – und schlage ein anderes Buch mit dem gleichen Titel auf. Die Übersetzung hat Werner Schmitz zu verantworten.

„Er war ein alter Mann und fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit vierundachtzig Tagen hatte er keinen Fisch gefangen.“

Hm.

Ich schlage das in der Originalausgabe nach. He was an old man who fished alone in a skiff in the Gulf Stream and had gone eighty-four days without taking a fish.

Erster Befund: Die neue Übersetzung ist lapidarer, aber die alte bringt mehr Wasser und Himmel aufs Papier, mehr Vergeblichkeit und Einsamkeit – und das, ohne den Stil Hemingways durch unzulässige Zutaten zu entstellen.

Welche der beiden Versionen ist mehr Hemingway? Was ist richtiger?

Eine Übersetzung muss, das ist klar, genau sein. Sie muss das richtige Wort finden, den Rhythmus, den Klang, den Atem. Es gibt eben neben der wortwörtlichen auch eine atmosphärische Genauigkeit.

Das Amerikanische ist auf unnachahmliche Weise knapp, lakonisch, sozusagen kurz angebunden. Und keiner hat das so gekonnt kultiviert wie Hemingway. Es wurde sein Markenzeichen. Aber immer war bei diesem Autor auch noch etwas anderes interessant, seine Technik, derzufolge alles, was man löscht, immer da sein wird. Auch was also fehlt, muss entdeckt und übersetzt werden.

Hemingway schrieb gegen seine eigene Sentimentalität an. Er war nur am Schreibtisch der, für den er sich ausgab: ein angeblich knallharter Bursche. Es war ihm nämlich klar – Ezra Pound wird es dem Anfänger, der Hemingway im Paris der Zwanzigerjahre war, gesagt haben –, dass Löwen zu schießen einfacher ist als einen Satz zu schreiben, den besser zu schreiben unmöglich ist. Gleich der erste Satz von „Der alte Mann und das Meer“ ist so einer.

Die erste Runde geht, finde ich, an Frau Horschitz. Aber dann häufen sich die Unerfreulichkeiten. Ein paar wenige Stichproben.

Go after the sardines heißt nicht „Sardinen fangen“, vor allem nicht, wenn man gerade das Boot an Land gezogen hat, sondern sie holen gehen – an Land.

„Die Sonne war jetzt heiß, obwohl der Wind sich wieder auffrischte.“ Nun ja, ein Wind frischt auf, er frischt nicht sich auf.

Schmitz macht da kurzen Prozess. „Die Sonne brannte jetzt trotz der leicht auffrischenden Brise. Leicht, gently im Original, was Frau Horschitz sich schenkt.

„,Er (der Marlin) hat angebissen‘, sagte er. ,Jetzt werde ich ihn ordentlich schlingen lassen.‘“ Hier spricht nicht Hemingway, sondern eine Hausfrau, der bei Tisch leicht einmal ein „Schling nicht so!“ über die Lippen kommt. „Er hat ihn genommen (den Köder)“, übersetzt Schmitz. „Jetzt soll er ihn erst mal schön fressen.“ – Schweiß „rieselt“ nicht (Horschitz), sondern „rinnt“ (Schmitz). Aber dann landet sie doch auch wieder den besseren Treffer. „Die See war sehr dunkel, und das Licht brach sich im Wasser“ – während sich Schmitz zu „Das Meer war sehr dunkel, und das Licht machte Prismen im Wasser“ versteigt.

Und noch ein Treffer hinterher. „Am Abend kann ich geradewegs in die Sonne hineinsehen, ohne dass die Schwärze kommt. Dabei hat sie abends mehr Kraft.Aber morgens ist sie schmerzhaft.“ Die Sonne schmerzhaft? Nein, Herr Schmitz, sie tut den Augen weh. Und die Schwärze, die kommt? Meint er, dass einem schwarz wird vor Augen? Und a bird working ist – aber das nur nebenbei – kein „Vogel beim Fischen“.

Es wird einem schwummrig vor Augen, wie Frau Horschitz getting the blacknessübersetzt – und liegt für mein Gefühl richtig. Sie tun sich beide schwer – und es ist schwer. Es geht hin und her. Ich war die letzten Tage ganz schön seekrank. Aber meine Pflicht war, noch ein wenig an Bord zu bleiben.

Man ist für das Glück nicht „parat“, Frau Horschitz, sondern „bereit“. Punkt Schmitz. Der Köder wassweet-smelling and good-tasting, was Schmitz lobenswert einfach mit „roch verlockend und schmeckte“ übersetzt, während Frau Horschitz – aber wer kennt sich unter Wasser olfaktorisch schon aus? – etwas „Liebliches“ in die Nase steigt.

Der Junge und der alte Mann wünschen sich good luck, was die Horschitz mit „Mast- und Schotbruch“ übersetzt. Schmitz genügt ein „Viel Glück“ – mir auch.

Während der Kampf um den Fisch tobt, kämpfen die Übersetzer. Und ich, auch kämpfend, muss zugeben, dass ich zwar noch mitkomme, wenn von einer Harpune oder einem Köder die Rede ist, aber der ganze andere Kram übersteigt meine nautischen Kenntnisse. Das zu beurteilen überlasse ich den Hobbyseglern und Krabbenfischern unter den Kritikern.

Und was ist mit dem vielleicht berühmtesten Satz, den Hemingway je geschrieben hat, sein großes Credo? A man can bedestroyed but not defeated? Und fast denkt man – und will sich dafür sofort entschuldigen –, dass nur ein Mann so einen Satz übersetzen kann, weil nur ein Mann ihn begreift.

Frau Horschitz übersetzte: „Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben.“ Man darf was nicht? Nicht doch. Das geht nun wirklich ans Eingemachte. Und sie können, Madame, von Glück sagen, dass Hemingway kein „Kraut“ konnte. Unser alter Mann ist doch keine Mama, die ihren Jungen, der beim Schulsportfest im Hundertmeterlauf gerade Letzter geworden ist, eine Lebensweisheit mit auf den Lebensweg gibt.

Werner Schmitz macht seine Sache dagegen gut. Er bringt die volle metaphysische Ladung rüber. „Man kann einen Mann vernichten, aber nicht besiegen.“

Und ein Letztes. Sagt der kleine Junge zu seinem Freund Santiago, dem alten Mann, wirklich „Alter“, Frau Horschitz? Sagt das überhaupt ein Junge zu einem, der so viel älter ist und den er bewundert und mehr liebt als die eigenen Eltern? Hemingway jedenfalls schreibt durchweg old man.

Aber man darf Frau Horschitz nicht verteufeln. Sie hat sich nicht annähernd die Fehler geleistet, die in Übersetzungen an der Tagesordnung sind. Es fehlt hier derPlatz (und wäre ein eigenes Thema!), die Rekorde an gröbstem Unfug aufzulisten. Ich will mich mit einem Beispiel aus eigener Erfahrung begnügen. Ich schrieb (in meinem Roman „Mara“): „Er scherte sich wenig“, gemeint ist: um dies und das, was der Übersetzer an meine italienischen Leser mit „Er rasierte sich selten“ weiterreicht.

Das ist unter der Gürtellinie – und ein klassischer Knock-out.

Ob nun alles in Ordnung ist? Sagen wir so. Haben wir Geduld. Warten wir einfach auf eine noch bessere Übersetzung.

Aber um den wunderbaren ersten Satz der alten Übersetzung ist es mit der Neuübersetzung geschehen. Schade. ■



Ernest Hemingway
Der alte Mann und das Meer

Aus dem Amerikanischen
von Werner Schmitz. 160S., geb., €19,50 (Rowohlt Verlag, Reinbek)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)

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