Auf Seite der Engel

21.12.2012 | 18:38 |  Von Erwin Riess (Die Presse)

Martha Gellhorn, fünf Jahre mit Ernest Hemingway verheiratet, war wohl die berühmteste Kriegsreporterin des 20. Jahrhunderts. Der Band „Das Gesicht des Krieges“ versammelt ihre besten Texte von 1937 bis 1987.

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Ich war eine Kriegsgewinnlerin besonderer Art, denn ich kam immer mit heiler Haut davon und wurde dafür bezahlt, meine Zeit mit großartigen Menschen zu verbringen.“ So lakonisch beschreibt die berühmteste Kriegsreporterin des 20.Jahrhunderts ihr Leben. 50 Jahre langberichtete Martha Gellhorn fast von jedem Schauplatz im Jahrhundert der Extreme, aber nicht, wie eine Generation vor ihr, Alice Schalek, zur höheren Ehre des Krieges, sondern im Gegenteil, zur Verteidigung dessen, was für ein menschliches Leben auf diesem Planeten unverzichtbar ist. Ob vom Spanischen Bürgerkrieg, dem Finnischen Winterkrieg, der Landung der Alliierten in der Normandie, der Schlacht um Monte Cassino in Mittelitalien, der Ardennenschlacht und jener um Arnheim in Holland, vom Chinesisch-Japanischen Krieg, dem Krieg in Burmaund den Kriegen in Vietnam und Zentralamerika sowie dem Sechs-Tage-Krieg, Gellhorns Texte zeichnen sich durch Respekt vor dem Anderssein und Mitgefühl für die Schwachen, vor allem für Kinder aus; immer ist sie bemüht, der geschundenen Kreatur ihre Würde zu belassen, dem Leid keine Sensation abzuringen.

„Für die einfachen Menschen ist der Krieg eine fürchterliche Sache, aber für die Regierungen, die Leute an der Spitze, ist er gar nicht so schrecklich, ihre Macht nimmt zu, und Regierungen leben von der Macht; sie spüren die Erregung, die gesteigerte Bedeutung und nichts von den Härten“, schreibt sie in der Einleitung zu ihrer Aufsatzsammlung „Das Gesicht des Krieges 1937–1987“, die nun in einer sorgfältig erarbeiteten Neuedition vorliegt. Nicht nur dieKriegsberichterstatterin ist in dem knapp 600 Seiten dicken Band mit Arbeiten zu entdecken, die nichts von ihrer Dramatik und Empathie eingebüßt haben, sondern auch eine kluge und gebildete Schriftstellerin.


Regierungen leben von der Macht

Martha Gellhorn wird 1908 in St. Louis als Tochter einer Kämpferin für Frauenrechte und eines liberalen Gynäkologen geboren. Nach der Grundschule wechselt sie nach Philadelphia, ins elitäre Mädchencollege Bryn Mawr, das zu den „Seven Sisters“ zählt –einer Gruppe angesehener Colleges, die die besten Pädagogen ihrer Zeit versammeln. In diesen Colleges, die allein Mädchen vorbehalten sind, wird auf dem neuesten Stand der Erkenntnis vorgetragen, besonderes Augenmerk gilt dabei der ästhetischen und künstlerischen Bildung. Ziel der pädagogischen Anstrengung ist es, weltoffene und selbstbewusste junge Frauen in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu fördern. Für althergebrachte Rollen- und Familienbilder ist da kein Platz. Es überrascht daher nicht, dass Absolventinnen dieser Schulen Spitzenpositionen erlangen. Zu ihren Studienkolleginnen zählte etwa Katharine Hepburn, die wie Lauren Bacall – auch Absolventin eines privaten Mädchencolleges – das Bild der mondänen, selbstbestimmten Frau entscheidend mitprägte.

Ende der 1920er-Jahre geht Martha Gellhorn nach Paris, wo sie sich der 30.000 Köpfe umfassenden Community der Auslandsamerikaner anschließt. Mit gleichgesinnten pazifistischen Freundinnen verkehrt sie in der literarischen Boheme um Gertrude Stein,Francis Scott Fitzgerald und John dos Passos. 1934 verbringt sie einige Monate in Deutschland, um für einen Roman zu recherchieren. Ihre Erlebnisse machen aus der Pazifistin („Ich stellte mir damals die öffentliche Meinung wie einen Tornado vor, immer bereit, auf der Seite der Engel loszustürmen“) rasch eine überzeugte Antifaschistin. Sie beginnt, Reportagen für das US-amerikanische Magazin „Collier's“ zu schreiben, jener Zeitschrift, in der Jahre später die ersten Texte über die deutschen Todesfabriken in Ostpolen erscheinen sollten.

Im März 1937 engagiert sie sich aufseiten des republikanischen Spanien im Bürgerkrieg – und verliebt sich dabei in Ernest Hemingway, den sie 1940 heiratet und fünf Jahre später verlässt, als er sich von Kuba aus brieflich beschwert, dass sie andauernd unterwegs sei, die Welt zu retten, anstatt bei ihrem Mann im Bett zu liegen.

Der nächste Einsatz führt sie in den hohen Norden, wo sie über den Finnisch-Sowjetischen Winterkrieg berichtet. Früh schon zeigt sich eine Eigenart ihrer Kriegstexte – sie verbindet das Mitgefühl für die Opfer mit präzisen Einschätzungen der militärischen und strategischen Dimensionen des Krieges.Sie verdankt diese Kenntnisse ihrem persönlichen Mut. Sie weiß, dass sie als Frau im Todesgewerbe nur dann eine Chance hat, an wichtige Frontabschnitte zu kommen, wenn sie die lokalen Kommandeure sowohl mit ihrer Härte als auch mit ihrem einschlägigen Wissen beeindruckt. Martha Gellhorn hat Clausewitz nicht gelesen, sie hat ihn studiert. In ihrer Reportage über die finnische Front aus dem Dezember 1939 beschreibt sie die Blamage der sowjetischen Truppen und den unter fürchterlichen Opfern zuletzt doch noch errungenen Sieg, der große Teile Kareliens als Glacis Leningrads der UdSSR einverleibt hat. Und sie führt vor, wie die Rote Armee und die deutsche Wehrmacht diametral gegensätzliche Schlüsse aus der Blamage der überlegenen Angreifer gezogen haben. Die sowjetische Armeeführung hat gelernt, dass der Winterkrieg spezielle Anforderungen an Ausrüstung und Kriegsführung stellt: frosttaugliche Fahrzeuge, enge Nachschublinien – und das Wichtigste: eine funktionelle Winterkleidung der Soldaten.

Die deutsche Armeeführung zog aus demsowjetischen Pyrrhussieg andere Schlüsse. Angesichts der schlecht ausgerüsteten Truppen, die nicht nur vom Winter, sondern auch von der taktischen Finesse und der Kampfkraft der Finnen düpiert wurden, beging sie den Fehler, die Kampfkraft der Roten Armee zu unterschätzen. In den Stabsstellen des Deutschen Heeres verfestigte sich die abenteuerliche Ansicht, dass es möglich sei, einen Blitzkrieg mit schnellen Panzerspitzen noch vor dem Wintereinbruch in Moskau siegreich abzuschließen.

Vom Finnisch-Russischen Krieg kommend, macht Gellhorn im weihnachtlichen Paris Station, wo sie sich bemüht, Freunde zu retten: Deutsche und Österreicher, die als Interbrigadisten den Franco-Truppen unterlegen waren und in „Löchern, die man am Strand von Argelès ausgehoben hat, in Gefangenschaft gehalten wurden“. Vergeblich. Deutsche und noch dazu Kommunisten, so etwas interessierte die französischen Behörden herzlich wenig. „Es war zwecklos, darauf hinzuweisen, dass diese Männer Hitler schon bekämpft hatten, lange bevor irgendjemand sonst daran gedacht hatte. Es ist unklug, ,ein verfrühter Antifaschist‘ zu sein“, schreibt sie mit der ihr eigenen ironischen Bitternis.

Nach den deprimierenden Serienerfolgen Hitlers stand für sie fest: „1940 war Europa verloren, und die Gestapo durchkämmte den Kontinent auf der Suche nach den Besten und Tapfersten. Krieg und Tod konnten ertragen werden; was aber die Vorstellungskraft überstieg und die Wurzel aller Furcht war, das waren die Foltermethoden der Gestapo.“

Gellhorn beobachtet die Landung derAlliierten in der Normandie von einem Spitalsschiff, und sie ist dabei, als 1944 in Mittelitalien die 8. Britische Armee bei Monte Cassino die deutsche Gustav-Linie durchbricht und in den folgenden Wochen bis zur Adria vordringt. In der Armee dient ein wahres Völkergemisch: Inder, Kanadier, Iren, Südafrikaner, Schotten, Neuseeländer und die Polen, die fünf Jahre ohne Nachricht von ihren Familien waren, verstört und verbittert angesichts der sich verdichtenden Hinweise über deutsche Todeslager. Selbst der Vormarsch der Befreier stieß auf Skepsis, mit der Roten Armee wollten sich nur wenige der in Italien kämpfenden Polen anfreunden.


„1940 war Europa verloren“

Im Oktober 1944 berichtet Gellhorn von einer kleinen holländischen Stadt, Nimwegen. Eine Stadt an der Waal, dem größten Rheinarm, ihr gegenüber liegt Arnheim, eine Stadt mit einer Brücke, die im Zentrum der größten Luftlandeaktion des Zweiten Weltkriegs lag und von den Deutschen gehalten werden konnte. Von Arnheim aus beschossen die Deutschen Nimwegen am anderen Ufer des Flusses. Gellhorn erlebt den Dauerbeschuss, sie wendet sich wieder den zivilen Opfern zu. „Im Keller des Zivilkrankenhauses gibt es Korridore, in denen die Heizungs- und Wasserrohre verlaufen. Diese Korridore sind zu Krankenstationen umfunktioniert worden, da sie vor Granatfeuer sicher sind. In einem langen Korridor liegen verwundete Kinder in kleinen Eisenbetten. Einem dünnen kleinen Mädchen von vier Jahren hatten Granatsplitter beide Arme gebrochen, und ein Granatsplitter war ihm aus der Seite, ein anderer aus dem Kopf geschnitten worden. Alles, was man von ihm sehen konnte, war ein winziges weiches Gesicht mit riesigen dunklen Augen, die dich anschauten, und die Arme wie Blütenstängel in Scheinen und den Verband um den Kopf, der beinahe so groß war wie es selbst. Es würde niemals begreifen, was geschehen war oder was für eine Welt das war, die ein kleines Mädchen von vier Jahren so verwunden konnte, ein Mädchen, das im Garten seines Hauses gespielt hatte, wie kleine Mädchen in allen Gärten der Welt eigentlich spielen können sollten.“

Gellhorn war kurz nach der Befreiung in Dachau, und sie berichtete vom Nürnberger Prozess. Dieser Text bildet mit einem zweiten, „Das deutsche Volk“, die eindringlichsten in dem an bemerkenswerten Arbeiten nicht armen Buch. Kein Deutscher sei je Nazi gewesen, vielleicht im Nachbarort, dort soll es Nazis gegeben haben. Eigentlich sei man immer gegen die Nazis gewesen. Und jeder habe einen Juden versteckt, man habe nichts gegen Juden, niemand in Deutschland habe etwas gegen sie gehabt. Hitler sei ein Schweinehund, habe vom Sieg geschwafelt und schließlich verloren, ein Betrüger. Die arme Wehrmacht habe es ausbaden müssen. Und wir haben im Frieden weniger zu essen als im Krieg. Und so weiter.

Wie Gellhorn in Nürnberg die angeklagten Hauptkriegsverbrecher beschreibt, vom stumpfen Göring, dem weinerlichen Keitel bis zum hochnäsigen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht, das sollte man gelesen haben. Da ist kein heller Zorn, kein niedriger Hass und kein Funke von Mitleid. Da ist nur kalte Verachtung. Und wieder schließt die Autorin mit einem ihrer typisch lakonischen Sätze: „Es wäre eine gute Sache, wenn man den Deutschen nie wieder gestatten würde, einen Krieg anzuzetteln.“

Die lebenslange Freundin von Eleanor Roosevelt bezeichnete sich als american leftist, sie war von Jugend an Atheistin und eine leidenschaftliche Anhängerin Israels. Auch in ihren späten Texten über den Vietnamkrieg, über Tschernobyl und die Friedensbewegung ließ sie von ihrer Überzeugung nicht ab, „dass Erinnerung und Vorstellungsvermögen, nicht Atomwaffen, die großen Abschreckungsmittel sind“.

Martha Gellhorn starb, von einer schweren Krankheit gezeichnet, fast 91-jährig 1998 in London. Die Sammlung ihrer Kriegsreportagen ist eine einzigartige Einführung in die Geschichte des 20. Jahrhunderts. ■




Martha Gellhorn
Das Gesicht des Krieges

Reportagen 1937–1987. 568 S., Ln., €25,60 (Dörlemann Verlag, Zürich)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

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