Zu Gast bei Franz Joseph

21.12.2012 | 18:39 |  Von Rüdiger Görner (Die Presse)

Mark Twain war der Ansicht, „abschweifendes Erzählen schadet einer Autobiografie nicht im Geringsten“. Deshalb fehlt kaum eine Textsorte in seiner Selbstbeschreibung. Auch nicht sein Essay über die 19 Monate, die er in Österreich verbrachte.

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Schreibend durchleben, was – und wer – man gewesen zu sein glaubte: Das ist der Beweggrund jeder Autobiografie. Selbstenthüllung und Selbstverhüllung gehen dabei Hand in Hand. Als sich Nietzsche zuletzt noch, man schrieb das Jahr 1888, mit Ecce-homo-Geste daranmachte, seine Selbstbiografie zu entwerfen, stellte er dieses Vorhaben unter das Motto, sich selbst sein Leben zu erzählen. Er bezeichnete seinen Vorsatz als das Geburtstagsgeschenk schlechthin.

Auf der anderen Seite des Atlantiks befand sich zu dieser Zeit Mark Twain, alias Samuel Langhorne Clemens (1835–1910, das Sterbejahr teilte er mit Tolstoi!), in seinem Haus in Hartford, Connecticut, mitten in Entwürfen und Revisionen seines autobiografischen Projekts, dessen staunenswerte bis verwirrende Vielschichtigkeit jedoch den Charakter Twains treffend spiegelte. Lange sah es so aus, als würde Twain seinen seit 1877 gehegten Plan, sein Leben zu beschreiben, nein, sich selbst zu erzählen, nie umsetzen können. Die Fülle der Entwürfe und Verwerfungen kann man vornehm als „Konvolut“ bezeichnen oder als strukturlosen Wust, frei nach Twains Befund: „Abschweifendes Erzählen schadet einer Autobiografie nicht im Geringsten.“ Leben hieße demnach schwadronieren, und eine Selbstbeschreibung habe dies gefälligst zu spiegeln.

Zu diesem Zeitpunkt lagen die großen Werke hinter ihm, die ihn weltberühmt gemacht hatten: „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ (1876), „Leben auf dem Mississippi“ (1883), – das erste vollständige Buchmanuskript, das auf seiner 1874 erworbenen Remington-Arms-Schreibmaschine verfasstwurde, sowie „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ (1884). Hinter ihm lagen auch finanzielle wie persönliche Schicksalsschläge: Zunächst sein vorübergehender finanzieller Ruin (1894), dann in Folge der Tod dreier Kinder und seiner Frau.


Die Abenteuer des Mark Twain

Vor diesem tragischen Hintergrund wurde die Arbeit an der Selbstbiografie zu einem Selbstklärungsprozess; jetzt konnte er sie „das wahrste aller Bücher“ nennen. Er hätte sie, diese episodischen Fragmente, „Die Abenteuer des Mark Twain“ nennen können. Treffender schien ihm: „Wie aus dem Grabe gesprochen“. Auszüge erschienen in der Zeitschrift „North American Review“. Aber wie mühsam der Destillationsprozess war, zeigt ein Blick in die Autografen, den der eindrucksvolle Materialienband zum ersten dieser auf drei Teile angelegten Ausgabe der „geheimen Autobiografie“ Twains ermöglicht. Vollständig soll nun endlich erreichen, was Twain selbst im Januar 1906 mit den Worten zensiert hat: „Nichts darf davon in den Druck kommen, solange ich lebe. Es ist zu persönlich. Wartet, bis ich tot bin, und druckt dann irgendwann alles ab.“ Auf das unterstrichene „alles“ kommt es an. Seht, welch ein Manuskript!

„Zwei Faden Wassertiefe“ – ein Wort aus der Seemannssprache, knappe vier Meter meinend, das der Mississippi-erfahrene Journalist Samuel Clemens am 3.Februar1863 zu seinem Pseudonym erkor. Twain schürfte damals freilich als Journalist im Goldgräbermilieu von Virginia City, Nevada, weniger tief. Er hatte eher Seichtes zu bieten. Das später Shaw und Orwell zugeschriebene Wort: Nicht jeder Journalismus ist Literatur, aber alle Literatur ist auch journalistisch, traf für die Anfänge Twains durchaus zu. Es spricht einiges dafür, dass die Veröffentlichung seiner Autobiografie (geplant sind drei Bände) diesen Befund bestätigen wird. In jedem Fall dürfte sie zu einer kleinen Twain-Renaissance beitragen, auch wenn der erste nun vorliegende Band keine „Sensationen“ enthüllt. Der Begleitband „Hintergründe und Zusätze“ ist es, der „Epoche“ machen könnte. Die Kommentierung und Kontextualisierung der autobiografischen Episoden ist mustergültig gelungen.

Wohl schwankt Twains Bild in der Literaturgeschichte nicht, doch kann es eine stärkere Konturierung durchaus vertragen. Zwar gilt er unvermindert als „kanonischer Autor“, doch fällt auf, dass weder John Updike noch – weitaus überraschender – seinerzeit D.H. Lawrence diesen Homer des Mississippi in ihren inzwischen legendären Reflexionen über amerikanische Literatur erwähnt haben. Landläufig nimmt man Twain eben als gehobenen Jugendbuchautor wahr.

Zu sprichwörtlich, um sie hier zu zitieren, sind seine sarkastisch-humoristischen Bemerkungen zur deutschen Sprache („The Awful German Language“, 1878), wobei man geflissentlich übergeht, wie stark den weit Gereisten Land, Leute und Kultur des deutschsprachigen Raums, namentlich Berlin („a luminous centre of intelligence“ – das größte Lob für einen Ort, zu dem er fähig war), beeindruckt hatten.

Einen Höhepunkt eigener Art bildeten in seinem Leben jene 19 Monate, die Twain in und um Wien verbrachte, vom September 1897 bis zum Mai 1899; dort logierte er zumeist im Hotel Krantz, dem heutigen Hotel Ambassador. In seinem Essay „Stirring Times in Austria“ schilderte er mit unverhohlenem Entsetzen das vom Antisemitismus geprägte politische Klima im Wien des notorischen Karl Lueger. 1898 leistete er sich im niederösterreichischen Kaltenleutgeben einen Sommersitz, wo er vor allem an seiner Autobiografie schrieb. Am Ende seines Wiener Aufenthalts, so berichtete die „Neue Freie Presse“ in ihrer Ausgabe vom 26.Mai 1899, wurde Twain sogar von Kaiser Franz Joseph zu einer „Abschiedsaudienz“ empfangen, bei der sich der Gast offenbar von seiner artigen Seite zeigte und das auch dem Kaiser peinliche Kapitel „Antisemitismus und Lueger“ verschwieg.

Stattdessen bestätigte Twain, er habe in Wien „fleißig gearbeitet“ und sei von der Stadt „entzückt“. Der Kaiser soll dabei subtile Kenntnis der Werke Twains an den Tag gelegt haben. Hat nicht die Vorstellung etwas sehr Eigenes: Franz Joseph „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ lesend und Elisabeth die Gedichte Heines? Am meisten schien Twain ein „Wiener Festzug“, bestehend aus „Schützenvereinen aus dem gesamten Kaiserreich“, begeistert zu haben. Die Weltläufigkeit des Vergleichs war für einen Mark Twain selbstverständlich: „Seit sechzig Jahren sehe ich mir Festumzüge an; und seltsamerweise fanden die schönsten in den vergangenen drei Jahren statt: einer [18]96 in Indien [in Jaipur], dann der Festzug zum Rekordjubiläum der Queen [Victoria] letztes Jahr in London und nun dieser. Als ein Appell an die Einbildungskraft – als Anschauungsunterricht, der die Macht, Majestät und Ausdehnung des größten Imperiums zusammengefasst hat, das die Welt je gesehen hat – steht der Umzug der Queen an erster Stelle; als Bild fürs Auge aber übertrifft ihn dieser hier [in Wien], und darin reicht er fast an den Festzug von Jaipur heran – und der war ein Traum der Verzauberung.“

Diktate, Tagebucheintragungen, Briefe, Zitate aus der Biografie, die seine Tochter Susy über ihren Vater verfasst hat, Redeauszüge, Dialogstücke: Keine Textsorte fehlt in dieser „Autobiografie“; man kann die Genrebezeichnung deshalb nur in Anführungsstriche setzen; denn ein disparateres Textkorpus ließe sich schwerlich vorstellen. (Rolf Vollmann verweist in seinem sehr kurz geratenen Vorwort zu Recht auf Twains Vorliebe für Laurence Sternes Roman „Tristram Shandy“, was indirekt die Mischung der Textarten, die Auslassungen und verschlungen Erzählweisen erklärt.) Das „wie aus dem Grab“ gesprochene Vorwort Twains belegt, dass er seinen großzügig – um nicht zu sagen großflächigen – Text als eine Art Liebesbrief an das Leben verstanden wissen wollte.


Begegnung mit R. L. Stevenson

Die ansprechendsten Passagen seiner Autobiografie diktierte Twain in der florentiner Villa di Quarto, was vielleicht auch am Bezaubernden des Ortes gelegen haben mochte. Dort erinnerte er seine Begegnung mit Robert Louis Stevenson auf einer Parkbank am Washington Square in New York im Frühjahr 1888, und das in Gestalt einer der besten Kurzcharakteristiken, die in folgendem Satz gipfelt: Die herrlichen Augen Stevensons „brannten unter der Dachwohnung seiner Brauen mit glühend hellem Feuer und machten ihn schön“. Damit sei endlich auch die Herkules-Leistung des Übersetzers Hans-Christian Oeser gewürdigt. Vergleicht man nur wenige Stichproben des Originals mit der Übersetzung, kann man ihr nur Bewunderung zollen.

Um einen Eindruck zu vermitteln, wie lustvoll Twain sich Abschweifungen beim Diktieren hingab, sei diese Stelle aus den „Florentiner Diktaten“ zitiert: „An dieser Stelle möchte ich ein paar die Villa betreffende Notizen einschieben, die ich im Oktober gemacht habe.“ Was folgt, ist eine ungemein dichte Beschreibung eines Interieurs, die zum Besten gehört, was Twain in dieser Hinsicht geleistet hat. Das langweilige Gegenüber zu solchen Passagen sind die überlangen Ausführungen über die Memoiren des mit ihm befreundeten General Grant, des Oberbefehlshabers der United States Army im Sezessionskrieg und 18. Präsidenten der Vereinigten Staaten (1869-1877), der im Alter bitter verarmt ist und zur Aufbesserung seiner Lebensverhältnisse seine Erinnerungen aufgezeichnet hat.

Um mit einem zeitungsgerechten Punkt zu enden: Der Journalist Mark Twain verfügte über einen ausgeprägten Sinn für Quellen- und damit Urheberrechtsfragen. An den Anfang seiner New Yorker Diktate vom Januar 1906 stellte er eine „Notiz zur Anweisung künftiger Herausgeber und Verleger dieser Autobiografie“. Sie lautet: „Ich werde in diese Autobiografie Zeitungsausschnitte ohne Ende einstreuen. Ich füge sie an, weil ich davon ausgehe, dass, wenn sie nicht schon in den ersten Auflagen interessant sind, eine Zeit kommen wird, da man sie anführen kann, weil höchstwahrscheinlich ihr Alter sie interessant machen wird, auch wenn es ihnen in ihrer Jugend an dieser Eigenschaft fehlt.“

Ein wichtiger Stoff in diesem TwainschenVersuchslaboratorium namens Autobiografie war die Zukunft, selten genug in literarischen Selbstdarstellungen. Bei Nietzsche hieß dergleichen: „Wie man wird, was man ist.“ Auch er experimentierte zuletzt mit fragmentarisch anmutenden „Aktenstücken eines Psychologen“. Twain freilich setzte „Zukunft“ mit der zukünftigen Geschichte seiner eigenen Wirkung gleich.

Doch Twains wichtigstes Material war das Zeitdokument, listig von ihm mit eigenwilliger Deutung eingefärbt, der Witz, die langsam reifende Pointe, entsprechend seiner, wie überliefert, „langsamen, gedehnten Art zu sprechen“. Eine solche gab er anlässlich einer Diner-Rede zu seinem siebzigsten Geburtstag (1905) zum Besten: „Bis zum siebenten Lebensjahr habe ich ausschließlich von allopathischer Medizin gelebt; denn eine Apotheke stand bei meinem Vater in der Kreide, und das hat Dorschlebertran billiger gemacht als andere Lebensmittel zum Frühstück. Wir hatten neun Fässer davon, und sie haben mir für sieben Jahre gereicht. Dann war ich abgestillt. Der Rest der Familie musste sich mit Rhabarber und Brechwurzel abfinden, denn ich war der Liebling.“ ■


Mark Twain
Meine geheime Autobiografie

Aus dem Amerikanischen von Hans-Christian Oeser, Andreas Mahler et al. Zwei Bände im Schuber, 1130 S., geb., €51,30 (Aufbau Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

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