Der letzte Bischof

21.12.2012 | 18:39 |  Von Harald Klauhs (Die Presse)

Dadaist, Sozialist, Christ. Das Denken Hugo Balls nahm einen erstaunlichen Weg. In einer profunden „Intellektuellen Biografie“ zeichnet Wiebke-Marie Stock die krumme Linie vom Dramaturgen zum Asketen nach.

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Zürich 1916. „gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori.“ Da steht er in einem kubistischen Kostüm aus Karton auf der Bühne des Cabarets Voltaire und rezitiert seine „Verse ohne Wörter oder Lautgedichte“ im Stil des Messgesangs, „wie er durch die katholischen Kirchen des Morgen- und Abendlandes wehklagt“. Hugo Ball als „magischer Bischof“. Es war die Rolle seines Lebens, und der Moment, da er die uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation sprach,war ein Wendepunkt. Plötzlich erkannte er, dass im Klang der Silben, welche viele Bedeutungen streiften, jedoch gegen alle Instrumentalisierung gefeit waren, etwas Unzerstörbares hervortrat: ein kultischer Klang und Rhythmus. Es war Balls Entdeckung des Urgrunds der korrumpierten Sprache.

Man bedenke das Datum. Stichwort Verdun: Für ein paar Meter Boden hinterlässt der Stellungskrieg gegen Ende des Jahres 1916 auf französischer Seite 350.000 Tote, auf deutscher 335.000. Die Gegend um Verdun sieht aus wie eine Mondlandschaft, übersät mit Granattrichtern. Eine Sprache, die das plausibel zu machen versuchte, gar nicht zu reden von den Beschönigungen der Kriegspropaganda, hatte ihren Sinn verloren. „Ich wollte die Sprache hier selber fallen lassen“, heißt es in Balls dadaistischem Manifest, und an anderer Stelle: „Diese vermaledeite Sprache, an der Schmutz klebt.“

Hugo Balls Auftritt war der Beginn und für ihn selbst zugleich das Ende des Dadaismus. Denn die anarchistische Demontage der Sprache war für ihn keine intellektuelle Mode einer literarischen Avantgarde, sondern existenziell: ein Verzicht „auf die unmöglich gewordene Sprache“. Noch glaubt er allerdings mit Nietzsche, über den er eine Dissertation begonnen hat, an die Erlösung durch die Kunst.

Wiebke-Marie Stock teilt in ihrer „intellektuellen Biografie“ Hugo Balls Gedankenwelt in drei Phasen, „in denen nacheinander Kunst, Politik und Religion dominieren“. Sein Auftritt als Bischof ist deshalb so symptomatisch, weil er alle drei Elemente enthält. Während seiner Nietzsche-Studien glaubte Ball, dass nur die Kunst zu retten vermag, und suchte deshalb nach „dramatischen Ausdrucksformen, in denen sich Tanz, Farbe, Mimus, Musik und Wort entlüden“. Mit einem Wort: das Gesamtkunstwerk.

Den hochfliegenden Plänen der Erneuerung durch die Kunst machte der Krieg ein jähes Ende. Zuerst meldet Ball sich freiwillig zum Kriegsdienst, weil er für einen Moment den Krieg für „das große futuristische Gesamtkunstwerk“ hält. Nur wenige Wochen danach schockierte ihn aber bereits der „Aufruf an die Kulturwelt“, den 93 deutsche Intellektuelle unterzeichneten, und der die deutsche Politik und Kriegsführung verteidigte. Noch 1917 beginnt er mit einem Buch, das als Widerrede gegen das „Manifest der 93“ geplant ist. Es war ihm klar geworden: „Das Wort, meine Herren, das Wort ist eine öffentliche Angelegenheit ersten Ranges.“ Er zieht nach Bern und wird Mitglied der Redaktion der „Freien Zeitung“, für die etwa Ernst Bloch, Kurt Eisner oder Carl von Ossietzky schreiben.

Die Biografin stellt die prägende Erfahrung des Krieges ins Zentrum von Hugo Balls Denkbewegungen. Die Phase, als die Galerie Dada zu einem Ort des prickelnden gesellschaftlichen Chics zu werden drohte, war für Ball die Zeit, seine Aufgabe neu zu definieren. Möglicherweise spielte der Umstand eine Rolle, dass Lenin, einst Nachbar des Cabaret Voltaire in der Züricher Spiegelgasse, im April 1917 im plombierten Waggon durch Deutschland geschleust worden war. Der Bolschewismus enthielt für Ball die Notwendigkeit, die Funktion der Kunst im Gemeinwesen neu zu definieren. In seiner Auseinandersetzung mit Kandinsky definiert er die Rolle des Künstlers neu: „Die Künstler sind Propheten einer neuen Zeit. Ihre Werke tönen in einer nur erst ihnen bekannten Sprache. Ihre Werke philosophieren, politisieren, prophezeien zugleich. Sie sind Vorläufer einer neuen Gesamtkultur.“ Er beginnt, sich mit Thomas Müntzer und dessen Verbindung von religiöser Erwartung und der Hoffnung auf sozialen Umsturz zu beschäftigen. Ergebnis seiner Ursachenforschung, wie es zum großen Schlachten kommen konnte, war 1919 die geschichtsphilosophische Abrechnung „Zur Kritik der deutschen Intelligenz“. Nicht gut kommen darin Luther, Kant, Hegel und Marx weg.

Nach Ende des Krieges reist Ball in der Hoffnung nach Deutschland, zu einem „Denkumsturz“ beitragen zu können. Sein Ziel: eine „Internationale der religiösen Intelligenz“. Die Ernüchterung folgt rasch. Daraufhin stellt er seine politischen Aktivitäten ein und wendet sich dem Mönchtum zu. Das ist insofern konsequent, als er bereits in seinen dadaistischen Séancen die „ästhetische Verfasstheit der Religion“ und den Kunstcharakter der Liturgie erkannt hat, wie seine Biografin bemerkt. Die rituellen Handlungen und ihre magische Wirkung sind eine ursprünglichere Form der Verständigung als die Sprache, die sich als Verführungs- und Propagandamittel diskreditiert hat.

Etwa zur selben Zeit schrieb in der Wienerwaldgemeinde Gablitz der Volksschullehrer Ferdinand Ebner an seinem sprachphilosophischen Werk „Das Wort und die geistigen Realitäten“ und der Trattenbacher Volksschullehrer Ludwig Wittgenstein an seinem „Tractatus logico-philosophicus“. Schade, dass sich die drei nicht begegnet sind. Sie hätten sich eine Menge zu sagen gehabt. Ergebnis von Balls Beschäftigung mit der Sprache der Rituale ist sein Hauptwerk, „Byzantinisches Christentum“ (1923), in dem er drei frühchristliche Heilige porträtiert.

Stocks Darstellung der geistigen Entwicklung Hugo Balls ist eine andere Art Biografie, als sie heute üblich ist. Sie lässt die Äußerlichkeiten des Privatlebens weg und konzentriert sich ganz auf das Werk. Auf diese Weise wird das Buch zum Parforceritt durch die europäische Geistesgeschichte. ■




Wiebke-Marie Stock
Denkumsturz

Hugo Ball. Eine intellektuelle Biografie. 224S., geb., €25,60 (Wallstein Verlag, Göttingen)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

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