Was kommt nach Alice?

28.12.2012 | 18:52 |  Von Annemarie Mitterhofer (Die Presse)

Keine Frau hat die deutsche Frauenbewegung stärker geprägt als Alice Schwarzer. Und doch: Neue feministische Ansätze hat sie verschlafen, behauptet Miriam Gebhardt. Christine Bauer-Jelinek sieht einen „Staatsfeminismus“ heraufziehen, der für den Niedergang der Wirtschaft verantwortlich sein soll.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Alice im Niemandsland“ betitelt Miriam Gebhardt ihre kritische Bestandsaufnahme der deutschen Frauenbewegung. Was haben gut 40 Jahre Kampf für Lohngleichheit und geteilte Familienarbeit, gegen Gewalt und Pornografie den deutschen Frauen eigentlich gebracht? Wenig, meint Miriam Gebhardt. Deutsche Frauen machen keine Karriere, kriegen keine Kinder und fühlen sich mehr denn je vom Mode- und Schönheitsdiktat unter Druck gesetzt. Sie leiden unter dem „Neosexismus“, sind einsam und fühlen sich schon lange nicht mehr von der Frauenbewegung vertreten. Am allerwenigsten von ihrer Leitfigur, Alice Schwarzer. Verantwortlich dafür sei diese selbst, weil sie Neuerungen nicht zulasse und dadurch die Zukunft der Frauenbewegung gefährde.

Jetzt könnte man durchaus einwenden: Warum sollte eine Frau, wie charismatisch und einflussreich auch immer, für die Zukunft einer ganzen Bewegung verantwortlichsein? Alice Schwarzer selbst weist das von sich, wenn sie sagt: „Hinter mir steht weder eine Partei noch eine Bewegung.“ Doch so einfach, meint Miriam Gebhardt, darf es sich die Ikone der deutschen Frauenbewegung nicht machen. Sie selbst hat durch ihre unermüdliche Medienarbeit dafür gesorgt, dass es heute keine Talkmasterin und keine Zeitungsredakteurin gibt, die bei Themen wiedem „Papamonat“ oder dem Strauß-Kahn-Prozess nicht zuerst an Alice Schwarzer denkt, wenn es um eine Stellungnahme „der Frauenbewegung“ geht.

Gebhardt geht es jedoch nicht um eine bloße Abrechnung mit der Doyenne der deutschen Frauenbewegung; es geht ihr um die Beantwortung der Frage, warum Schwarzer die Frauen nicht mehr erreicht. Die gelernte Historikerin holt dafür weit aus. Sie beschreibt die 200-jährige Geschichte der Frauenbewegung und kommt zu dem Schluss, dass die deutsche Frauenbewegung während der neoliberalen Wende in den 1980er-Jahren die in anderen Ländern auflebende Diskussion um neue, differenzierte feministische Ansätze schlicht verschlafen hat.

Bis heute, so Gebhardt, existiere in der Öffentlichkeit lediglich der von Schwarzer propagierte „Ändere dich gefälligst“-Feminismus existenzialphilosophischer Ausprägung, der stark an jenen von Simone de Beauvoir angelehnt ist. Mit dieser teilt Alice Schwarzer die Überzeugung, dass Frauen nicht als Frauen geboren, sondern dazu gemacht werden und dass sie sich von der ihnen oktroyierten „weiblichen“ Rolle befreien müssten. In letzter Konsequenz wird daraus der für viele Frauen schwer zu befolgende Imperativ: „Heiratet nicht, gebärt nicht, habt keine Lust, geht lieber arbeiten.“

Diese Grundposition, so Miriam Gebhardt, hätte sich im Schwarzer'schen Feminismus nie geändert, die Bereitwilligkeit der Frauen, dieser zu folgen, aber schon. Was Gebhardt Schwarzer vorwirft, ist nicht ihr Theoriedefizit, sondern, dass sie für die nachvollziehbare Suche jüngerer Frauen wie Bascha Mika oder Charlotte Roche nur Spott und Hohn übrighat. Vielleicht sei das einer der Gründe, resümiert Gebhardt, warum sichder intellektuelle Feminismus in Deutschland hinter universitäre Mauern zurückgezogen hat. Glücklicherweise nicht ganz, denkt man an Gebhardts kluges Buch.

Christine Bauer-Jelineks Buch „Der falsche Feind“ beschäftigt sich nicht mit der deutschen Frauenbewegung, sondern mit dem Zustand unserer Gesellschaft. Damit scheint es sehr schlecht bestellt zu sein. Männer und Frauen, so analysiert die Psychotherapeutin und Wirtschaftscoach, definieren sich nur mehr über die Erwerbsarbeit, sind mehr denn je von Depressionen, Burn-out und Überforderung heimgesucht. Der Zusammenhalt zwischen den Geschlechtern nimmt ab, Kinder verwahrlosen, Alte und Kranke werden vernachlässigt. Der Homooeconomicus scheint sich endgültig durchgesetzt zu haben. Schuld daran ist, so Bauer-Jelinek, der „Allmachtsfeminismus“.

Hinter diesem von Bauer-Jelinek geprägten Begriff verbirgt sich ein bunt zusammengewürfeltes Theoriekonglomerat aus der Werkstatt einiger 1970er-Feministinnen wie Anette Kuhn, Claudia von Werlhof, Heide Göttner-Abendroth, die in der heutigen feministischen Diskussion bestenfalls historische Bedeutung haben. Trotzdem verschmelzen sie in Bauer-Jelineks Abrechnung mit der Frauenbewegung zum „Allmachtsfeminismus“-Subjekt, das den – nicht näher definierten – „Staatsfeminismus“ manipuliert hat, um Institutionen der Macht von Politik bis Wirtschaft zu „unterwandern“. Nicht, um die Macht zu teilen, argwöhnt Bauer-Jelinek, sondern, um sie ganz zu übernehmen.

Noch ist das zwar Zukunftsszenario, aber eines, das verheerende Folgen nach sich ziehen würde. Folgt man Bauer-Jelineks Argumentation, kämen nämlich mit den Frauen Menschen an die Macht, denen es an „Führungskompetenz“ (Durchsetzungskraft, Frustrationstoleranz, Konkurrenzbereitschaft) mangelt. Bauer-Jelinek konnte in jahrelanger Führungskräfte-Coaching-Praxis feststellen, dass Männer karrierewillige Frauen als Nervensägen empfinden, wofür sie Verständnis zeigt, denn „anstrengende Frauen haben die meisten Männer schon genügend in ihrem Privatleben, davon können sie nicht noch mehr in ihrem Arbeitsumfeld brauchen“. Frauen, so hört Bauer-Jelinek oft hinter vorgehaltener Hand, sind nicht beliebt, weder als Mitarbeiterinnen noch als Kolleginnen.

An diesem Punkt hätte das Buch auch interessant werden können. Christine Bauer-Jelinek hätte sich fragen können: Wie kommt das eigentlich? Warum verhalten Frauen sich so, beziehungsweise warum werden sie so wahrgenommen? Sie wäre dabei vielleicht beispielsweise über Cordelia Fines hervorragendes Buch „Geschlechterlüge“ gestolpert, in dem sie hätte lesen können, dass sich Geschlechterstereotype zwangsläufig immer bestätigen, da wir sie ständig unbewusst reproduzieren.

Wenn Bauer-Jelinek ein „Allmachtsfeminismus“-Subjekt konstruiert, das sich aus grundverschiedenen feministischen Positionen zusammensetzt, und diesen Homunkulus dann bitter bekämpft, muss man das wohl als Spiegelfechterei bezeichnen. Aber vielleicht wollte sie mit ihrem Buch auch gar nichts beweisen, sondern einfach ihrem Ärger (auf wen eigentlich?) Luft machen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News

  • Papst Franziskus erteilt Segen "Urbi et Orbi"
    In seiner Osterbotschaft forderte Papst Franzikus vor 150.000 Menschen in Rom eine politische Lösung in der Ukraine und einen verstärkten Einsatz gegen die Hungersnot. Auf Ostergrüße in verschiedenen Sprachen verzichtete Franziskus auch heuer.
    Ostern ist das neue Weihnachten
    Während die Konsumlaune zu Weihnachten stagniert, geben die Österreicher immer mehr für Ostergeschenke aus. Der Handel steigert die Kauflust mit Umfragen und Lockangeboten.
    Ostukraine: Fünf Tote bei Schusswechsel
    Bei einem Angriff auf einen Stützpunkt prorussischer Separatisten starben drei Separatisten und zwei der Angreifer, berichtet der russische Sender Rossija 24.
    Formel 1: Hamilton holt dritten GP-Sieg in Folge
    Der Mercedes-Pilot Lewis Hamilton gewann am Sonntag in Shanghai vor Nico Rosberg und Fernando Alonso. Sebastian Vettel landete auf Platz fünf.
    Die Industrie probt den Aufstand
    Österreichs Spitzenmanager haben genug von hohen Lohn- und Energiekosten und drohen schon mit Abwanderung. Voest, OMV, Lenzing und Industriellenvereinigung gehen vor der Budgetrede des Finanzministers in die Offensive.
  • Sparvorgaben: SPÖ sucht gemeinsame Linie
    Immer mehr SPÖ-Politiker wollen das Schulbudget neu verhandeln. Doch der Finanzminister bleibt hart – und der Kanzler schweigt.
    Der Kunde als Testfahrer
    Nach einer Reihe von Unfällen, die 13 Menschenleben gekostet hat, musste General Motors heuer schon 6,6 Millionen Autos zurückrufen. Sind neue Modelle für die Kunden ein Risiko?
    Sind Chinas Schulden gefährlich?
    Die hohe Verschuldung chinesischer Unternehmen bereitet westlichen Investoren Kopfzerbrechen. Die Sorgen seien übertrieben, meinen hingegen Anleihenexperten aus Hongkong.
    Osterspaziergang auf dem Ballhausplatz
    Wenn Politiker keine Politiker sein wollen, wenn man den Aktionismus auf der Straße für eine Alternative hält, ist es wieder Zeit, über den Running Gag der Innenpolitik nachzudenken: Strukturreformen.
    Phrasen schaffen keine Jobs
    Jetzt haben wir das Wort „Wirtschaftskrise“ schon so oft gehört, man könnte fast meinen, „die Wirtschaft“ sei an der Krise schuld.
  • Stundenzählen bis zur Heiligsprechung
    In Polen bereitet sich alles auf die Heiligsprechung von Johannes Paul II. in einer Woche vor. Der 2005 verstorbene polnische Papst wird in dem Land weiterhin als moralische Autorität verehrt.
    "Krone"-Journalist Dieter Kindermann ist tot
    Der langjährige Innenpolitik-Redakteur Dieter Kindermann starb im Alter von 74 Jahren an den Folgen eines Herzleidens. Die katholische Kirche trauert "um einen Freund", sagte Kardinal Schönborn.
    Pakistan: 42 Tote bei Verkehrsunfall
    Im Süden Pakistans war ein Bus mit einem Traktor zusammengestoßen. Mindestens 42 Menschen wurden getötet, 17 weitere verletzt.
    Österreichs weibliche Seite in Europa
    Bauernbündlerin, Übersetzerin, Homosexuellen-Aktivistin: Ein Blick auf die heimischen Kandidatinnen für das EU-Parlament.
    Eishockey-WM in Südkorea: Österreich siegt zum Auftakt
    Das ÖEHV-Team startet mit einem 3:2-Sieg gegen die Ukraine in die B-WM. Brian Lebler sorgte in der Verlängerung für die Entscheidung.
AnmeldenAnmelden