Schuld und Schulden

28.12.2012 | 18:52 |  Von Adolf Holl (Die Presse)

„Und erlasse uns unsere Schul-den“, heißt es im altgriechischen Original des Vaterunsers. David Graeber und Christina von Braun kultivieren ein scharfes Auge für die Nachhaltigkeit religiöser Einstellungen im Finanzwesen.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Die Idee, im Jahr 2050 weltweit ein heiliges Jahr auszurufen, wäre megacool. Das steht in den beiden maßgeblichen Büchern zum Thema Entschuldung, die heuer herausgekommen sind. David Graeber schreibt: „Ich habe den Eindruck, ein Ablassjahr nach biblischem Vorbild ist überfällig, für Staatsschulden wie für Konsumschulden.“ Christina von Braun bemerkt: „Jedes Schuldverhältnis der Moderne schafft neue Schuldverhältnisse, die ihrerseits nach einem Ablass verlangen.“

Das biblische Ablassjahr sollte mit Posaunenschall angekündigt werden und jeglichen Grundbesitz, der während der letzten 50 Jahre veräußert worden war, an den ursprünglichen Eigentümer zurückfallen lassen. Verkündige Freiheit im Land für alle Bewohner! So habe Gott zu Moses auf dem Berg Sinai geredet und hinzugefügt, während der heiligen Zeit habe jegliche Arbeit zu unterbleiben, wie im Paradies sozusagen. Ob das Ablassjahr im Judenland je geübt wurde, ist ungewiss.

Im christlichen Abendland wurde erstmals anno 1300 ein Ablassjahr gefeiert, im Sinn der vollkommenen Entschuldung von angehäuften Sündenstrafen. Dazu erklärt der „Katechismus der katholischen Kirche“ (1993), dass jede Sünde bestraft gehört, zum Beispiel im Fegefeuer. In der Beichte werden Sünden vergeben, nicht aber alle mit ihnen verknüpften Strafen. Deshalb gebe es Ablässe. Zur Lutherzeit waren Ablässe käuflich. Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt. Statt über die Alpen nach Rom zu wandern, regelte man die Angelegenheit mit einem Ablassprediger, der gegen Bares das gewünschte Dokument bereithielt. So kamen die Mittel für den Neubau der Peterskirche zustande, was halb Europa protestantisch machte und den heutigen Touristen gleichgültig ist.

Graeber und von Braun kultivieren ein scharfes Auge für die Nachhaltigkeit religiöser Einstellungen im Finanzwesen. Von Braun: Das Geld kam aus Tempeln, und es blieb seinem Ursprung bis heute treu, der Beglaubigung durch das Opfer. Graeber: Jenseitsglaube vermittelt zumindest eine Ahnung von radikalen Alternativen.

Ob die Finanzmärkte das auch so sehen? Frank Schirrmacher („FAZ“) zeigte sich zwar von Graebers Werk begeistert, aber das Ende der Eurokrise bleibt weiterhin nicht in Sicht, so wenig wie die radikalen Alternativen gegenweltlicher („religiöser“) Inständigkeit. Es sei denn, die blutigen Attentate todesbereiter Kommandos rücken ins Bild, die im Namen ihres Gottes zur Tat aufbrechen. Damit sind sie dem Kreislauf Ware-Geld-Ware entkommen.

Gemütlichere Frömmigkeitsübungen haben bessere Chancen, auch in Zukunft mit Schuldenbergen zu koexistieren. Bis 2050 ist damit zu rechnen, dass Länder mit hohen Geburtenraten statistisch im Vormarsch bleiben, und damit auch die Freude an Gebeten, Gottesdiensten oder Wallfahrten, Rosenkränzen und Amuletten, Heiligenbildern im Schlafzimmer. Armut und Religion vertragen sich gut miteinander. Im Vaterunser haben sich Spuren dieses Verhältnisses erhalten, was von Braun bemerkt hat. In der italienischen Fassung des ältesten Gebets der Christenheit werden die Sünden nicht als peccati, sondern als debiti bezeichnet, und die Schuldigen, denen es zu vergeben gilt, heißen debitori. Auch für die Vergebung wird ein ökonomischer Begriff verwendet – rimettere, was so viel wie zurückgeben bedeutet. Diese Wortwahlen decken sich mit dem altgriechischen Original des Vaterunsers im Matthäusevangelium 6,12: „Und erlasse uns unsere Schulden (opheilemata), weil auch wir denen ihre Schulden erlassen haben, die uns etwas schuldig geblieben sind.“

Damit liegt ein Text auf dem Tisch, der das Verhältnis zwischen moralischem Fehlverhalten und Verschuldung entkrampft. Graeber: „Was bedeutet es, wenn wir moralische Verpflichtungen auf Schulden reduzieren?“ Damit sind wir bei der zentralen Fragestellung. Die ersten Juden, die das Vaterunser beteten, lebten von der Hand in den Mund. Unser tägliches Brot gib uns heute. Die Apostelgeschichte schreibt über sie: „Sie hatten alles gemeinsam. Kein Einziger sagte, dass etwas von seinem Besitz sein Eigen sei.“ Das funktionierte deswegen nicht besonders gut, weil die Gemeindekasse meist leer war. Sie war auf Spenden angewiesen, die Sankt Paulus auf seinen Missionsreisen in den Jahren 34 bis 54 nach Christus zusammenbettelte.

Die Schulden Gott gegenüber blieben allerdings deshalb bestehen, weil sie nicht getilgt werden konnten. Der Ansprechpartner des Vaterunsers ist als Weltenschöpfer gedacht, dem somit jeder Mensch seine Existenz schuldet. Keine Möglichkeit für einen Schuldenschnitt. Christlich gesprochen ist Gottsohn deshalb Mensch geworden und hat sich am Kreuz geopfert, um die offene Rechnung endgültig zu begleichen.

Das klingt zwar recht erbaulich, ändert aber nichts daran, dass die sogenannte Erbsünde (peccatum originale) weiterhin durch Fortpflanzung übertragen wird und jedes Neugeborene schuldig auf die Welt kommen lässt, auch in Peking oder Delhi. So bringt es der Katechismus der katholischen Kirche auf den Punkt. Bestätigt wird diese Sicht der Dinge durch einen Blick in den Wirtschaftsteil der nächsten Tageszeitung.

Von Braun und Graeber wissen das durchaus, haben aber in ihrer Hausapotheke ein Mittel gegen die ultimative Depression im weltanschaulichen Bereich gefunden, indem sie die Frage nach den Anfängen der Entwicklung stellen, die unsere Gegenwart bestimmen. Menschen mit aufrechtem Gang sind wir seit einer Million Jahren, Münzgeld kam erst zwischen 600 und 500 vor Christus in Umlauf, im Norden Chinas, im Gangestal und in den Regionen rund um das Ägäische Meer. Im Lampenlicht oder auf dem Badestrand lassen sich die voluminösen Werke Graebers und von Brauns deshalb mit einem gewissen Behagen studieren, weil sie auf dem Zeitpfeil aufgetragen sind. Was einmal entstanden ist, muss nicht ewig währen.

Der Dichter Archilochos zum Beispiel, geboren auf der Kykladeninsel Paros und gestorben um 640 vor Christus, war ein Lohnsoldat, erzählt von Braun mit Berufung auf das Buch „Geld und Geist“ von Rudolf Wolfgang Müller, der einen Zusammenhang zwischen Söldnerwesen, Geldgebrauch und Dichtkunst im alten Hellas entdeckt hat. Archilochos verstand sich auf das Kriegshandwerk und trug seinen Sold in Form von handlichen Barren aus Elektron, einer Mischung aus Gold und Silber, bei sich, ohne Verwurzelung in Genealogie und Dorfgemeinschaft, sozusagen vogelfrei, um mit eigenem Namen unterschreiben zu können.

In der Tat hinterließ Archilochos Verse, in denen der Autor erstmals in der Kulturgeschichte in der Ichform auf die Bühne springt. Auch Graeber referiert den auffälligen Zusammenhang zwischen Geld und Geist, indem er sein Fernglas auf die erste griechische Stadt richtet, die ab 600 vor Christus eigene Münzen herausgab, Milet. In ihr lebten zur selben Zeit auch jene drei Männer, die für die Anfänge der griechischen Philosophie verantwortlich sind – Thales, Anaximander und Anaximenes. Nur so viel wissen wir, meint Graeber: In Lydien, in Indien und in China gelangten die lokalen Herrscher aus irgendeinem Grund zu der Ansicht, die alteingeführten Kreditsysteme seien nicht mehr angemessen. Daher begannen sie, kleine Edelmetallstücke herauszugeben, und ermunterten ihre Untertanen, diese Metallstücke auch für kleine alltägliche Transaktionen zu verwenden. Der bedeutendste Faktor war der Krieg.

Der heilige Franz von Assisi (1182–1226 nach Christus), der das Verbot, Münzgeld anzunehmen, in die Regel des von ihm gegründeten Bettelordens schrieb, machte sich über den Zusammenhang zwischen Militärwesen und Bankenwesen keine Illusionen. Dem Bischof von Assisi erklärte er das Prinzip seiner Ethik ohne Eigentum so: „Herr, wollten wir etwas besitzen, dann müssten wir auch Waffen zu unserer Verteidigung haben.“

Graeber streift den sogenannten Armutsstreit, der die Gelehrten der berühmtesten Universitäten Europas hundert Jahre lang beschäftigt hat, leider nur mit wenigen Worten. Auch von Braun hat die Bedeutung der päpstlichen Bulle „Cum inter nonnullos“ vom 12.September 1323 übersehen. In diesem Edikt wurde die Behauptung, Jesus und seine Apostel hätten besitzlos gelebt, als Ketzerei gebrandmarkt, für ewige Zeiten. Damit war dem Heiland der abendländischen Christenheit ein Geldbeutelchen in die Tasche geschoben und nicht dem Verräter Judas Iskarioth, der im Johannesevangelium als Kassenwart beschrieben ist.

Von der „Weltmacht Religion“, wie sie der Spiegel Verlag 2007 bezeichnet hat, erwartet weder Graeber noch von Braun energische Hilfstruppen im Kampf gegen die gegenwärtige Schuldenfalle. Von Braun sieht wenig Alternativen zum Fortwursteln, Graeber empfiehlt allenfalls eine Drosselung der Weltwirtschaftsmaschine, trotz seiner Koketterie mit anarchischen Vorlieben.

Ein Ablassjahr 2050 würde jedenfalls zu einem Crash führen, der im eiszeitlichen Neandertal endigt. Ob sich der heilige Franziskus im Himmel darüber freuen würde? Immerhin hat er das Geld als eine giftige Schlange bezeichnet. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News

AnmeldenAnmelden