Soros entführt!, so Griebl, sagt Eichberger

28.12.2012 | 18:52 |  Von Wilhelm Hengstler (Die Presse)

Mehrmals um die Ecke und doch rund: „Die Nahrung der Liebe“.

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Der Sinn zur Krise wird üblicherweise von den Talking Heads im allabendlichen Medienkabarett ZIB gespendet: Krise des Kapitalismus, Krise Europas, Griechische Krise, unendlicher Wechsel von Bären und Bullen, gierige menschliche Hyänen und Heuschrecken oder was es sonst noch an ökonomischer Fauna gibt. Allmählich kennt jeder alle Reime auswendig und keiner kann sich noch einen drauf machen. Was ist irrationaler, als die medial vermittelten, wissenschaftlichen Erklärungen der Ökonomen und Geldfachleute? Wenn Sachbücher zur belletristischen Erregungsliteratur werden, welches Feld bleibt dann der schönen Literatur zu bearbeiten, wie nahrhaft oder giftig sind die von ihr gezogenen Früchte?

Wer ein „rationaleres“ und zugleich unterhaltendes Bild der Krise sucht, findet es in Günter Eichbergers neuem Buch, „Die Nahrung der Liebe“. Beginnend mit dem Titel, der von Shakespeares Lustspiel „Was ihr wollt“ entlehnt ist, spannt der Autor bis zum großen Finale, das die „Ode an die Freude“ mit der „Internationalen“ kombiniert, einen ironischen Bogen über das Thema.

Das wird mittels eines Konzepts realisiert, dessen Beschreibung auf dem Buchumschlag in ihrer Brillanz vom Autor selbst stammen könnte: „Ausgehend von der nicht nur im Literaturbetrieb geführten Debatte um den Umgang mit urheberrechtlich geschützten Sprachmaterial zwischen postmodernen Verächtern des Originalitätsbegriffes und traditionellen Verfechtern des Authentischen führt ,Die Nahrung der Liebe‘ ausgiebig Intertextualität vor.“ Berühmte Namen werden für diesen Mix verwendet: Bakunin, Barthes, Enzensberger, Soros selbst und Franzobel, der bürgerlich eigentlich „Griebl“ heißt.

Der verwegene Sprachvirtuose Eichberger, dem realistische Engführung kaum anzurechnen ist, hat schon in seinen letzten Veröffentlichungen „große“ Themen behandelt. Paraphrasierte er mit „Nein“ (unter anderem) das Genre der NS-Bewältigungsliteratur, so war „Alias“ eine Paraphrase auf den Mythos Bob Dylan, mit der verglichen „I'm not there“ von Todd Haynes akademisch wirkt. In seinem neuen, aller Aktualität vorauseilenden Buch, „Die Nahrung der Liebe“, spielt Eichberger die Finanzwirtschaft mit einer ihrer bekanntesten Gestalten durch. George Soros ist entführt worden und monologisiert nun seine unsichtbaren Entführer ums Leben an. Aber diese Geschichte hat sich der ressentimentgeladene Vielschreiber Griebl ausgedacht, und der ist wieder das Geschöpf Günter Eichbergers, womöglich, ein bisschen, er selber. Einmal redet also Soros, dann räsoniert wieder Griebl oder Eichberger berichtet von seinem Alter Ego und alle immer von sich.

Als Handreichung für die Lektüre empfiehlt es sich aber, diesem Plot und dieser gekreuzten Handlung nicht allzu zwanghaft in Eichbergers freiem Spiel der Sprache nachzuforschen. Eichberger treibt erzählend, assoziierend, alliterierend, gelegentlich auch kalauernd auf einem Sprachstrom dahin, der unaufhörlich seine eigenen Metamorphosen generiert. Damit demonstriert der Autor schlagend, dass in den Emanationen seiner proteushaften Sprache mehr Sinn steckt, als in dem, was sich rational mit ihr konstruieren lässt. Seine anarchischen Sprachspiele vermitteln mehr Sinn, als die Rationalisierungen der Beschwichtiger aus der Finanzwelt.

Aber beherrscht Eichberger noch diesen Sprachstrom, den er doch produziert, oder ist sein Bewusstsein schon längst nur mehr angeschwemmtes Strandgut? Der ebenfalls in dieser paradoxen Doppelbindung gefangene Leser bringt sich um sein Vergnügen, sollte er auf einer bestimmten Perspektive bestehen und sich dem Wirbel unaufhörlicher Blickwechsel entziehen. Die „Schnelligkeit“ von Eichbergers Text, seine Verknappungen sind zweifellos auf den gewitzten Glossenschreiber zurückzuführen, was aber noch lange nicht die jäh einbrechenden, existenziellen Untertöne, nicht den ingrimmigen Sarkasmus und den süßen Schmerz erfasst. Indem Eichberger über Griebl fantasiert, erzählt er auch vom lustigen, prekären Künstlerleben, und die Verteidigungsreden von Griebls Helden Soros wirken milde verglichen mit ätzenden Fantasien der realen Herren des globalen Finanzmarktes.

Kurzum, zwei Halbsätze Eichbergers sind welthaltiger als ein Jahresabonnement ZIB. Erschienen im Ritter Verlag, der immer mehr zu einem zentralen Ort avancierter, österreichischer Literatur wird. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2012)

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