„Nie war die Erde so dünn gewesen“

11.01.2013 | 18:25 |  Von Gerhard Zeillinger (Die Presse)

Wolfgang Hermanns literarischer Abschied von seinem Sohn. Persönliche Katastrophen als direkte Vorlage für ein Buch haben oft den Niederschlag des „Schicksalhaften“, dementsprechend wird solche Literatur vermarktet. Nicht so hier.

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Persönliche Katastrophen als direkte Vorlage für ein Buch haben oft den Niederschlag des „Schicksalhaften“, dementsprechend wird solche Literatur vermarktet. Nicht so hier. „Abschied ohne Ende“ ist ein stiller, ganz intimer Text, nirgendwo auf dem Umschlag steht vermerkt, dass der Autor als Betroffener von einer ganz persönlichen Erfahrung schreibt, die Etikettierung „autobiografisch“ hätte wohl im Kern ihre Berechtigung. Lediglich die vorangestellte Widmung „Für Florian“ deutet an, dass der Geschichte ein realer Anlass zugrunde liegt, und der ist traurig
genug: Vor 13 Jahren hat Wolfgang Hermann seinen Sohn verloren. Er hat lange zugewartet, das Unbegreifliche aufzuarbeiten: einen Tod, so plötzlich und sinnlos, dass es auch heute noch schwerfällt, sich damit abzufinden.

„Es war doch nur eine Grippe. Es war nur Fieber. Daran stirbt ein junger Mensch nicht.“ Im Buch heißt der Sohn Fabius, er ist in Vorarlberg aufgewachsen, er ist 16, als
er zu seinem Vater, einem Universitätslehrer, nach Wien zieht. Die Eltern haben nie zusammengewohnt, nur eine kurze Beziehung, die erste, die große Liebe, hat sie verbunden, eine Gemeinsamkeit entstand daraus nie, sie wurden nie eine Familie. Umso mehr erfüllt sich dem Vater ein spätes Glück,weil er nun ein wenig von dem nachholen kann, was ihm bisher fern und fremd geblieben ist. Natürlich verläuft das nicht ganz ohne Schwierigkeiten – es gibt Probleme in der Schule und Erfahrungen mit Drogen –, doch die Perspektive danach kennt eigentlich nur eine geglückte Annäherung. Immerhin begegnet der Vater dem jungen Menschen stets mit größtmöglichem Verständnis, so als wären die Träume des Heranwachsenden ein wenig auch die seinen – eine gemeinsame Illusion, die ganz plötzlich mit dem Tod aufhört.

Am Anfang ist alles Schmerz, alles unwirklich, oder, wie es leitmotivisch heißt: „Die Zeit verschwand.“ Bis die Dinge wieder ins Gleichgewicht kommen, gerät auch Fabius' Vater durch einen Herzanfall in den Grenzbereich des Lebens. In diesem ist übrigens Wolfgang Hermann selbst schon mehrmals gewesen, wie er in Interviews berichtet. Im Buch lässt er seinen Erzähler darüber sagen: „Mein Herz schien wie umgestülpt.“

Es ist gleichsam das Leben, das sich umgedreht hat, das ihm nun den Boden wegzieht: „Fabius' Tod war nicht einfach nur sein Verlöschen. Sein Tod war die Auslöschung einer ganzen Welt. Sein Tod war ein Strudel, der uns nach unten zog. Nie war die Erde so dünn gewesen.“

Zurück bleibt das Unsagbare, jener endlose Abschied, der auch dem Überlebenden die Richtung zu nehmen scheint. Doch der Ich-Erzähler versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen, er leistet das, was man Trauerarbeit nennt – gemeinsam mit zwei Frauen: mit Anna, Fabius' Mutter, die für mehrere Wochen nach Wien gekommen ist, und Julia, Fabius' Freundin. Auch wenn es kein Verstehen gibt, die Trauer erweist sich als heilsames Erlebnis, das gemeinsame
Beschwören von Erinnerungen verbindet: „Wir waren eine Familie, die nie zusammengewesen war und doch zusammengehörte.“

Auf dieser Ebene ist es irrelevant, wie sehr „Abschied ohne Ende“ ein autobiografisches Buch ist – Wolfgang Hermann hat sich die eigene Geschichte zum Anlass genommen, sie umgestaltet, verfremdet, überhöht. Vielleicht um eine Spur zu viel, gewinnt man den Eindruck. Jedenfalls drängt sich die Frage auf, ob sich nicht ein gültigeres Ergebnis hätte erzielen lassen, hätte der Autor mehr auf Realismus gesetzt als auf literarische Übersteigerung. Der Text wirkt durchkomponiert wie ein Musikstück, mit einem sehr lyrischen Grundton. Und der erzeugt eine bestimmte Aura – während man sich beim Lesen ein wenig mehr Bodenhaftung wünschen würde. Dennoch ein berechtigtes, ein mutiges Buch. ■





Wolfgang Hermann
Abschied ohne Ende

104 S., geb., €13,40 (Langen Müller Verlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2013)

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