Einmal ins Kino, einmal ins Puff

11.01.2013 | 18:25 |  Von Najem Wali (Die Presse)

Antonio Pennacchi erzählt in „Canale Mussolini“ den Aufstieg des italienischen Faschismus aus der Sicht seiner Mitläufer: Arme Familien hoffen, ihrer Not und Schuldknechtschaft durch totale Anpassung zu entkommen.

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Tausende Bauernfamilien wurden 1928 aus den ärmeren Gegenden der Region Venetien in die malariaverseuchte Ebene von Latina umgesiedelt, um bei der Aushebung des Canale Mussolini mitzuwirken. Der Zweck war teils die Trockenlegung der pontinischen Sümpfe zwischen Rom und Neapel, teils die dauerhafte Ansiedlung der armen Familien dort. Anhand deren Schicksale hat Antonio Pennacchi eine menschliche Topografie des italienischen Faschismusentworfen, erzählt aus Sicht seiner Anhänger. Eine dieser Familien ist der Peruzzi-Clan: Der aus einer Familie mit 13 Geschwistern stammende Onkel Pericle, der „Löwe des Clans“, die stolze Tante Amida, der hochmütige Onkel Adelchi, die Großeltern, ländliches Urgestein, und ihre Enkel, allesamt geeint durch den Kampf gegen Armut, Mücken und die Unbill des Lebens.

Durch puren Zufall war Großvater Peruzzi in seiner Jugend zu den Sozialisten geraten, als er 1904 mit dem damals sozialistisch eingestellten Rossoni im Gefängnis saß, der späteren Nummer 2 hinter dem erst sozialistischen, dann faschistischen Benito Mussolini. Und wie es der Zufall wollte, dass der Großvater eine Zelle mit Rossoni teilte, so war es Langeweile, die Onkel Pericle dazu brachte, in Mailand der Bewegung „Il Popolo d'Italia“ beizutreten. Denn Onkel Pericle war vor allem ein armer Soldat, und „wo sollte er denn hin? Einmal ins Kino, einmal ins Puff“. Und trotz des Preisnachlasses, den sie bei den Freudenmädchen genossen, ging der Sold immer rasch zur Neige. Dann hatte man wirklich nichts mehr, wohin man gehen konnte. „Also gingen sie zum Fascio.“

Das Schicksal des Peruzzi-Clans, erzählt von einem der Enkel, oszilliert zwischen burlesker Komödie und Tragödie. Zunächst Sozialisten, wandelt sich der Clan beim Aufstieg des Duce zu dessen treuen Gefolgsleuten. Da sie fast landlos unter ihren Schulden beim adeligen Großgrundbesitzer ächzen, lockt der Faschismus mit dem Versprechen eines kleinen Besitzes in der Ebene von Latina. Die Peruzzis stehen modellhaft für andere Familien, die sich mit dem Faschismus arrangiert haben, frei nach dem Motto: „So nette Freiheit und Demokratie haben wir bisher noch nicht erlebt.“ Wie viele sahen sie im Faschismus eine Rückkehr zur Ordnung. „Mussolini hat immer recht“, war die Standardaussage. Recht, als er diese Sümpfe trockenlegen ließ. Recht, als er die Demokratie abschaffte. Und recht, wenn er versuchte, „den neuen Menschen zu schaffen – Bauer und Soldat – im Guten oder im Bösen“. Deswegen liebte Mussolini das Land und hasste die Stadt. Und er hatte recht, wenn er militärisch gegen andere Länder vorging, auch wenn diese Länder keinerlei Beute für ihn abwarfen – in Äthiopien fand sich „kein Gramm Eisen oder Kohle, ganz zu schweigen von Erdöl“. Öl freilich gab es in Libyen, aber sie „konnten es nicht finden“.

Selbst als Mussolini Hitler folgte und Juden liquidieren ließ, stellte sich keiner quer. Als einziger widersprach Faschistenkollege Italo Balbo, der den Duce zur Rede stellte: „Aber was haben die Juden euch denn getan? In Italien sind sie faschistischer als wir.“ Der erwiderte: „Du verstehst nichts von Politik.“ Aber als Theoretiker und Nummer 3 der Partei wusste Balbo sehr wohl, wovon er sprach, und konnte viele Beispiele anführen: Camillo Barany, ein erstklassiger Agraringenieur und darüber hinaus ein guter Soldat.


Der Duce und sein Nachahmer

Er war in Projekten Mussolinis zur Urbarmachung ländlicher Gebiete tätig, zuletzt auch beim Canale Mussolini, „kurz gesagt, der Mann war entweder im Krieg oder mit der Trockenlegung von Sümpfen befasst“. Oder die zwei Architekten, die den Bau der ersten Siedlung am Canale Mussolini beaufsichtigten und bei der Einweihung 1937 neben Mussolini stehen durften. Auch sie waren Juden und 150-prozentige Faschisten.

Ein italienisches Sprichwort lautet: „Wer bereits beschlossen hat, sich aufzugeben, den machen die Götter blind.“ Wer als im Irak Geborener diesen Roman liest, stellt nicht nur parallele Denkmuster bei denen fest, die bereits beschlossen haben, sich aufzugeben, sondern konstatiert die Charakterähnlichkeit der „historischen“ Führer. So wie „Der Duce immer recht hat“, so hatte auch „Saddam immer recht“. Selbst, wenn er sich in der Grammatik vergriffen hatte, traten gleich darauf Arabischdozenten auf den Plan, um zu erklären, wie korrekt doch seine Ausdrucksweise gewesen sei, wie falsch dagegen die Syntax des Korans! Oder, dass es ruhig regnen könne, denn sobald der Duce (oder Saddam) auftauche, strahle die Sonne!

Entkam jemand nach Amerika, wie die Nummer 2, Rossoni, dann musste die Familie dafür büßen: Dessen Schwiegersohn Giano wurde auf Mussolinis Befehl hin erschossen. Nicht viel anders erging es dem Mann von Saddams Tochter Hala und all seinen Geschwistern. Aus der Trockenlegung ist, so scheint's, eine Mussolini-Schule entstanden: Auch Saddam ließ Sümpfe trockenlegen und nannte seinen Kanal „der dritte Fluss“ oder „Canale Saddam“. Selbst das Ende der beiden Diktatoren ähnelt sich bis zu einem gewissen Grad: Der Duce wurde in Bauernkleidung festgenommen und aufgeknüpft, Saddam wurde versteckt in einem Loch im Feld aufgegriffen, wo er als Kind Schafe gehütet hatte, ehe auch er aufgeknüpft wurde.

Antonio Pennacchi, der 2010 für diesen Roman mit dem wichtigsten Literaturpreis, dem Premio Strega, ausgezeichnet wurde, hat sehr böse Dinge in seinem Land angesprochen. Gibt es etwas Gemeineres als den Faschismus? Aber genau das macht diesen literarischen „Pistolenschuss“ so spannend. Bisher hatte nur die andere Seite, die der Opfer, über den Faschismus gesprochen. Nunkommt ein Roman über den Faschismus aus der Ecke derer, die sich ihm hingegeben haben. Sein Erzählstil mit all seiner burlesken, stechend-scharfen Ironie transportiert eine Pluralität von Stimmen, was man Pennacchi hoch anrechnen muss.

„Nur in diesem Sinne sind die hier erzählten Tatsachen als strikt wahr zu betrachten.“ Natürlich hat Pennacchi auch aus anderen Quellen geschöpft, doch dieses Buch „kopiert nicht: die anderen Bücher sind für dieses hier geschrieben worden“, so der Autor im Vorwort. Es wäre falsch zu behaupten, dass die Literatur versiegt, wenn es um Politik geht. Nur wahren Meistern des literarischen Fachs gelingt es, Politik so in literarische Fiktion zu übertragen, dass sich Tatsachen mit Erfundenem untrennbar verweben. Antonio Pennacchi zählt zu diesen zeitgenössischen Meistern des Romans. ■



Antonio Pennacchi
Canale Mussolini

Roman. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. 448S., geb., €25,60 (Hanser Verlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2013)

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