Der Elefant Europas

18.01.2013 | 18:33 |  Von Hans Werner Scheidl (Die Presse)

Wer die Kindheit der Kriegsgeneration nicht kennt, kann ihr späteres Tun nicht verstehen. Auf dieser These baut Hans-Peter Schwarz seine Biografie Helmut Kohls auf. Denn der Krieg machte Kohl zum Mister Europa.

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Am 19.Dezember 2012 war das Ereignis den Medien nur eine kurze Notiz wert. Dennoch war das, was sich abspielte, der Höhepunkt für einen kranken alten Mann im Rollstuhl: EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy überbrachte dem deutschen Altkanzler Helmut Kohl die Urkunde des Friedensnobelpreises 2012, der an die Europäische Union ging. Niemand habe sich mehr verdient gemacht als der frühere deutsche Kanzler, sagte der Repräsentant Europas.

Wer wollte dem widersprechen? In Hans-Peter Schwarz' Kohl-Biografie zitiert der Autor den Altbundeskanzler so: „Ich möchte die Einigung Europas, weil ich es meiner Mutter versprochen habe.“ Ein verblüffendes Wort. Was aus dem Munde Helmut Kohls so banal klingt, könnte in Wahrheit der Schlüsselsatz für ein Stück Weltgeschichte sein. Jedenfalls behauptet der Chefredakteur von „Le Monde“ dem Autor gegenüber, dass dieser Satz 1996 gefallen sei. Es klingt authentisch, weil es viel ehrlicher als die aufgeblasenen Phrasen heutiger Berufspolitiker ist.

Kohls Onkel war im Ersten Weltkrieg gefallen, Kohls um vier Jahre älterer Bruder Walter im Zweiten. Die Familie war konservativ, katholisch, antinazistisch. Wer die Kindheit der Kriegsgeneration nicht in Rechnung stellt, wird ihr späteres Tun und Lassen nicht einordnen können. Helmut Kohl hat als Bub am 6.September 1943 zusehen müssen, wie seine Heimatstadt Ludwigshafen in Schutt und Asche gelegt wurde. In nur 40 Minuten wurden 32 Luftminen, 325 Sprengbomben, 62.000 Stabbrandbomben und 250Phosphorbomben von rund 500 alliierten Flugzeugen abgeworfen. 1945, als die Amerikaner die Stadt besetzten, befand sich der junge Kohl inmitten einer Trümmerlandschaft. Nach der Matura 1950 studierte der Sohn eines mittleren Finanzbeamten Jus; promoviert hat er aber doch in seinem Lieblingsfach Geschichte in Heidelberg. Hätten nur mehr unserer heutigen Politiker Geschichte studiert!

Da verehrte er schon die Tanzschulbekanntschaft Hannelore Renner, die er 1960 heiratete. Sie zwang den Studenten Kohl zum Abschluss seines Studiums. Über das Familienleben der Kohls ist viel getuschelt worden. Es war dieses demonstrative Herausstreichen einer pfälzischen Vorzeigefamilie, bei dem die Söhne Walter und Peter mitspielen mussten, als angepasste Trabanten um das väterliche Zentralgestirn.

Einschub: Ich durfte ihn mehrfach in den Achtzigerjahren besuchen, wenn er alljährlich für vier Wochen die „Villa Jütte“ in der Mondseer Straße in Sankt Gilgen gemietet hatte. Für einen geschichtsbegeisterten Journalisten waren solche Abende auf der Seeterrasse ein Lehrstück. Doch das enge Band nachbarschaftlicher Beziehung ward mit einem Mal durch eigene Unvorsichtigkeit zerschnitten. „Das hat der ,Spiegel‘ auchin der Vorwoche geschrieben.“ Wie naseweis, wie verhängnisvoll! „Sie lesen dieses Schmierblatt?“, fragte der damalige Ministerpräsident. Dann wies er mir die Tür. Da war sie wieder, seine große Schwäche, die viele als seine größte Stärke rühmten: Er konnte nichts vergessen.

Ende 1946 stößt der junge Kohl zur CDU. In seiner Heidelberger Dissertation (er ist Werkstudent) rekonstruiert er später das turbulente Hin und Her der Parteigründer. Sein Mentor wird Dekan Johannes Fink, der die Arbeitergemeinde des Stadtteils Limburgerhof in Ludwigshafen betreut. Hier wird ein vereintes Europa als einzige vernünftige Schlussfolgerung nach der deutschen Katastrophe gepredigt. Von dieser Vision ist Kohl nicht mehr abgegangen.

Niemand sollte ihm je bescheinigen, ein hervorragender Redner zu sein. Das nicht. Aber schon im Pfälzer Landtag ist er kraftvoll, schlagfertig, oft polemisch. Wenn Not am Mann ist, dann bügelt der Hüne alles glatt. Auch manchen Parteifreund, wie sich zeigen sollte. Den langjährigen Landesparteichef Altmeister bremst er aus, im Mai 1969 ist er schon Ministerpräsident und legt einen fulminanten Wahlkampf hin: 50 Prozent der Stimmen ermöglichen dem „Macher“, nach Gutdünken zu regieren. Das hat den späteren Bundespolitiker geprägt. Zögerlichkeit, gar Widerspruch, akzeptiert er nicht. Und: Er ist von beängstigender Ämtergefräßigkeit, wie sein Biograf drastisch schreibt.

Als Kohl die CDU übernimmt, zählt sie 280.000 Mitglieder, wenig auf österreichische Verhältnisse umgelegt. Im Jahr 1982 ist die Union eine Massenpartei mit knapp 720.000 Mitgliedern. Die Ära Kohl kann beginnen. Zuvor freilich muss er noch einige Rivalen aus dem Weg räumen. Den gefährlichsten lässt er ungerührt in die listig aufgestellte Falle tappen. Franz Josef Strauß kämpft 1980 gegen Helmut Schmidt von der SPD um die Kanzlerschaft. Kohl weiß um die Vergeblichkeit und unterstützt Strauß verdächtig offensiv. Als die krachende Niederlage des Bayern Tatsache ist, bewundert die Hamburger „Zeit“ Kohls kluges Verhalten als „Machiavellismus in hoher Vollendung“. Viele Medien haben ihn nach der Wahl abgeschrieben, in Wahrheit sollte sich der Verzicht auf die Kanzlerkandidatur als einer seiner cleversten Schachzüge entpuppen.

Seine dominierende Stellung auf der weltpolitischen Bühne hat Kohl nahezu ausschließlich Hans Dietrich Genscher zu verdanken, dem Führer der kleinen liberalen FDP. Seit 1962 duzen sie einander, 20 Jahre später wechselt Genscher den Koalitionspartner, mit der Brechstange und einem verfassungsmäßig zugelassenen Trick stürzen sie Helmut Schmidt. Seitdem bestimmt dieses Duo den Lauf der deutschen Dinge. Dennoch werden die beiden von der Dynamik in Osteuropa überrascht.

Schwarz schildert detailliert, welch überragende Rolle US-Präsident George Bush senior 1989 gespielt hat. Dass der weit entfernte Amerikaner seinen europäischen Verbündeten weit voraus war, gibt auch Horst Teltschik zu, damals einer der engsten Berater des Kanzlers Kohl. Teltschik bringt ein interessantes Kalkül Gorbatschows für die deutsche Einheit aufs Tapet. Der Reformkommunist sei weder ein schwächlicher Sowjetführer gewesen, schon gar nicht ein Menschenfreund. Er sei aber von der technologischen und gesellschaftlichen Fortschrittlichkeit Deutschlands beeindruckt gewesen, sehe in Deutschland den Partner, der ihm helfe, die Sowjetunion zu reformieren.

Bis heute gilt es als kühnster Parforceritt, dass es Kohl gelang, die DDR aus dem kommunistischen Militärbündnis herauszubrechen. Das wurde mit vielen Milliarden DM und später deutschen Euros erreicht. Mit der Zahlung für Europas Einheit haben Kohl und seine Deutschen wohl auch die Rechnung für das 20.Jahrhundert beglichen. ■




Hans-Peter Schwarz
Helmut Kohl

Eine politische Biografie. 1052S., geb., €36 (Deutsche Verlags-Anstalt, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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